Königin Victoria und Prinz Albert - Liebe, Ehe, Machtkampf

Königin Victoria und Prinz Albert
In Hofkleidung, ca. 1854 
Wer schon einmal in London war, kennt bestimmt die Namen Victoria und Albert. Die Royal Albert Hall, das Victoria Embankment, Albert Bridge, der Royal Victoria Dock und natürlich das Victoria and Albert Museum sind bekannte Marker der englischen Hauptstadt und natürlich nicht nach irgendwem benannt:

Wer Victoria war, wissen die meisten Leser dieses Blogs sicherlich ohne Erklärung: Königin Victoria von England, Namensgeberin der viktorianischen Ära, Herrscherin über das mächtige britische  Empire. Die Frau, die als junge Prinzessin bereits von den Engländern geliebt wurde und als Königin ein Idol wurde, dem man nacheiferte und das man verehrte. Die Frau, die vierzig Jahre schwarz trug, um ihren Mann trauerte. Aber wer war dieser Mann? Wer war der Prinzgemahl Albert?

Victorias Wahl

Prinz Albert wurde im selben Jahr wie Victoria, 1819, als Sohn deutscher Adeliger als Franz Albrecht August Karl Emmanuel von Sachsen-Coburg und Gotha, Herzog aus Sachsen geboren. Über Sachsen, damals noch ein deutscher Kleinstaat, der während der napoleonischen Besetzung zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts gerade so der Auflösung entging, sollte Albert jedoch niemals herrschen. Diese Aufgabe kam seinem älteren Bruder Ernst zu Gute. Albert hatte kaum Kontakt zu seiner Mutter: Als er fünf Jahre alt war verließ sie die Familie, nachdem ihr Ehemann sie wegen einer Affäre angeklagt hatte. Doch auch den Vater sah Albert nicht allzu oft: Seine Erziehung wurde von Lehrern übernommen, zum großen Teil vom sogenannten "Prinzeninstruktor", der nicht nur Albert, sondern auch seinen Bruder Ernst betreute. Später soll Albert seine Kindheit als unglücklich bezeichnet haben, was wohl nicht nur am Verschwinden seiner Mutter lag, sondern auch am Klatsch und Tratsch rund um die Herzogsfamilie, der durch die Scheidung hervorgerufen wurde, aber auch durch die Affären des Vaters. Albert soll stur und wissensdurstig gewesen sein, wurde von den Engländern jedoch zu Beginn nur wenig gemocht und als merkwürdig empfunden.

Bereits im Jahr 1836, als Victoria und Albert um die siebzehn Jahre alt waren, gab es erste Pläne, die beiden zu verheiraten, doch Victoria war bereits Anwärterin auf den Thron und der amtierende König, William IV. hatte andere Pläne für sie, er hatte sich Alexander von Oranien als geeigneten Ehemann für Victoria ausgesucht, und wollte keine Verbindung zum Haus Sachsen-Coburg. Victoria aber wollte sich nicht einfach mit irgendjemandem verheiraten lassen. Sie hatte beide Prinzen kennengelernt und während sie Alexander von Oranien nicht besonders ins Herz geschlossen hatte, gefiel ihr Albert sehr gut. Dies schrieb sie auch in einem Brief an ihren Onkel Leopold, König von Belgien, dessen Idee es gewesen war, Victoria und Albert einander vorzustellen. Sie soll besonders von Alberts großen blauen Augen geschwärmt haben. Doch erst einmal kam es anscheinend zu Spannungen: Albert wurde erst zwei Jahre später überhaupt mitgeteilt, dass er als Heiratskandidat für Victoria vorgesehen war. Dass er ihr 1837 einen förmlichen Brief schrieb, in dem er ihr zur Thronbesteigung gratulierte, wird Victoria gerade deshalb falsch aufgefasst haben. Sie fühlte sich abgelehnt. Dabei soll auch Albert an Victoria Gefallen gefunden haben, wie er verkündete, nachdem man ihm 1838 gesagt hatte, dass er als ihr Ehemann in Frage kam.

Im Oktober 1839 reiste Albert erneut nach England und Victoria, die schließlich mittlerweile Königin war, hielt um seine Hand an. Dies wird oft als etwas merkwürdig angesehen, ist aber ganz normal: Schließlich darf man eine Königin nicht um ihre Hand bitten, sie sucht sich selbst aus, wen sie heiraten möchte. Im Februar 1840 folgte die Hochzeit: Victoria und Albert, beide 20 Jahre alt, heirateten in der Chapel Royal im St. James's Palace in London. Die britische Bevölkerung hielt zu diesem Zeitpunkt wenig auf Albert. Er war kein Königssohn, sondern bloß ein Prinz aus einem kleinen, armen deutschen Staat. Albert nahm dies jedoch mit Humor und sagte recht scharfzüngig, er würde sich als Prinz von Sachsen wichtiger fühlen, als als Prinz von Kent, was sein neuer Titel als Ehemann der britischen Königin war. Doch ganz egal schien Albert seine neue Stellung auch nicht: Er soll sich sehr gegrämt haben, dass er als Victorias Mann nicht König von England war, sondern bloß Prinzgemahl, und keinerlei eigene Macht über England inne hatte. Den berühmten Titel Prince Consort erhielt er auch erst im Jahr 1857. 

Prinz Albert hatte Ideen: In Brüssel hatte er gelernt, an den Humanismus, an Freiheit und an die Wichtigkeit einer Verfassung zu glauben. Albert war unter anderem ein großer Gegner des Sklavenhandels und Schirmheer der großen Weltausstellung, die 1851 in London im Crystal Palace stattfand. Albert lag sehr am Herzen, die konstitutionelle Monarchie in Großbritannien zu verbessern und wirkte trotz seiner Machtlosigkeit in der Politik mit, obwohl Victoria das nicht gern sah: Sie wollte ihr Privatleben von ihrem Leben als Königin trennen und ihr Ehemann gehörte für sie eindeutig zu ihrem Privatleben. Victoria hielt es genau genommen, wie die männlichen Könige vor ihr: Der Ehepartner musste einen besonderen Rang innehaben und erhielt neue Titel, war aber keineswegs befugt selbst zu herrschen. Albert gefiel das nicht, er wollte sich damit nicht zufrieden geben, und Victoria passte nicht, dass er ihren Wunsch sich aus ihren Aufgaben als Königin von England herauszuhalten, ignorierte,

Eine glückliche Ehe?

Königin Victoria und Prinz Albert, ca. 1854
Er ist extrem gut aussehend; sein Haar hat ungefähr dieselbe Farbe wie meines; seine Augen sind groß und blau und er hat eine schöne Nase und einen sehr süßen Mund mit schönen Zähnen; doch der Charme seines Gesichts ist sein Ausdruck, der sehr reizend ist.

Das schreibt Victoria an ihren Onkel Leopold, den König von Belgien, und kurz nach der Eheschließung bedankt sie sich sogar bei ihm dafür, dass er sie und Albert zusammengebracht hat. Doch ist die Ehe von Victoria und Albert wirklich so glücklich, wie Filme, Romane und sogar wissenschaftliche Abhandlungen oft weismachen wollen? Eine Frage, die schwer zu beantworten ist. Bereits im ersten Ehejahr fühlte Albert sich bei Hofe oft übersehen und nicht ernst genommen, während Victoria, die willensstarke Königin, immer wieder beteuerte, dass es ihr nicht gefiel, wenn Albert sich in die Staatsgeschäfte einzumischen versuchte. Bald wurden Victoria und Albert in England sehr beliebt: Sie galten als ideales Liebespaar, als Vorbild für eine glückliche Ehe. Doch unter der Oberfläche brodelte es.

Hat Victoria Albert geliebt? Bestimmt. Schon zu Beginn hat sie zärtliche Briefe über ihn geschrieben und auch in ihrem Tagebuch von Albert geschwärmt. Albert selbst schien der Ehe kühler gegenüberzustehen, obwohl Victoria ihm gefiel, doch sobald die beiden verheiratet waren, kühlte sich das Verhältnis deutlich ab. Victoria wurde bald nach der Eheschließung schwanger und befand sich die nächsten Jahre fast dauerhaft in diesem Zustand. Ohne, dass die schwangere Victoria davon erfuhr, begann Albert sich doch noch in die politischen Angelegenheiten des Landes zu drängen. Nicht alle seine Einflussnahmen sind schlecht, bei Weitem nicht. Alberts Ausbildung, besonders die Reise nach Brüssel, hatten ihn zu einem guten Politiker gemacht und er tat England und dem Königshaus durchaus gute Dienste. Trotzdem ist verständlich, dass Victoria wütend war, als sie erfuhr, dass er ohne ihre Zustimmung in die Politik gegangen war. Was in den nächsten Jahren geschah, gibt viel Stoff für Debatten: Immer stärker übernahm Albert Victorias Aufgaben als Königin, beeinflusste sie in ihren Entscheidungen und mischte sich in die Politik ein.

Ob ihr das Recht war? Heute geht man davon aus, dass Albert, der genau wie Victoria stolz und stur war, die junge Frau stark manipuliert und in die Richtungen gelenkt hat, die er sich ausgedacht hatte. Die selbstsichere, willensstarke Victoria wurde immer kleiner, lenkte öfter ein, übergab Albert immer mehr Macht, die er in seiner Position nach dem Protokoll nicht hätte haben dürfen. So sorgte Albert zum Beispiel dafür, dass die Baronin von Lehzen, eine Vertraute Victorias aus Kindertagen, die Albert nicht gut leiden konnte, den Hof verlassen musste. Victoria wird in dieser Zeit oft als "jähzornig" und "gereizt" geschildert, soll die Entscheidungen ihres Mannes aber immer öfter angenommen haben. Ich glaube fast, um es vorsichtig auszudrücken, dass Victorias Gereiztheit durchaus berechtigt war: Als Königin von England war sie zwar die wichtigste Person im Lande, die Macht, die Entscheidungsgewalt und die eigene Agenda wurden ihr aber nach und nach immer mehr weggenommen, unter anderem von ihrem eigenen Ehemann. Dass man sich nicht getraut hätte, das mit einem männlichen König zu machen, muss ich nicht dazu sagen, doch das sagt einiges über das viktorianische Frauenbild aus, in dem nicht einmal eine Königin ihre Macht behalten darf.

Ich glaube, hier lässt sich gut ansetzen, weshalb Victoria Berufliches und Privates auseinander halten wollte: Albert war ihr Engel, geliebt hat sie ihn. Doch gleichzeitig war er ihr Widersacher, denn es gelang dem Paar nicht, den Machtkampf, der zwischen ihnen tobte, in den Griff zu bekommen. Ob dieser große Konflikt und die Streitereien zwischen den beiden die Liebe kaputt gemacht haben? Ich glaube nicht, doch einen großen Knacks wird sie bekommen haben. Die Liebesgeschichte zwischen Victoria und Albert gilt bis heute in England als größte Romanze der Geschichte und ich möchte gar nicht abstreiten, dass Victoria Albert geliebt hat. Auch körperlich soll sie ihn sehr anziehend gefunden haben. Doch die Ehe der beiden hatte viele Schattenseiten, die meiner Meinung nach nicht unter den Tisch fallen sollten. Ihre insgesamt neun Schwangerschaften empfand Victoria als reine Qual, Kinder mochte sie auch nicht besonders und, dass sie so oft schwanger wurde, soll laut ihren Tagebüchern bloß daran gelegen haben, dass sie sich nicht von Albert fernhalten konnte. Albert hatte einen besseren Draht zu Kindern und Victoria gefiel es, ihm zuzusehen, wie er mit den Kindern spielte und sich um sie kümmerte. Trotzdem gehen einige Quellen davon aus, dass die Ehe von Victoria und Albert besonders in den späten Jahren, eher auf Abhängigkeit und Gewohnheit beruhte, als auf richtiger Liebe und das besonders Victoria sich langsam aber sicher seinen Wünschen fügte, bis die einst so eigenwillige Frau nicht mehr ohne ihren Mann auskommen konnte.

Ein trauriges Schicksal

Im Jahr 1861 schlug das Schicksal zu. Albert erkrankte schwer und starb am 14. Dezember an Typhoid. Königin Victoria stürzte der Tod ihres Mannes, den sie sicherlich geliebt, aber vorrangig gebraucht hatte, in tiefste Verzweiflung. Sie regierte die letzten 40 Jahre ihres Lebens weiter und tat, was von einer Königin erwartet wurde, war jedoch niemals mehr dieselbe Frau, wie vorher. Die Gesellschaft in London, das Leben bei Hof, wurde ihr zuwider und sie war nicht bereit erneut zu heiraten. Für den Rest ihres Lebens trug sie in Andenken an Albert schwarze Trauerkleidung. Sie sorgte außerdem dafür, dass in Alberts Schlafzimmer Tag für Tag alles so hergerichtet würde, als sei er noch am Leben. Zumindest zum Teil wurde Victoria zu der bitteren, dunkel gekleideten Frau, als die sie heute bekannt ist. Ich möchte aber nicht glauben, dass Victoria den Rest ihres langen Lebens nur in Trauer verbracht hat. Es gibt genug Bilder, auf denen sie lächelt und glücklich zu sein scheint und ich hoffe, dass sie auch ohne ihren Albert noch Spaß im Leben gefunden hat.

Dass Victoria niemals mehr dieselbe war, ist nicht schwer herauszufinden: Nicht nur klammerte sie sich an Alberts Andenken, auch begann sie, das Handeln ihrer Kinder stark zu kontrollieren und zu überwachen. Victoria war es nicht mehr gewohnt allein zu sein und klammerte sich an jeden, der ihr noch geblieben war. So soll sie selbst die älteste Tochter, nach ihr Victoria genannt, weiterhin überwacht haben, nachdem diese nach Deutschland geheiratet hatte und zu ihrem zweiten Sohn, dem Thronprinzen Bertie, hatte sie ein denkbar schlechtes Verhältnis: Sie machte ihn für den Tod Alberts verantwortlich, da Albert, der zu diesem Zeitpunkt bereits krank war, sich sehr um Bertie gesorgt haben soll, da dieser einen sehr liderlichen Lebensstil pflegte. Victoria schien große Angst zu haben, dass ihre Töchter dasselbe Schicksal erwartete, wie sie selbst: Machtlosigkeit trotz der hohen Geburt, doch durch ihre Angst und ihren Kontrollzwang machte sie Victoria und den anderen Töchter das Leben schwer. Eine schlechte Mutter soll Victoria nicht gewesen sein, doch der Verlust ihres geliebten Alberts und sicherlich auch die vielen Auseinandersetzungen und Pflichten vor seinem Tod, haben sie kaputt gemacht. Zum diamantenen Jubiläum Victorias wurde "Queen Victoria's Online Scrapbook" online gestellt, in dem ihr euch weitere private Bilder und Briefe der Königin ansehen könnt.

Selbst nachlesen?

Gill, Gillian: We Two. Victoria and Albert, Rulers, Partners, Rivals. New York 2009.

Rappaport, Helen: Magnificent Obsession. Victoria, Albert and the Death that Changed A Monarchy. London 2011.

Rogasch, Wilfried: Victoria & Albert, Vicky & The Kaiser. Ein Kapitel deutsch-englischer Familiengeschichte. 1997. 

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