Jesse James: Legende des Wilden Westens

Jesse James, ca. 1882
Wer war eigentlich Jesse James? Für viele Amerikaner ist er ein Held: Der Robin Hood aus den Südstaaten, der die vom Krieg Geschädigten rächt. Auch viele Wildwestenthusiasten hier zu Lande sind begeistert von der Legende Jesse James. Für die meisten ist er ein charmanter Revolverheld und der Innbegriff des Wilden Westens. Ein paar haben vielleicht Andrew Dominiks Western „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“ aus dem Jahr 2007 gesehen und schon ein etwas vollständigeres Bild über die späten Jahre des Mannes hinter der Legende. Ich möchte euch heute einen kleinen Einblick in das Thema bieten, damit der Wildwestheld nicht bloß eine leere Maske bleibt.

Die Anfänge einer Legende 

Jesse Woodson James wurde am 5. September 1847 in Missouri als Sohn eines erfolgreichen Hanffarmers geboren. Aus Hanf wurden damals unter anderem Papier und Seile gefertigt, was den Anbau und Verkauf zu einem lukrativen Geschäft machte. In der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts erlebten die amerikanischen Südstaaten einen wirtschaftlichen Aufschwung, was den Anbau von Nutzhanf und auch Baumwolle betraf – durch die vom afrikanischen Kontinent entführten Sklaven gab es im Süden zahlreiche Arbeiter, die die Feldarbeit erledigen konnten, ohne, dass man sie bezahlen musste. Jesses Vater, der baptistische Pfarrer Robert James, besaß eine kleine Plantage mit sechs Sklaven, bis er im Sommer 1850 in Kalifornien an der Cholera verstarb – er war während des großen Goldrausches nach Kalifornien gereist, um dort für die Goldschürfer zu predigen. Sein Tod hinterließ die Familie James mittellos, als Jesse gerade einmal drei Jahre alt war. Um die Schulden abzubezahlen musste die Hanffarm verkauft werden. Zwei Jahre später heiratete Jesses Mutter Zerelda den wohlhabenden Farmer Benjamin Simms. Die Ehe wurde jedoch bald geschieden, da Simms Zereldas Söhne Jesse und Frank regelrecht hasste. 

1855 heiratete Zerelda den Arzt Reuben Samuels. Jesse wuchs mit drei Geschwistern und vier Halbgeschwistern auf, von denen der wohl bekannteste sein vier Jahre älterer Bruder Alexander Franklin sein dürfte: Frank James. Bis zum Ausbruch des amerikanischen Bürgerkrieges blieben die James-Samuels eine typische wohlhabende Bauernfamilie des amerikanischen Südens. Allerdings handelt es sich bei Missouri um einen so genannten „border state“: Das bedeutet, dass Missouri sich nicht einer der beiden bekriegenden Hälften der USA zuordnen ließ. Nicht der Konföderation im Süden, die unter Jefferson Davis für den Erhalt der Sklaverei kämpfte, und nicht der Union unter Abraham Lincoln im Norden. Trotz seines Status als neutraler border state, stand ein Großteil der Bevölkerung Missouris auf der Seite des Südens. Besonders die vielen Bauern und Plantagenbesitzer bangten um ihre Existenz, denn ihr Wohlstand hing von der Sklaverei ab, ohne die sie ihre Felder nicht mehr so kostengünstig bestellen konnten. 

Während Frank James als Soldat auf der Seite der Konföderation kämpfte, brachen in den border states ganz eigene kleine Kriege aus: Guerillatruppen zogen los und ermordeten auf bestialische Weise Anhänger der Union im Norden, während die Anhänger der Union Razzien in den Farmen und Häusern der Anhänger des Südens durchführten. Im Jahr 1863 fand ein solcher Überfall auf die James-Samuel-Farm statt. Frank war wegen Krankheit aus dem Krieg heimgekehrt. Die Union hatte in Erfahrung gebracht, dass Frank zu einer der oben erwähnten Guerillatruppen gehörte. Auf der Suche nach ihm verwüsteten sie die Farm und folterten den fünfzehnjährigen Jesse und seinen Stiefvater. Frank allerdings entkam und reiste mit den Guerillakämpfern durch den amerikanischen Süden. Ein Jahr später schloss sich auch Jesse dieser Gruppe an und zog zusammen mit seinem Bruder durch die Südstaaten, immer auf der Suche nach Anhängern der Union. Hier beginnt also die „Heldengeschichte“ des Jesse James als erbitterter Kampf für den Erhalt der Sklaverei. Nicht so heldenhaft, wie man meinen möchte.

Wegen der Aktivitäten der beiden Jamesbrüder wurde die Familie sehr bald aus Missouri verbannt. Frank und Jesse wurden getrennt und Jesse versuchte, sich der Union zu stellen, wurde dabei allerdings angeschossen. Während seiner Zeit bei den Guerillas hatte er bereits einmal eine beinahe tödliche Schusswunde erlitten. Er war gerade einmal achtzehn Jahre alt. Während er sich von der Verletzung erholte, lernte er im Haus seines Onkels seine Cousine Zerelda kennen und verliebte sich in sie. Sie heirateten allerdings erst neun Jahre später, denn der Sieg der Union aus dem Norden über die Konföderation im Süden, der das Ende der Sklaverei bedeutete, trieb Jesse erneut hinaus. Besonders in den border states kam es zu Unruhen und einem letzten Auflehnen gegen die Union, in denen Jesse mitmischte. Es folgten die ersten Banküberfälle auf Banken des Nordens, ausgeführt zusammen mit Frank James und Archie Clement, dem Leiter der Guerillatruppe. Mit dem Tod Clements zerfiel die Bande jedoch bald. Frank und Jesse James raubten allerdings trotzdem weiterhin Banken aus, raubten und töteten. 

Der amerikanische Robin Hood?

Zu der Legende, die Jesse James heute ist, wurde er allerdings erst 1869, vier Jahre nach Ende des Bürgerkrieges. Mit 22 Jahren tötete er aus einem Missverständnis heraus einen John Sheets, legte zusammen mit Frank eine spektakuläre Flucht hin und wurde daraufhin zum ersten Mal namentlich in der Zeitung erwähnt. Jetzt wurde ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt und Jesse James wurde vom Guerillakämpfer zum richtigen Gesetzlosen. Als Gesicht und Rächer der Konföderierten wurde er nun berühmt-berüchtigt und die Bande, die er zusammen mit Frank James, Cole Younger und dessen Brüdern gründete, wurde bekannt für ihre groß aufgezogenen, dramatischen Überfälle auf Banken, Züge und Postkutschen. Anscheinend gefielen sich die jungen Männer in ihren Rollen nur allzu gut, denn sie führten ihre Überfälle gern vor einem großen Publikum durch und gestalteten sie so theatralisch wie möglich. Ein Befürworter ihrer Taten rückte sie in der Öffentlichkeit zum ersten Mal in das Licht, in dem sie für viele Amerikaner heute noch stehen: Helden, Robin Hoods, die den Süden rächten. Doch die James-Younger-Bande war nicht dafür bekannt, ihre Beute mit den Bedürftigen zu teilen.

1874 wurden die berühmten Pinkertondetektive auf die Bande angesetzt, doch die James-Younger-Bande entkam jedes Mal und tötete mehrere der Detektive. Bald darauf nahm sich der Leiter der Agentur selbst der Aufgabe an. Er ließ eine Bombe im Haus der James-Samuels zünden und tötete Jesses kleinen Halbbruder und verletzte seine Mutter Zerelda dabei schwer. Obwohl der Anschlag Mördern und Räubern gegolten hatte, schadete er den Pinkertons maßgeblich und die Familie und die Gesetzlosen selbst erfuhren neue Anerkennung und Sympathien aus der Bevölkerung. Im Jahr darauf heiratete Jesse seine Cousine Zerelda. Doch bald darauf schon wurde das Ende der Ära Jesse James eingeleitet. Ein Überfall ging schrecklich schief. In Jesses Abwesenheit versuchte die Bande betrunken eine Bank auszurauben, wobei ein Teil der Bande umkam und der Rest gefangengenommen wurde. Bloß Frank und Jesse blieben frei, da sie sich nicht an dem Überfall beteiligt hatten.

Die Ermordung des Jesse James

Frank James beschloss, das Rauben und Morden aufzugeben, doch Jesse war noch immer nicht zufrieden. Er bildete eine neue Bande, was ihm bald zum Verhängnis werden sollte. Die beiden Fordbrüder, die er zu seinen engsten Vertrauten zählte, hatten sich gegen ihn verschworen. Robert Ford hatte ein Abkommen mit dem Gouverneur geschlossen: Wenn er Jesse James zu Fall brächte, würden er und sein Bruder begnadigt werden und eine große Menge Geld erhalten. Robert ging die Abmachung nicht aus Gier oder Boshaftigkeit ein: Jesse war mittlerweile paranoid geworden, tötete aus Angst grundlos Mitglieder seiner Bande und schien zu vermuten, dass die Fordbrüder etwas im Schilde führten. Robert hatte Jesse James als Kind bewundert und war enttäuscht von dem Mann, den er statt des Helden seiner Kindheit vorfand. Jesse James plante einen letzten Überfall, im Jahr 1882, zusammen mit den Fordbrüdern, bevor er sich zusammen mit seinen Kindern, die nichts von seiner wahren Identität wussten, und Zerelda zur Ruhe setzen wollte.

Am 3. April 1882 legte Jesse James seine Waffe ab, drehte Robert Ford den Rücken zu und stieg auf einen Stuhl, um ein Bild abzustauben. Robert schoss ihm in den Hinterkopf. Die Leiche wurde später anhand der beiden Schusswunden aus seiner Jugend identifiziert. Die Bevölkerung nahm den Mord an Jesse James entsprechend auf. Robert Ford, der ihren großen Helden hinterrücks erschossen hatte, galt als Verräter und Feigling, während Jesse James als Robin Hood der USA romantisiert und glorifiziert wurde. Trotzdem hielt der Gouverneur sein Versprechen und ließ die Fordbrüder freisprechen. Jesses Mörder Robert Ford wurde daraufhin Schauspieler und besaß mehrere Kneipen, bevor er rund 10 Jahre später, 1892, von einem Sympathisanten der Jamesbrüder erschossen wurde. Jesses Bruder Frank aber zog sich großteils aus dem öffentlichen Leben zurück. In den letzten Jahren seines Lebens, zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, fungierte er als Touristenguide auf der Jamesfarm in Missouri, wo rund fünfzig Jahre zuvor alles begonnen hatte. Hier verstarb er im Alter von 72 Jahren im Jahr 1915. 

Was steckt hinter der Legende?

Jesse & Frank James, ca. 1872 in Carolinda,
Illinois
Für viele Amerikaner ist Jesse James bis heute ein Held, ein Robin Hood, ein letzter Rebell des alten Südens. Robert Ford gilt auch heute noch als Feigling und Verräter, Jesses Taten als verwegen und bewundernswert. Ich persönlich finde diese Herangehensweise an Jesse James gefährlich. Denn trotz allem war Jesse James Räuber und Mörder, hat gestohlen und sich inszeniert, um sich selbst zu profilieren. Auch als Beschützer des Antebellumsüdens und Rächer der vom Bürgerkrieg Geschädigten mag ich Jesse James nicht sehen. 

Natürlich haben viele Farmer und Plantagenbesitzer ihre Grundlagen durch den Krieg verloren, sind in die Armut gestürzt und zu Grunde gegangen. Und natürlich mag es vielen Menschen leicht fallen, Jesse James als Rächer und Beschützer dieser Leute zu sehen. Und aus der Perspektive eines sechzehnjährigen Jungen, der im amerikanischen Bürgerkrieg alles verloren hat, mag dies auch gerechtfertigt werden. Aber einen kleinen Aspekt dieser Geschichte übersehen viele Menschen, nicht selten auch ganz bewusst: Gestützt war der Wohlstand des amerikanischen Südens auf der Sklaverei. Verloren hat der Süden seinen Wohlstand und seine Signifikanz durch den Fortfall der Sklaverei. 

Und am Ende sind die galanten Südstaatenrebellen, die sich gegen den Unterdrücker Union auflehnten, Jesse James unter ihnen, nichts weiter als Menschen, die getötet und gekämpft haben, um die Sklaverei zu erhalten. Die Unterdrückung, Entführung und Entmenschlichung tausender schwarzer Menschen. Die Frage, weshalb besonders Amerikaner, die James bis heute romantisieren, über diesen Fakt oft hinwegsehen und den Dreh- und Angelpunkt der Antebellumzeit und des Bürgerkrieges unter den Tisch fallen lassen, stellt sich gar nicht, wenn man sich die aktuellen Probleme in den USA ansieht – Folgen der Jahrhunderte langen Sklaverei, die bis heute spürbar sind. Jesse James’ Hass auf die Union ist für mich aus historischer Perspektive heraus durchaus nachvollziehbar, aber besonders aus moderner Sicht nicht verständlich, zu entschuldigen oder sogar zu glorifizieren. Jesse James war kein Held. Er war ein Mann, der aus der Kriegsnot heraus für Privilegien gekämpft hat, die keinem Menschen zustehen – der Besitz und die Ausbeutung anderer Menschen. 

In den Augen des Jesse James und der Südstaatler der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, aufgewachsen mit zutiefst rassistischen Denkmustern und Gesellschaftsnormen, mag Jesse James im Recht gewesen sein und Heldentaten vollbracht haben. Dass diese Art zu denken damals nicht richtig war, ist hoffentlich keine Frage, dass sie heute aber grundsätzlich überholt sein sollte, schon gar nicht. Trotzdem verehren viele Menschen diesen Jesse James. Wofür? Für sein Rebellentum? Ist er ein Symbol für Widerstand und Freiheit? Vielleicht. Dies ist eine Bedeutung des Jesse James, die sich erst nach seinem Tod durch Romane und Glorifizierung und später auch durch Filme zementiert hat. Doch für die Menschen seiner Zeit war Jesse James ein Symbol für den standhaften, stolzen Süden: Privilegiert, weiß, charmant. Erst in jüngster Zeit haben Historiker begonnen, Jesse James als das einzuordnen, was er sehr sicher gewesen ist: Ein selbstbewusster Räuber, Mörder und Terrorist, der deutlich zur Kreation seines eigenen Mythos beigetragen hat. Wenn wir von Jesse James als Revolverheld und Rächer reden, müssen wir auch darüber reden, wen er gerächt hat: Sklavenbesitzer. Das ist ein Fakt, der gern einmal unter den Tisch fällt, aber meiner Meinung nach durchaus wichtig ist, um Jesse James zu verstehen. 

Und was ist mit Robert Ford? Feigling, Verräter, oder Held? In den Südstaaten, wo man Jesse James als Held verehrte, galt Robert Ford als Verräter, obwohl sich auch bereits damals Meinungen in die Diskussion mischten, nach denen es an der Zeit gewesen war, das jemand Jesse James das Handwerk legt. Die moderne Verehrung des Jesse James geht natürlich Hand in Hand damit, den zur Zeit der Ermordung gerade einmal zwanzigjährigen Robert Ford in die Rolle des Bösewichts zu schieben. Romane, Filme und auch Volksballaden (am Berühmtesten ist wohl das Lied "Jesse James", das von berühmten Künstlern wie Nick Cave und Bruce Springsteen aufgenommen wurde) haben Jesses Rolle als Helden und Roberts Rolle als Feigling mittlerweile in den Köpfen vieler Menschen auch ohne Kenntnis über die Hintergründe zementiert. Mir fällt es im Moment noch schwer, mir ein Bild von Robert Ford zu machen. Ich lehne es aber ab, ihn als Feigling oder gar Verräter verstehen zu wollen. Robert Ford ist, genau wie jeder andere Mensch, eine komplexe historische Persönlichkeit, die in Zukunft vielleicht einen eigenen Artikel wert ist. Im Moment fällt es mir allerdings schwer, viel zu ihm zu sagen.

Selbst nachlesen?

Knopf, A.A.: Jesse James. Last Rebel of the Civil War. 2002.

Yeatman, Ted P.: Frank and Jesse James. The Story Behind the Legend. 2003.

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