Samstag, 30. Juni 2012

Titanic - 100 Jahre Mythos

Die Titanic verlässt Southampton, 10. April 1912
Vor knapp zwei Monaten hat sich der Untergang der sagenumwobenen Titanic zum hundertsten Mal gejährt. In Gedenken an das größte Unglück auf See wurde der berühmte James-Cameron-Film von 1997 erneut in den Kinos gezeigt, mehrere historische Romane und Sachliteratur zum Thema erschienen und generell wurde der Untergang der RMS Titanic in den Medien stark thematisiert. Obwohl der hundertste Jahrestag des Titanicuntergangs nun schon wieder ein paar Wochen her ist, möchte ich auch auf Gaiety Girl Anteil nehmen, indem ich die Geschichte des Schiffs der 1000 Träume erläutere und ein paar Mythen aufkläre. 

Gleichzeitig möchte ich versuchen euch näher zu bringen, weshalb der Untergang der Titanic ein so einschneidendes Ereignis ist und kaum vergleichbar mit anderen maritimen Unglücken in der Geschichte der westlichen Welt. Mein eigener erster Berührungspunkt mit der RMS Titanic fand statt, als ich als kleines Mädchen eines Sonntagmorgens den Fernseher eingeschaltet habe und ein Bericht über den Untergang gezeigt wurde, bei dem die damals noch lebenden Überlebenden des Unglücks selbst zu Wort kamen. Das ist übrigens auch der Moment, auf den ich, wenn ich es herunter brechen muss, den Beginn meines Interesses an der Belle Époque und an der Geschichte unserer Welt generell zurückführen würde. Es hat etwas seltsam Unwirkliches, Geschichte über Zeitzeugen zu erfahren, über Leute, die etwas erlebt haben, das für uns heute so lang her ist und so romantisch verklärt, wie der Untergang der RMS Titanic. 

Jungfernfahrt 

RMS Titanic verlässt den Hafen von Southampton am 10. April 1912. Sie ist das größte Schiff ihrer Epoche, gebaut in Belfast, und der zweite der drei Olympic-Ozeandampfer, betrieben von der White Star Line. Titanics Schwesterschiffe, Olympic und Britannic, haben ähnlich interessante Geschichten. Die Olympic war 24 Jahre im Einsatz, bevor sie in den 1930er Jahren aus dem Verkehr genommen wurde. Die Britannic allerdings fand ihr Ende im ersten Weltkrieg: 1916 lief sie auf eine deutsche Mine auf und sank. Bis heute hält sich übrigens hartnäckig eine Verschwörungstheorie, nach der die Titanic gar nicht die Titanic gewesen, sondern im allerletzten Moment durch die Olympic ausgetauscht worden sein soll. Dafür gibt es allerdings keinerlei Anhaltspunkte und sollte euch diese Theorie irgendwo einmal begegnen, denkt daran, dass es sich um reine Spekulation handelt. Tatsächlich wollte die Olympic der Titanic in der Unglücksnacht aber zur Hilfe kommen, erhielt aber die Anweisung sich fern zu halten: Man befürchtete, dass die Olympic, die der Titanic sehr ähnlich sah, die Überlebenden in Panik versetzen könnte, wenn von diesen verlangt würde, so kurz nach dem Untergang ein Schiff zu betreten, dass dem Unglücksschiff  glich. 

An Board der Titanic befanden sich rund 2300 Menschen, darunter einige der reichsten und bekanntesten Persönlichkeiten der Ära. So zum Beispiel der amerikanische Multimillionär John Jacob Astor mit seiner schwangeren Frau Madeleine, Isidor Straus und seine Frau Ida, Benjamin Guggenheim, der berühmte Journalist William T. Stead, die Frauenrechtlerin Margaret Brown, die berühmte Schauspielerin Dorothy Gibson. Desweiteren befanden sich unter den rund 300 Passagieren der ersten Klasse auch viele britische Adelige. Den größten Teil der Passagiere machten allerdings die armen Auswanderer aus, die in der dritten Klasse reisten, und sich in Amerika ein neues Leben aufbauen wollten. Diese Auswanderer kamen aus allen Teilen der Welt: Großbritannien natürlich, aber auch Skandinavien, aus dem Libanon, aus Hong Kong oder aus dem mittleren Osten. Sie alle hatten bereits weite Wege auf sich genommen, um Southampton, Queenstown und Cherbourg zu erreichen, wo die Titanic Passagiere aufnahm, bevor sie ihre Reise über den Atlantik antrat. Die Aufenthaltsräume und Kabinen der dritten Klasse sollen auf der Titanic durchaus anständig gewesen sein. 

Wo es auf anderen Auswandererschiffen der Zeit nicht einmal eigene Schlafräume für die armen Passagiere gegeben hat, verfügte die Titanic über Aufenthaltsräume und einen eigenen Speisesaal. Allerdings wurde trotzdem präzise darauf geachtet, dass sich auch an Board der Titanic die Klassen nicht vermischten. Die Türen und Gitter zu den Aufgängen zu den Bereichen der zweiten und ersten Klasse blieben die meiste Zeit über verschlossen. Die Aufenthaltsräume der ersten Klasse aber schlugen alles, was man bisher an Board eines Passagierschiffes gesehen hatte. Büchereien, eine Sporthalle, Restaurants und türkische Bäder gab es. Am berühmtesten aber ist die große Treppe, die sieben Decks der Titanic miteinander verband und die unter einer großen Glaskuppel gelegen war, sodass natürliches Tageslicht einströmen konnte. Als das Schiff sank, wurde die Treppe wahrscheinlich durch die Glaskuppel aus dem Schiff gerissen, weshalb nichts von ihr erhalten geblieben ist. Sicherlich haben viele von euch den Film Titanic von 1997 gesehen. James Cameron ließ die große Treppe detailgetreu nachbauen, allerdings auch die luxuriös verzierten Holzvertäfelungen, die die Wände des Schiffes in der ersten Klasse schmückten. Vielen Zuschauern fällt es nicht auf, doch am Ende des Films treibt Rose nicht auf einer Tür im Atlantik, sondern auf einem heraus gebrochenen Stück dieser edlen Holzverkleidung. 

Rettungsboote

Rettungsboote, so wissen sicherlich viele von euch, waren jedoch nicht ausreichend vorhanden. Wie kann das sein? Die Situation rund um die Rettungsboote auf der Titanic ist viel komplexer, als es sich die meisten Leute klarmachen, und geht weit über bloße Fahrlässigkeit hinaus. Titanic hatte insgesamt 20 Rettungsboote an Board. Wäre jedes dieser Boote vollbesetzt worden, hätten sie für knapp die Hälfte aller Reisenden ausgereicht. Tatsächlich hatte Titanic allerdings mehr Rettungsboote an Board, als in der Zeit gesetzlich vorgeschrieben war. Der Sinn hinter den Rettungsbooten war nicht, dass die Passagiere in ihnen stundenlang ausharren mussten. Der Atlantik war viel befahren in der Zeit und im Normalfall kam ein Rettungsschiff zur Hilfe, dass die Geretteten aufnehmen konnte. Es sollte also eigentlich zwischen Unglücksschiff und Rettungsschiff hin und her gerudert werden, bis alle Passagiere evakuiert worden waren. Dieses Prinzip hatte in anderen maritimen Unglücken der Ära meist anstandslos funktioniert, denn die großen Schiffe blieben meist lang genug auf der Wasseroberfläche treiben, um alle Passagiere zu evakuieren. Titanic aber sank aufgrund der Umstände in bloß knapp drei Stunden. Weshalb im Falle Titanic kein Rettungsschiff in der Nähe war, werde ich später noch erklären. Weshalb die Rettungsboote nicht voll besetzt waren, ist eine andere Geschichte.

Hierzu gibt es mehrere Theorien und genau sagen, kann man es sicherlich nicht mehr. Eine Theorie besagt, dass die Zuständigen, die für den Ernstfall nicht vernünftig ausgebildet waren, Angst hatten, die Boote könnten dem Gewicht zu vieler Menschen nicht standhalten. Nach einer anderen Theorie wurden auch beim Befüllen der Rettungsboote noch die alten Standesgrenzen eingehalten und zuerst nur die Mitglieder der ersten und zweiten Klasse zugelassen. Dies ist jedoch aus mehreren Gründen fraglich. Erst einmal dürfte es in der Panik in den letzten Stunden auf der Titanic tatsächlich egal gewesen sein, welcher Klasse man angehörte. Ida und Isidor Strauss zum Beispiel, obwohl eins der einflussreichsten Paare der gesamten USA, verzichteten auf einen Platz im Rettungsboot, um ihren Dienstboten und jüngeren Menschen einen Platz zu gewähren. Eine englische Adelige bestand darauf, ihre Bediensteten mit ins Rettungsboot zu nehmen, eine andere, die Gräfin von Rothes, brachte eigenhändig ein Rettungsboot in Sicherheit und ruderte es zur Carpathia hinüber. Für die meisten Menschen waren die Standesgrenzen im Augenblick des Untergangs also tatsächlich aufgehoben. 

Zweitens waren die meisten Passagiere der dritten Klasse zum Zeitpunkt der Beladung der Rettungsboote furchtbarerweise unter Deck gefangen, weil die Trenngitter nicht hoch gelassen worden waren. Ob dies mit Absicht geschah oder in der Panik vergessen wurde, ist schwer zu sagen. Zudem gab es ein Missverständnis, das dazu führte, dass die Boote halb leer zu Wasser gelassen wurden. Einer der Offiziere hatte die Anweisung „Frauen und Kinder“ so verstanden, dass nur Frauen und Kinder gerettet werden sollten. Die meisten Boote machten auch nicht kehrt, nachdem die Titanic gesunken war, um die im Wasser treibenden Ertrunkenen einzusammeln, obwohl viele Gerettete darum baten. Die Szene im Film von 1997, in der die berühmte Frauenrechtlerin Molly Brown versucht den Quartiermeister Hitchens zu überzeugen zurückzufahren, aber von ihm rüde zurechtgewiesen wird, entspricht der Wahrheit. Die Zuständigen sollen Angst gehabt haben, die Ertrinkenden könnten die Boote zum Kentern bringen. Bloß zwei Rettungsboote kehrten um und konnten tatsächlich noch einige Überlebende aus dem Wasser retten. 

Rettungsschiff 

Das Unglück ereignete sich vier Tage nach Beginn der Reise in Southampton, in der Nacht auf den 15. April 1912. Ungefähr 600 Kilometer nördlich von Neupfundland streifte Titanic zwanzig Minuten vor Mitternacht einen Eisberg. Frederic Fleet hatte den Eisberg gesehen und der Brücke gemeldet und es wurde alles daran gesetzt, das Schiff zu drehen, doch es war zu spät. Der Mythos, man hätte guten Gewissens auf den Eisberg zugehalten, weil man der Meinung war, die Titanic könnte nicht sinken, ist also nichts weiter als ein Mythos. Titanic wurde als „geradezu unsinkbar“ beworben, doch niemand der Zuständigen hat wirklich geglaubt, dass das Schiff nicht sinken könne. Der Aufprall schlug Dellen in die Stahlwände des Rumpfes und fünf der sechzehn wasserdichten Abteile im Bauch des Schiffes rissen auf und füllten sich mit Wasser. Es war bekannt, dass das Schiff mit vier überfluteten Abteilen an der Oberfläche bleiben konnte, doch das fünfte Abteil war eines zu viel und man wusste, dass Titanic sinken würde. Das Wasser schwappte von Abteil zu Abteil, was für die berühmte Schräglage und das Sinken mit dem Bug voraus sorgte. Dies ist auch der Grund, weshalb die Titanic so schnell sank: In nur zwei Stunden und vierzig Minuten. Als das vordere Deck vollständig unter Wasser geriet, konnte das Wasser durch die vielen Öffnungen viel schneller in das Schiff dringen.

Schlagzeile im New York Herald, 16. April
1912
Das Schiff brach in zwei Teile, da der Kiel das gesamte Gewicht des Hecks, das nun aus dem Wasser ragte, nicht halten konnte. Der Bug sank, nachdem das Schiff zerbrochen war, sehr schnell. Das Heck aber war mit Luft gefüllt, weshalb es noch einige Minuten fast vertikal aus dem Wasser ragte, bevor es in Sekundenschnelle in die Tiefe gezogen wurde und hunderte von Menschen, die sich daran festgeklammert hatten, mitriss. Erst am nächsten Morgen erreichte die SS Carpathia, die in der Nacht per Funk kontaktiert worden war, die Unglücksstelle. Sie konnte die 710 Überlebenden aufnehmen und sicher nach New York bringen. Doch weshalb war kein Rettungsschiff in der Nähe? Hier kommt die SS Californian ins Spiel, die sich bloß wenige Seemeilen entfernt befand und die Titanic bereits einige Stunden zuvor vor Packeis gewarnt hatte. Nach Augenzeugenberichten sah man von der SS Californian aus die elektrischen Lichter der Titanic schlagartig erlischen, und dann mehrere abgefeuerte Leuchtraketen, mit denen die Besatzung der Titanic versuchte, die SS Californian, deren Lichter in der Ferne zu sehen waren, zu kontaktieren. 

SS Californian versuchte die Titanic durch Morsesignale zu erreichen, die jedoch nicht erwidert wurden, da der Zuständige auf der Titanic von Nachrichten überhäuft worden war und sich nicht darum kümmerte. Zehn Minuten, nachdem der Morsefunker der Californian es aufgab, die Warnung durchgeben zu wollen, kollidierte Titanic mit dem Eisberg. Gegen Viertel nach Zwei in der Nacht war Titanic dann von der SS Californian aus nicht mehr zu sehen gewesen. Erst, als die Besatzung der SS Californian über Funk erfuhr, dass die Titanic verloren war, wurde Kurs auf die Unglücksstelle gesetzt, doch als Californian dort ankam, hatte Carpathia bereits alle Überlebenden an Board aufgenommen. Doch wieso kam die SS Californian nicht früher zur Hilfe? Das ist eigentlich schnell erklärt: Californian war gegen Abend des 14. April 1912 selbst in ein Eisfeld geraten und ihr Kapitän hatte beschlossen das Schiff anzuhalten und erst am Morgen, wenn es wieder hell geworden war, die Reise fortzusetzen. Er hatte es richtigerweise für zu gefährlich gehalten, das Schiff im Dunkeln durch das Eisfeld zu navigieren. Als er in der Ferne Titanics Lichter auf das Eisfeld zusteuern sah, setzte er den Warnruf ab. Von der Californian aus konnte man anhand der Lichter sehen, dass die Titanic in Schieflage geraten war, doch es wurde nichts unternommen, da das Schiff nicht auf die Morsenachrichten reagierte. 

Als die Lichter erloschen waren, nahm man auf der Californian an, dass das Schiff die gefährliche Zone verlassen hatte. Erst, als gegen halb vier Carpathia mit großer Geschwindigkeit herbeigeeilt kam, wurde der Besatzung wirklich bewusst, dass ein Unglück geschehen sein musste. Nach dem Unglück kam es zu einer Anhörung der Besatzung der SS Californian, bei der vor allem der Kapitän dafür kritisiert wurde, nicht auf die abgefeuerten Leuchtraketen reagiert zu haben. Hätte SS Californian gleich nach Sichtung der Raketen Kurs auf die sinkende Titanic genommen, hätten vielleicht rund 300 weitere Leben gerettet werden können. SS Carpathia, die die Überlebenden des Unglücks aufgenommen hatte, erreichte drei Tage nach dem Unglück New York. Hier herrschte große Verunsicherung über den Verbleib der RMS Titanic. Amerikanische Medien meldeten, Titanic hätte Schwierigkeiten gehabt, würde sich aber weiterhin auf dem Weg nach New York befinden. Als der Irrtum bekannt wurde und man sich der Tatsache gegenüber sah, dass Titanic mit dem Großteil der sich an Board befindlichen Leben gesunken war, verbreitete sich das Entsetzen über das Unglück rasend schnell weltweit. Erzürnte Menschenmassen versammelten sich vor den Büros der White Star Line und die Presse kämpfte bitter um jede neue Information zum Untergang. 

Nachspiel und Mythos

Erst 1985 wurde das Wrack der Titanic wiederentdeckt. Es war in eine Unterwasserschlucht rund 3,6 Kilometer unter der Wasseroberfläche gesunken. Erst damals wurde festgestellt, dass das Schiff tatsächlich in zwei Teile gebrochen und nicht in einem Stück gesunken war. Noch heute umgibt ein riesiges Trümmerfeld das Wrack, auf dem neben Teilen von Inneneinrichtung und Außenwand auch persönliche Gegenstände verstreut liegen. Berühmt sind die Stiefel und Schuhe, die hier zu hunderten verstreut sind. Man nimmt an, dass sie das letzte sind, das von den Toten übrig ist, die das Schiff auf dem Weg in die Tiefe mitgerissen hat. Neue Aufnahmen lassen jedoch annehmen, dass im Schlick rund um das Schiff tatsächlich noch erhaltene Körper vergraben liegen könnten. Das Rätsel um RMS Titanic ist bei Weitem noch nicht vollständig gelöst. Während das Heck den Aufprall auf dem Meeresboden nicht überstanden ist, ist der Bug recht gut erhalten und Teile der Inneneinrichtung sind noch nachvollziehbar. Da das Wrack allerdings nicht gehoben werden kann, wird angenommen, dass es im Laufe der nächsten Jahrzehnte vollständig zerfallen wird.

Der Mythos Titanic beginnt bloß ein paar Tage nach Bekanntmachung des Unglücks. Die amerikanischen Zeitungen sind voll von pathetischen Gedichten zum Untergang, von Leserbriefen, in denen Anteil genommen wird, von Interviews mit den Überlebenden.  Die zweiundzwanzigjährige Schauspielerin Dorothy Gibson, die den Untergang überlebt und miterlebt hat, spielt bloß 29 Tage nach dem Untergang die Hauptrolle im ersten Spielfilm, der vom Untergang der Titanic handelt: Saved from the Titanic wird weltweit gezeigt und positiv aufgenommen. Inwieweit Dorothy Gibson wirklich mitspielen wollte, bleibt unklar. Sie soll während des Drehs mehrmals in Tränen ausgebrochen sein und auf die anderen Mitwirkenden einen unstabilen Eindruck gemacht haben. Dorothy trug im Film und auf Pressefotos sogar dieselben Kleider, in denen sie den Untergang miterlebt hatte. Es gibt viele Filme über den Untergang, unter anderem natürlich den von 1997 über den sich die Geister scheiden. Ich persönlich finde den Film sehr gut – auch in Hinsicht auf die detailgetreue Darstellung des Schiffes und des Unterganges. Für bare Münze nehmen sollte man natürlich aber auch diesen Film nicht. James Cameron hat mehrmals bewiesen, dass er gut über die Titanic Bescheid weiß, doch ein paar Fehler - und natürlich bewusste Änderungen - haben sich trotzdem eingeschlichen. 

Was die meisten Menschen aber viel mehr interessiert, als der Mythos selbst, ist die Entstehung des Mythos Titanic. Wieso gerade dieses Schiff, fragen sich viele Leute. Schließlich gab es noch andere Schiffsunglücke zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, die uns heute nicht so präsent in Erinnerung geblieben sind. Der Untergang der RMS Lusitania im Jahr 1915 zum Beispiel, bei dem auch über tausend Menschen ums Leben gekommen sind. Ich denke, dass der Mythos zumindest teilweise den zwei großen Filmen zu verdanken ist: Titanic im Jahr 1997 und Die letzte Nacht der Titanic aus dem Jahr 1958. Dazu kommt, dass das Wrack der Titanic sehr lange unentdeckt auf dem Meeresboden ruhte. Das große Medieninteresse an Interviews mit den Überlebenden und dem Vorgang des Untergangs selbst, die Spekulationen zum Untergang, die bereits im Jahr 1912 einsetzten und die kursierenden Gerüchte verselbstständigten sich über Jahre und Jahrzehnte zum Titanicmythos, den wir heute kennen. Natürlich steckt aber noch mehr dahinter. Zum einen muss man bedenken, dass der Untergang der Titanic das größte Unglück auf See seiner Zeit war: Zu Friedenszeiten hatte man ein so schreckliches nautisches Desaster noch nicht erlebt. Dazu kommt, was die Titanic darüber hinaus war. Nicht einfach ein Passagierschiff von vielen, sondern das größte, dekadenteste und luxuriöste ihrer Zeit, auf dem sich einige der einflussreichsten, berühmtesten Menschen befanden. 

Dass die Titanic als unsinkbar gegolten hätte, ist einer der vielen Mythen rund um das Schiff, doch Schiffe wie die Titanic, die neuen Dampfschiffe, galten durchaus als sehr sicher. Das alles ist nicht der Hauptgrund, weshalb Titanic uns in Erinnerung bleibt und so schnell auch nicht vergessen werden wird. Der Untergang der RMS Titanic wird als einer der Angelpunkte des Endes des langen neunzehnten Jahrhundert betrachtet. Zusammen mit dem Ausbruch des ersten Weltkrieges zwei Jahre später und einiger anderer Ereignisse läutet der Untergang eine neue Epoche ein, eine andere Epoche, die Ideale und Ideen des neunzehnten Jahrhunderts ablehnt. In seinem Buch "The Titanic Complex" nennt John Wilson Foster den Untergang das Ende einer Ära voller Optimismus, Forschergeist und Selbstbewusstsein. Mit der Titanic sinkt im Jahr 1912 also auch die Kultur des neunzehnten Jahrhunderts. Das Ende der Belle Époque ist eingeläutet und kommt entgültig zwei Jahre später. Die schöne Epoche macht Platz für Krieg, Leid, dunklere Tage, und aus heutiger Perspektive ist der Untergang der Titanic, mit allen Luxusgütern, mit all den reichen Menschen der Belle Époque, natürlich ein krasses Symbol für das Ende einer Ära. Ist es vielleicht das, was die Titanic bis heute im kollektiven Gedächtnis hält? Vielleicht. 

Selbst nachlesen?

Brewster, Hugh: Gilded Lives, Fatal Voyage. The Titanic's First-Class Passangers and their World. 2012.

Foster, John Wilson: The Titanic Complex. A Cultural Manifest. 1997. 

Pellegrino, Charles: Farewell, Titanic. Her Final Legacy. 2012. 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen