Mode 1860: Krieg & Krinoline

Modezeichnung aus Musée des Familles, 1864
Während die 1850er Jahre vergleichsweise ruhig wirkten, folgt mit den 1860er Jahren ein Jahrzehnt voller Krieg, Revolution und kulturellem Wandel. Der amerikanische Bürgerkrieg, in dem Norden und Süden darum kämpfen, ob die Sklaverei abgeschafft werden soll oder nicht, zerreißt die United States of America in zwei Lager und beendet mit dem Sieg der Union aus dem Norden im Jahr 1865 endlich die Jahrhunderte lange Versklavung afrikanischer Menschen in den USA, hinterlässt das Land aber traumatisiert, zerrissen und kaputt. Im selben Jahr noch wird Präsident Abraham Lincoln, unter dem die Union den Sieg errungen hat, vom Schauspieler John Wilkes Booth erschossen. 

Die Ära der Reconstruction aber läutet 1869 das Gilded Age ein: Die Blütezeit Amerikas im neunzehnten Jahrhundert. Auch in Europa gibt es Turbulenzen. Preußen führt Krieg mit Dänemark und Österreich und Großbritanniens Kolonialkriege in Indien und Neuseeland sorgen für großes Leid bei der einheimischen Bevölkerung. In Japan aber beginnt die Meiji-Restauration und beendet die jahrelange Abschottung Japans, der Beginn eines goldenes Zeitalters. 

Doch auch Technik und Forschung ruhen nicht. In den USA entsteht die erste transkontinentale Eisenbahn, der Suezkanal in Ägypten wird eröffnet, das erste U-Boot geht auf Tauchgang, Alfred Nobel erfindet das Dynamit, Gregor Mendel formuliert seine Vererbungsgesetze und das erste moderne Periodensystem wird aufgestellt. Florence Nightingale gründet ihre berühmte Schule für Pflegerinnen. In Frankreich veröffentlich Victor Hugo Les Misérables, Lewis Carrolls Alice im Wunderland erscheint, genauso wie Jules Vernes’ Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer. Ihr seht, die 1860er stellen ein turbulentes Jahrzehnt da, voller Umstürze, Auseinandersetzungen, kultureller und gesellschaftlicher Fortschritte und technischer Errungenschaften. Auch die Mode dieser Zeit spiegelt wieder, wofür die 1860er stehen: Fortschritt, aber auch kultureller Wandel.

Purpur und Magenta: Neue Schnitte und Farben

Tageskleid, 1866
Metropolitan Museum of Art
Die Mode macht diese turbulente Zeit mit: Die Röcke der Damenmode, die bereits im vorangegangenen Jahrzehnt mit Hilfe der Krinoline  sehr weit getragen wurden, erreichen zu Beginn des Jahrzehnts ihre maximale Weite. Allerdings kündigt sich auch schon die Mode der 1870er Jahre an. Die Röcke verlieren über die Dekade die Glockenform, die noch in den 1850er Jahren beliebt war, und werden im vorderen Bereich flacher, während sie im hinteren Bereich weiterhin weit getragen werden. Diese ausladende Fläche wurde mittlerweile genutzt, um allerlei Verzierungen wie Schleifen oder Rüschen anzubringen. In abgeschwächter Weise lässt sich das gut an dem roten Stück unten bewundern: Der Rock ist über der Krinoline in Falten gelegt und mit Stickereien und Perlen verziert. Auch einen weiteren großen Trend des Jahrzehnts kann man an diesem Kleid gut erkennen: Die Spitze wird erneut zunehmend gern gesehen und kann, wie hier, als Saum und Borte verwendet werden, aber die Kleidung auch großflächiger schmücken. Die 1860er sind das Jahrzehnt, in dem viktorianische Kleidung schwer und ausufernd aufwendig wird. Ein Trend, der sich rund vierzig Jahre lang halten wird.

Genau wie in den 1850er Jahren trug man an Tageskleidern hochgeschlossene Kragen und weite Pagodenärmel und an Abendkleidern weite Ausschnitte und kurze Ärmel. Über das Jahrzehnt wurden die Ärmel allerdings immer schmaler. Ein Trend der 1850er Jahre verschwand jedoch: Der Bortendruck am Saum des Kleides. Es war durch die schiere Breite eines einzigen Kleides nicht mehr möglich die Röcke aus einem einzigen Stück Stoff herzustellen. Röcke wurden nun aus mehreren Stoffstücken zusammengestellt, was den Bortendruck zu kompliziert machte. Auch, was die Farben anging, tat sich einiges: Gegen Ende der 1850er Jahre wurde ein Verfahren entwickelt, Mauve und Purpur günstig in chemischen Farben zu färben und zu bedrucken. Beide Farben erfreuten sich sehr bald großer Beliebtheit, zu Beginn des Jahrzehnts folgte Magenta – eine komplett neu entdeckte Farbe. Im Gegensatz zu den vorangegangenen Jahrzehnten, in denen im Zuge der Romantik helle, verspielte Farben beliebt waren, brachten die 1860er dunkle, aber strahlende Farben mit sich. Purpur, Lila und dunkles Grün zum Beispiel. 

Kleid, 1869
Metropolitan Museum of Art
Beliebte Stoffe waren schwere und dicke Seidenstoffe, aber auch andere feine Stoffe, die diese Kriterien erfüllten. Darüber hinaus bringen die 1860er ein interessantes Phänomen mit sich. Da zum ersten Mal für Tages- und Abendkleider dieselben Farben und Stoffe beliebt waren, wurden oft mit zwei Miedern bestellt: Ein Mieder im Abendkleidstil und eines mit langen Armen und hochgeschlossenem Kragen für tagsüber. 

Die extrem ausladenden Röcke machten die langen Capes und Mäntel der 1850er Jahre untragbar. Stattdessen wurden Schultertücher beliebt: Im Sommer aus leichten Stoffen, im Winter aus dicker Wolle oder anderen warmen Stoffen. Jacken gab es jedoch weiterhin. Meist handelte es sich um taillierte Jacken, die bloß bis zur Hüfte reichten, oder um knielange Umhänge, die so geschnitten und verziert waren, dass sie genau wie das Kleid über die Krinoline gebreitet werden konnten. Schaut man sich die kriegerischen Auseinandersetzungen des Jahrzehnts an, ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass von Militäruniformen inspirierte Kleidung in Mode kam, besonders in Amerika. 

Chignon und Haarnetz : Neue Frisuren

Das Haar wurde weiterhin ähnlich getragen, wie in den Jahrzehnten zuvor. Es wurde zum Mittelscheitel frisiert und über den Ohren zu Wellen frisiert oder toupiert. Der Rest des Haares wurde als Knoten am Hinterknopf getragen, entweder zu einer Rolle gedreht oder geflochten. Das Haar wurde nun nicht mehr in der Mitte des Hinterkopf getragen, sondern im Nacken: Die 1860er Jahre machten den Chignon modern. Ein neuer Trend waren feine Haarnetze, die über den Knoten am Hinterkopf gespannt wurden. Meist hatten sie dieselbe Farbe wie das Haar der Trägerin, doch es gab außerdem aufwendig gestaltete Haarnetze, die mit Perlen oder Bändern dekoriert waren. Die Hauben der Dekade hatten weniger große Ränder, wie die in den Jahrzehnten zuvor, und waren meist reich verziert. Neu war der sogenannte Bavolet: Ein Schleier am hinteren Teil der Haube, der über den im Nacken frisierten Haarknoten gelegt wurde. Was die Hauben angeht, bringen die 1860er allerdings einen großen Wandel in der viktorianischen Mode: Gegen Ende des Jahrzehnts wurden die Hauben durch die ersten viktorianischen Damenhüte abgelöst.

Selbst nachlesen?

Ashelford, Jane: The Art of Dress. Clothing and Society 1500–1914. 1996. 

Tozer, Jane & Levitt, Sarah: Fabric of Society. A Century of People and Their Clothes 1770–1870. 1983.

Keine Kommentare