Artistic Dress: Der Beginn von Anti-Fashion

Mrs Luke Ionides von William Blake Richmond, 1882
In meinem Artikel zur Mode der 1860er Jahre habe ich ganz bewusst eine Bewegung nicht erwähnt, die die Modewelt des Jahrzehnts kräftig aufgeschüttelt hat: Die Bewegung Artistic Dress. Während ihr im Artikel zur Mode der 1860er Jahre die „Mainstreammode“ der Dekade kennenlernt, habe ich mich entschlossen, Artistic Dress einen eigenen Artikel zu widmen, da hier etwas passiert, das für die gesamte weitere Modegeschichte von großer Signifikanz ist. Eine Alternativkultur entsteht, die mit ihrer eigenen Mode einhergeht und sich bewusst von den Idealen und Normen ihrer Epoche abgrenzen möchte.
Die Präraffaeliten – Der Ursprung des Artistic Dress

Das Artistic Dress entwickelt sich aus den Ideen der Präraffaeliten. Hier sind ganz besonders Dante Gabriel Rossetti, John Everett Millais und William Holman Hunt zu nennen, die Begründer und Wortführer der Bewegung. Die Präfaffaeliten arbeiteten nach dem Prinzip, dass die Maler der Renaissance, wie zum Beispiel Raffael oder Michelangelo, die Kunst koruptiert hätten. Unter ihnen sei Kunst etwas Mechanisches, Liebloses geworden.

In ihren eigenen Gemälden spiegelten sie mittelalterliche Kunst voller Detail und Farben wider, ganz besonders italienische Quattrocentokunst – Die Kunst des späten Mittelalters auf der Schwelle zur Renaissance, ungefähr im fünfzehnten Jahrhundert zu verordnen. Kunst, so drückten es die Präraffaeliten aus, müsste ehrliche Ideen ausdrücken und die Natur und das Natürliche wiedergeben, sie sollte aus dem Herzen kommen und nicht nur oberflächlich schön sein. Mittelalterliche Kunst und Kultur faszinierte sie, denn sie glaubten, dass die Menschen und die Kultur des Mittelalters eine harmonische Integrität besessen hätten, die in späteren Jahrhunderten verloren gegangen sei.

Jane Morris, ca. 1865
Quelle: St. Bride Printing Library 
Daher ist auch nicht weiter verwunderlich, dass ein sehr beliebtes Feld der Präraffaeliten die Artussage und andere mittelalterliche Epen und Geschichten waren. Um diese Motive zu malen, kleideten sie ihre Modelle in romantischen, lose sitzenden Kleidern, die von der Mode des Mittelalters inspiriert waren. Die Modelle, meist Verwandte, Ehefrauen oder Bekannte der Präraffaeliten, übernahmen die Mode bald in ihren Alltag, da auch sie an der Idee hinter dem Präraffaelismus Gefallen gefunden hatten.

Die Kleider saßen meist locker und waren im Vergleich zur aufwendigen Mode der Ära sehr einfach gehalten. Romantische Puff- und Fledermausärmel sind ein weiteres Beispiel für den Stil. Die Kleider wurden ausschließlich natürlich gefärbt und waren in gedämpften Farben gehalten, sehr beliebt war Salbeigrün. Verziert waren sie höchstens durch handgemachte Stickereien. Das Ideal des Artistic Dress war die blasse Frau mit dunklem Blick und wild flatterndem roten Haar: Verkörpert unter anderem durch Jane Morris, rechts abgebildet, und Rossettis Ehefrau Elizabeth Siddal. Bald galt das Artistic Dress als Ausdruck der Ablehnung der Pariser Mode, die sich in den 1860er Jahren als erste echte Haute Couture entwickelte, als Ausdruck der Ablehnung von Korsett, Krinoline, schweren Stoffen und den neuen chemischen Farben, die krasse, grelle Farben, die in den 1860er Jahren durchaus modern waren, erst möglich machten.

Artistic Dress war, wie der Name schon sagt, sehr beliebt in den Intellektuellen- und Künstlerkreisen der Zeit und galt als Ausdruck der künstlerischen Ideale: Natürlichkeit, Wertschätzung von Handarbeit und Wertschätzung von qualitativem Material. Artistic Dress geht daher außerdem Hand in Hand mit Arts & Crafts, einer Bewegung in Kunst und Design, die ebenfalls die qualitativ wertvollere Handarbeit der lieblosen maschinellen Herstellung vorzieht. Arts & Crafts entstand bereits in den 1860er Jahren, erlebte seine Blüte allerdings rund zwanzig Jahre später und beeinflusste stark den Jugendstil der Jahrhundertwende. Artistic Dress, Präraffaelismus und Arts & Crafts ist auf die Philosophien des John Ruskin zurückzuführen, der postulierte, dass sich die Gesundheit und Moral einer Nation in ihrem Design und ihrem Handwerk ausdrückte. Die industrielle Revolution, die maschinelle Produktion ohne viel Mühe möglich machte, hatte nach seinem Empfinden Großbritannien vergiftet.

Aesthetic Dress – Die nächste Stufe

Teekleid, Liberty & Co., ca. 1885
Metropolitan Museum of Art
Das Aesthetic Dress löst das Artistic Dress ungefähr ab den 1880er Jahren ab. Es teilt die Liebe ihrer Vorgängerbewegung zu natürlichen Formen, schönen, qualitativ wertvollen Stoffen, Gradlinigkeit und ist ebenso ein Ausdruck von Ablehnung der Pariser Mode, lässt die Idee, dass Kleidung handgemacht sein und in seiner Einfachheit Reinheit widerspiegeln sollte, jedoch hinter sich. Tatsächlich nutzt sie dieselben Charakteristika, ihr Zweck steht dem des Artistic Dress jedoch scharf gegenüber. Die ästhetische Bewegung des fin de siècle, von der unter anderem Oscar Wilde ein großer Anhänger war, hatte es sich zum Ziel gemacht, in der Mode die Schönheit selbst widerzuspiegeln. In den Augen der Ästheten sollte Kunst – und die damit verbundene Mode, die feinste, edelste Art der sinnlichen Freude hervorrufen und ausdrücken. Kunst und Mode sollten vorrangig schön sein. Die Ästheten empfanden die von Korsett und Tournüre verformte Figur allerdings als künstlich und nicht als natürlich und schön. Aesthetic Dress aber galt als Weg, sich in Harmonie mit der Umwelt zu kleiden, etwas, dass nach wie vor durch das mittelalterliche Ideal geprägt war.

Der Aufstieg des Aesthetic Dress in die Mainstreammode ließ natürlich nicht lang auf sich warten. In Amerika sorgte Oscar Wilde persönlich dafür, dass die Künstlerkreise der Vereinigten Staaten begannen, sich für die alternative Mode zu begeistern. Er selbst trug auf seiner Tour durch die Staaten von der Bewegung beeinflusste Kleidung, die viele seiner amerikanischen Fans nachzuahmen versuchten. Doch auch in Großbritannien setzte bereits in den 1870er ein, was mit Alternativmoden nicht selten passiert: Die Mainstreammode horcht auf und übernimmt die neuen Moden. Die feine Gesellschaft aber hält Aesthetic Dress ganz ohne Korsett, Krinoline oder Tournüre allerdings noch nicht für gesellschaftsfähig. Das berühmte Teekleid entsteht, ist stark beeinflusst von der Bewegung und kann auch von respektablen Damen im Haus getragen werden, um Besuch zu empfangen. Ab den 1890ern wird es immer akzeptabler das Teekleid auch auf der Straße zu tragen.

Unter dem Ausdruck Aesthetic Dress erfuhr die Mode einmal mehr eine romantische Rückbesinnung auf die Stile vergangener Jahrhunderte. Besonders die als harmonisch und gradlinig empfundene Mode des Mittelalters, aber auch die verspielte Mode des achtzehnten Jahrhunderts flossen in die Mode der Bewegung ein. Auch das wachsende Interesse an orientalischen und asiatischen Kleidungsstücken spielte eine große Rolle bei der Stilfindung des Aesthetic Dress. Der Durchbruch gelang im Jahr 1875: Arthur Lasenby Liberty eröffnet sein eigenes Kaufhaus, Liberty of London. Hier verkauft er orientalische und asiatische Stoffe. Im Jahr 1884 eröffnet er sein eigenes Modeimperium: Liberty of London als Kleidermarke wird weltberühmt als die Marke, die Aesthetic Dress herstellt. Ein Beispiel für diese Mode könnt ihr oben rechts sehen: Das schlichte Teekleid in blassen Farben steht im Kontrast zur aufwendigen Pariser Tournürenmode der Epoche. Spätestens hier kommt die Bewegung entgültig im Mainstream an und verliert ihre ursprüngliche Bedeutung komplett. Doch der Einfluss von Artistic und Aesthetic Dress auf die Pariser Mode, auf die Ideale und Denkweisen der Epoche und die folgenden Kleiderreformen und sozialen Umschwünge ist nicht zu übersehen.

Selbst nachlesen?

Aslin, Elizabeth: The Aesthetic Movement. Prelude to Art Nouveau. 1969.

Haweis, Eliza: The Art of Beauty and The Art of Dress. 1978.

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