Mode 1830: Der Weg in die Romantik

Modezeichnung aus Mercure des Salons, 1830
Viele von euch kommen über Google auf dieses Blog und zwar wird in allen möglichen Variationen nach viktorianischer Mode gesucht. Obwohl ich absolut vernarrt in die Trends des viktorianischen Zeitalters bin, findet man hier bisher allerdings bloß ein paar Artikel zu einzelnen Kleidungsstücken. Das ist schade, finde ich. Den Leuten, die extra das Blog anklicken, weil sie etwas über viktorianische Mode lernen wollen, wird hier gar nichts geboten. Das soll sich aber ab heute ändern. Ich will in den nächsten Monaten meine Rubrik zur viktorianischen Mode  etwas ausstaffieren. Queen Victoria herrschte ganze 64 Jahre lang und sah viele Modetrends kommen und gehen. Und mit denen will ich mich auch befassen. Da Queen Victoria im Jahr 1837 Königin wurde, beginne ich mit den 1830er Jahren und werde mich in den kommenden Monaten bis zum Beginn des ersten Weltkriegs vortasten. Doch wie sieht die Welt aus in der dritten Dekade des neunzehnten Jahrhunderts? 

Es ist die Zeit der industriellen Revolution in Großbritannien, die Welt verändert sich rasend schnell: Neue Gesetze zum Umgang mit der Armut und eine neue Königin bringen einen großen sozialen Umschwung. Charles Dickens schreibt seinen berühmtesten Roman "Oliver Twist" und Charles Darwin beginnt seine Laufbahn auf der HMS Beagle. Der erste Opiumkrieg mit China bricht aus, Großbritannien erobert und unterwirft immer neue Kolonien. In Deutschland wird der berühmte Kasper Hauser ermordet, in Frankreich sorgen 1830 die Julirevolution und 1832 die Junirevolution, die später Victor Hugos "Les Miserables" hervorbringen sollte, für Aufruhr. Und was hatte die Mode der Zeit für die Damen der 1830er parat? 

Rückbesinnung und neues Empfinden

Nachmittagskleid, ca. 1832
Metropolitan Museum of Art
Die 1830er setzen die Tradition der 1820er Jahre fort, Moden aus vergangenen Jahrhunderten wieder aufleben zu lassen. Langsam aber sicher kristallisiert sich eine neue Kunst- und Denkrichtung heraus: Die schwärmerische Romantik folgt auf die nüchterne Aufklärung und auch das spiegelt sich in der Mode der Dekade deutlich wieder. Das Ästhetikempfinden dieser Zeit findet Freude am urig-ländlichen, an malerischen Gegenden und ruhiger Schönheit und das lässt sich an den neuen Farbtrends und Mustern gut ablesen: Helle Stoffe waren beliebt und neue maschinelle Drucktechniken machten es nun möglich, filigrane Blumenmuster auf Stoffe zu drucken, die sich bald großer Beliebtheit erfreuten. Das amerikanische Nachmittagskleid oben links ist ein gutes Beispiel für diese Mode. Das Stück aus cremefarbener Baumwolle ist mit rosaroten Blüten bedruckt und wirkt deutlich romantisch verspielt, transportiert das Ästhetikgefühl der Ära sehr gut. Zu Beginn des Jahrzehnts erblickte ein neuer Modetrend das Licht der Welt: Die ausufernden Gigotärmel, die ihr an dem Stück oben auch sehen könnt, ihrer Form wegen auch „Schinkenärmel“ genannt, sollten die Schultern akzentuieren, um einen Kontrast zur schmalen Taille herzustellen.

Doch woher kommt diese Mode? Ich habe mich persönlich lange gefragt, wie sich die berühmte neoklassische Regencymode mit ihren leichten, fast durchsichtigen hellen Kleidern, deren Rock direkt unter der Brust ansetzt und von antiker griechischer Mode inspiriert ist, in den 1820er Jahren in die frühe viktorianische Mode verwandelt hat, mit festen Stoffen, langen Röcken und der berühmten Stundenglastaille. Hierzu habe ich eine Erklärung recherchieren können: Die neoklassische Mode der Aufklärungszeit drückt die neuen Denkrichtungen und philosophischen Aspekte des späten achtzehnten Jahrhunderts aus. Sie hat einen informellen Charakter, der nach der Französischen Revolution auf dem Höhepunkt der Aufklärung natürlich eine bewusste Abwendung von den schweren, reich verzierten Gewändern, gepuderten Haaren und geschminkten Gesichtern der Aristokratie darstellte. Mode sollte zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts nicht mehr ausdrücken, welchen Stand in der Gesellschaft man inne hatte, sondern wer man war, abseits von gesellschaftlichen Unterschieden. Natürlichkeit war ein großer Modetrend: Die Form des weiblichen Körpers durfte und sollte sichtbar werden, die Frau sollte sich bewegen können und mobil sein.

Ein riesiger gesellschaftlicher Fortschritt, der jedoch nicht lang anhielt. In den 1810er und 1820er Jahren veränderte sich die französische Gesellschaft erneut stark, mit Napoleon kehrte die Bedeutung des Adels zurück und die aufklärerischen Ideen von Natürlichkeit, Ausdruck des Selbsts, Individualität und Mode abseits von Klassengrenzen wichen den alten Idealen des achtzehnten Jahrhunderts: Bescheidenheit, Sittsamkeit und Anstand. Der weibliche Körper wurde erneut verhüllt und seine natürliche Form eingeschnürt. Die Freiheit der Frau, ausgedrückt in der Mode des Regency, war ein Ausbruch aus den starren Regeln, die über Jahrhunderte in der Mode gegolten hatten und Gedankengut, dass erst fast hundert Jahre später, um die Jahrhundertwende herum, erneut seinen Weg in die Pariser Mode finden konnte. So gesehen ist die relativ kurze Periode zwischen 1790 und 1830 mit ihren freizügigen, durchsichtigen Damenmoden ein krasser Ausdruck des aufklärerischen Gedankens, der durch die Romantik, die als Gegenbewegung beginnt, beantwortet wird. So erklärt sich aus, weshalb die viktorianischen Töchter der Regencydamen nicht selten schockiert waren über die unsittsamen Kleider, die ihre Mütter als junge Frauen getragen haben.

Haarschmuck, Mäntel und Schuhwerk 

Diese Rückbesinnung auf die Werte – und die Mode – des achtzehnten Jahrhunderts zeigt sich auch in der Form der Röcke, die, durch mehrere Lagen gestärkter Unterröcke geformt, erneut voll und schwer werden, ganz im Gegensatz zu den frei flatternden Röcken des Regency. Ab 1835 kommt auch der bodenlange Rock in Mode, den wir heute mit der Ära verbinden. Zuvor endeten Röcke meist über dem Knöchel. Es war nicht selten, dass manche Damen noch Kleider aus dem späten achtzehnten Jahrhundert besaßen, vielleicht von ihren Müttern oder gar Großmüttern aufgehoben, und diese nach den neuen Moden anpassen ließen, denn Farben, Muster und Stoffe waren wieder modern. Das Korsett der frühen viktorianischen Jahre ist übrigens noch nicht das typische Stundenglaskorsett, wie wir es aus dem fin de siècle kennen: Es hat meist noch Träger, die auf den Schultern liegen, und wird nur ganz sanft geschnürt. Die schmale Taille wird bereits durch die voluminösen Ärmel akzentuiert, welche oft durch Schulterpolster ausgefüllt wurden, weshalb es in dieser Dekade noch nicht notwendig ist, die Taille wirklich zu reduzieren.

Slipper, ca. 1835
Metropolitan Museum of Art
Das Haar trug man ähnlich wie in den vorangegangenen Jahrzehnten in der Mitte gescheitelt und am Hinterkopf zu einem Chignon gesteckt oder geflochten und zu einem Knoten aufgerollt. Oft wurden einzelne Strähnen geflochten und festgesteckt, um der Frisur einen komplexeren Anschein zu geben, und ein paar Strähnen über die Ohren gezupft, die auf beiden Seiten das Gesicht einrahmten und meist zu Locken gebrannt wurden. Die Strähnen konnten aber auch ebenfalls geflochten und über den Ohren festgesteckt werden. Zu besonderen Anlässen wurden Edelsteine in die Frisur integriert, oder Kämme hineingesteckt. Eine weitere Rückbesinnung auf alte Moden waren mit Edelsteinen besetzte Stirnbänder oder Stirnreife, wie sie in der Renaissance bereits modern gewesen waren. Auf der Straße trugen Damen Hauben mit breiter Krempe, die mit Bändern, Blumen oder Federn. Eine verheiratete Frau trug unter der Haube eine Leinen- oder Seidenkappe, reich verziert mit Spitze oder Rüschen. Diese Kappe wurde auch im Haus getragen.

Die Mäntel der Dekade waren zu Beginn noch bodenlang, wichen jedoch im Verlauf des Jahrzehntes kürzeren Mänteln. Ein Mantel der 1830er Jahre ähnelt eher einem modernen Cape: Meist ist er knielang, hat Schlitze für die Arme, und eine weite Kapuze. Es gab allerdings auch taillierte Mäntelchen mit Ärmeln. Über einem Abendkleid wurde ein weiter, langer Mantel aus teuren, fein verarbeiteten Stoffen getragen. Im Winter konnte dieser Mantel einen modischen Fellbesatz haben. Im Sommer trug die Dame eine Pellerine: Schmale Tücher, die über die Schultern gebreitet wurden. Nicht nur waren diese Tücher sehr modern, sei akzentuierten ihrerseits auch erneut die modische Breite der Schultern. Halbstiefel für Damen kamen gegen Ende der Dekade in Mode. Zuvor trugen Damen absatzlose Leder- und Stoffslipper mit eckiger Kappe auf der Straße und welche aus Seide zu festlichen Anlässen. Oben rechts könnt ihr ein Paar grüne Seidenslipper sehen, die gegen Ende des Jahrzehnts zu Bällen oder anderen Abendveranstaltungen getragen wurden. Dass diese Schuhe grün sind, ist übrigens ungewöhnlich: Ab circa 1835, als die Röcke bodenlang werden und die Schuhe verstecken, sind die meisten Slipper nicht mehr, wie in vorangegangenen Jahrzehnten, bunt, gestreift oder mit Stickereien verziert, sondern meist einfach schwarz oder weiß, da sie kaum gesehen wurden.

Selbst nachlesen?

Ashelford, Jane: The Art of Dress. Clothing and Society 1500–1914. 1996.

Tortora, Phyllis / Eubank, Keith: Survey of Historic Costume. 1994.

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