1900: Kleider, Etikette und Mode

Eitelkeit von Auguste Toulmouche, 1890
Eine Liebe zur Mode des neunzehnten Jahrhunderts und der Belle Époque pflegen viele Menschen, das ist auch kein Geheimnis. Doch mit der komplizierten Etikette, die hinter den schönen Kleidern steht, kennt sich kaum jemand aus. Auch ich möchte nicht behaupten, dass ich ganz genau weiß, welches Kleid eine Dame wann getragen hat, aber ich glaube, dass ich euch zumindest einen kleinen Blick hinter die Kulissen und in die Garderobe einer wohlhabenden jungen Frau um 1900 geben kann. Ich habe mir überlegt, die Kleideretikette anschaulicher zu machen, indem ich euch ein fiktives Beispiel vorstelle: 

Mademoiselle Florence Joubert, Tochter eines Pariser Marquis, achtzehn Jahre alt und auf der Suche nach einem geeigneten Ehemann. Meine Florence hat rotblondes Haar und blaue Augen, sowie einen blassen Teint, weshalb sie bevorzugt, leichte, helle Stoffe in Pastellfarben trägt. Denn, ja, hier geht es schon los mit der inoffiziellen Kleideretikette: Es gab zwar keine genau festgelegten Regeln dazu, welche junge Frau, welche Farben tragen durfte, doch es gab Empfehlungen und sehr genaue Ansichten dazu, welche Farbgebung und Schattierungen zu Haut-, Haar- und Augenfarbe einer jungen Frau passte.

Ich bin zum Beispiel das genaue Gegenteil von Florence, der dunkle Typ, weshalb meine Kleider in satten Tönen wie Rubinrot oder Königsblau gehalten worden wären. Florence aber bevorzugt die hellen Stoffe, weshalb ich versucht habe, bei der Auswahl der Beispielbilder auf Florences Farbgebung zu achten. Ich würde euch gern eine möglichst authentische Zusammenstellung präsentieren. Dazu muss ich jedoch eines sofort sagen: Es ist nicht leicht, geeignete Beispiele zu finden, die auch tatsächlich alle aus dem richtigen Jahr stammen. Ich habe mich bemüht Kleider zu finden, die wirklich von 1900 sind, aber gelungen ist es mir nicht immer. Euch muss natürlich klar sein, dass eine junge Frau wie Florence jede Saison neue, modisch geschnittene Kleider trägt und einige der Schnitte in den Beispielbildern nicht die Trends des Jahres 1900 widerspiegeln. Die Funktion der Kleider aber bleibt über viele Jahrzehnte hinweg gleich und ich habe mich bemüht, möglichst nah an einer umsetzbaren Garderobe für eine junge Frau des Jahres 1900 zu bleiben. Ich hoffe, dieser Artikel ist für euch dennoch ein lohnender Blick in den Kleiderschrank einer Dame. Ich würde gern demnächst weitere ähnliche Artikel für andere Jahrzehnte schreiben, um euch die Stile und gesellschaftlichen Bedeutungen ein wenig näher zu bringen. 

Das Morgenkleid

Morgenkleid, ca. 1900
Metropolitan Museum of Art
Wenn Florence am Morgen aufwacht, trägt sie nichts weiter als eins ihrer langen weißen Nachthemden. Sie weiß, dass einige Frauen das Korsett auch über Nacht tragen, doch das kann sie nicht verstehen. Das Korsett ist auch nicht das Erste, an das Florence denkt, wenn sie aus dem Bett steigt. Viel eher zieht sie zuerst ihr Morgenkleid über. Florence besitzt natürlich mehrere Modelle. Das Morgenkleid ist meist ein weit geschnittenes, gemütliches Kleid, das durchaus den modernen Schnitten der Saison nachempfunden ist, aber meist aus weißer Baumwolle oder anderen leicht waschbaren Stoffen besteht. Das Morgenkleid darf gemütlich sitzen und sogar schmutzig werden: 

Niemand außer Florence, ihren Dienstboten und ihrer Familie bekommt es zu Gesicht. Florence frühstückt darin und verbringt den Morgen darin. Sie trägt es, während ihre Zofe ihr das Haar ausbürstet oder während sie nach dem Frühstück in ihren Magazinen blättert. Das Morgenkleid ist so gesehen auch gar kein richtiges Kleid: Es ist eher das Äquivalent zum Morgenmantel. Manche Damen tragen am Morgen nichts weiter als einen weiten, zarten Überwurf aus weißer Baumwolle, doch Florence mag das verspielte Design ihres Lieblingsmorgenkleides, mit den rosafarbenen Bändern und der Spitze. Erst, wenn es Zeit wird, sich für ihren Besuch anzukleiden, legt Florence das Morgenkleid ab. Das Morgenkleid, Florence sagt Robe de Chambre dazu, ist das wohl filigranste Kleidungsstück, dass sie besitzt. Im Winter trägt sie weniger hübsche Morgenkleider aus Flannell, die sie warm halten, bis es Zeit ist, sich anzukleiden. 

Das Teekleid

Teekleid, ca. 1900
Metropolitan Museum of Art,
Wird es Zeit sich für ihren Besuch anzukleiden, wählt Florence eines ihrer leichten, wogenden Teekleider. Das Teekleid aus dem Haus of Worth ist Florences Lieblingskleid für die informellen Besuche ihrer engen Freundinnen. Es besteht aus rosafarbener Seide und wird von einer lose gebundenen, für Teekleider charakteristischen Schärpe um die Taille gehalten. Die cremefarbene Spitze ist ein ganz besonders aufwendiges Detail und zeichnet die detailverliebte Mode des House of Worth aus. Das Teekleid war lange Zeit nicht dafür gedacht, außerhalb des Hauses getragen zu werden, denn es besteht aus dünnen, lose sitzenden Stoffen und, falls Florence ihr Korsett darunter trägt, dann bloß locker geschnürt. Von ihrer Mutter hat Florence gelernt, dass das Teekleid zu informell für die Pariser Straßen ist und bloß bei Teebesuchen oder Abendessen mit engen Freunden im eigenen Haus getragen werden darf, doch seit ein paar Jahren gehen viele junge Damen im Sommer am Morgen im Teekleid auf die Straße, um Besorgungen zu machen, oder spazieren zu gehen. 

Das oben abgebildete Teekleid ist ein gutes Beispiel für die romantisch verspielte Hausmode: Viele Teekleider waren an historische Moden angelehnt, das Beispiel oben ist von barocker Mode inspiriert, aber natürlich nach den momentan modernen Schnitten gefertigt. Eine andere Inspirationsquelle sind asiatische Kimonomoden. Ihre Teekleider sind die romantischsten Kleider, die Florence besitzt: Sie dürfen artistisch und dramatisch sein und sind oft Spielfläche für die neuen Pariser Designer, die in ihnen ihr ganzes Können zeigen. Florence darf in ihrem Teekleid aus Chiffon oder dünner Seide nicht nur ihre weiblichen Freunde empfangen: Auch junge Männer, die sie gut kennt, dürfen sie in ihrem Zimmer besuchen, wenn sie ihr Teekleid trägt. Da Florence unverheiratet ist, ist ihre Gouvernante bei diesen Besuchen natürlich immer dabei, schon allein, da das Teekleid mehr von Florences Körper enthüllt, als ihre formellen Kleider: Eine echte Versuchung. Florence würde ihr nicht nachgeben, doch sie hat von verheirateten Frauen gehört, die die Besuchsstunden ausnutzen: Denn das Teekleid kann man anziehen, ohne Hilfe von der Zofe zu benötigen, weshalb die meisten Damen ihren Besuch völlig allein empfangen können - eine gute Gelegenheit für heimliche Zusammentreffen... 

Das Nachmittagskleid 

Nachmittagskleid, ca.1900
Metropolitan Museum of Art
Wenn Florence Nachmittags aus dem Haus geht, trägt sie natürlich keins ihrer informellen Hauskleider, sondern ein Nachmittagskleid, das nach allen Regeln der Kunst respektabel ist. Nachmittagskleider sind modisch geschnitten und aus guten Stoffen hergestellt und müssen ganz genau der Mode folgen. Denn wenn Florence in ihren Nachmittagskleidern ihre Freunde besuchen geht, in der Kutsche herum fährt, mit ihrer Gouvernante spazieren geht oder sich mit ihrer Mutter neue Stoffe und Designs in den Pariser Modehäusern ansieht, dann geht es ihr nicht nur darum, anständig angezogen zu sein: Sie möchte auch gesehen werden und positiv auffallen. 

Das Nachmittagskleid links, entworfen von der berühmten Jeanne Hallée, ist eins von Florences liebsten Kleidern: Es ist aus hellbrauner Seide und akzentuiert die Schultern durch Spitzenkrausen, wie es gerade modern ist. Auch der A-förmige Rock ist nach der neusten Mode geschneidert. Nachmittagskleider sind schlicht und elegant. Sie sind hochgeschlossen und haben immer lange Ärmel, auch im Sommer, da es tagsüber nicht schicklich ist, zu viel des Körpers zu zeigen. Zum Nachmittagskleid trägt Florence natürlich auch ihr Korsett, modisch eng geschnürt. Florence ist stolz auf die schmale Taille, die sie durch jahrelanges Schnüren erreicht hat, kann aber die Frauen nicht verstehen, die sich für eine Wespentaille quälen und Schmerzen erleiden. In ihren Damenmagazinen liest Florence immer wieder Briefe von Leserinnen, die für oder gegen das Korsett plädieren, eine interessante Debatte, der Florence gespannt folgt. 

Die Sportkleidung 

Obwohl es ihrer altmodischen Mutter nicht gefällt, hält Florence sich für eine moderne junge Frau, die gern Sport treibt. Ihr Vater hat ihr ein Fahrrad geschenkt, auf dem sie, unter den wachsamen Augen ihrer Gouvernante, im Park oder im Innenhof ihres Elternhauses ihre Runden dreht. Hierzu trägt sie ein schlichtes Fahrradkostüm aus robuster brauner Wolle und Leinen, mit modisch gepufften Ärmelchen und glänzenden goldenen Knöpfen. Das Kostüm besteht aus einem adretten Jäckchen und einem schlichten Rock, der ein ganzes Stück über dem Knöchel endet und innen in Hosenbeine geteilt ist, damit Florence sich auf dem Fahrrad gut bewegen kann. Dazu trägt sie Gamaschen, um ihre Beine zu schützen, und einen passenden Hut. Florence besitzt auch einen Sportanzug aus dunkelblauer Wolle und Baumwolle, der einen modischen Matrosenkragen hat. Dazu trägt sie schwarze Strümpfe und lange Bloomers, weite Hosen, die einem Rock ähneln. Florences Mutter erlaubt ihr nicht, einen Gymnastikkurs zu besuchen, doch manchmal turnt Florence daheim. Florence besitzt auch ein Reitkleid, zu dem ein hübscher schwarzer Zylinder gehört: Das Reitensemble besteht aus einem langen dunklen Rock und einer modischen Jacke mit gepufften Ärmeln, die ähnlich geschnitten ist, wie die Oberteile der momentan modernen Kleider. 

Das Abendkleid

Abendkleid, ca. 1900
Metropolitan Museum of Art
Wenn Florence Abends etwas vorhat, macht sie sich natürlich besonders hübsch zurecht. Das Abendkleid, das zu Dinnerpartys, Soirées oder anderen abendlichen gesellschaftlichen Veranstaltungen getragen wird, darf extravagant sein und im Gegensatz zum Tageskleid einen etwas gewagteren Ausschnitt haben, der den Hals und die Schlüsselbeine frei lässt. Die Ärmel sind lang oder halblang, seltener kurz, denn formelle abendliche Gesellschaften erfordern angemessene Kleidung. Ihre Abendkleider sind Florences ganzer Stolz. Das Abendkleid steckt voller kleiner, eleganter Details wie kunstvoll angebrachten Rüschen, Spitzen und Krausen oder Bändern und Schleifen. Das ganz Besondere am Abendkleid ist die Schleppe, die Tageskleider niemals haben dürfen, die gar nicht lang genug sein kann. Die glänzende Seide ist hübsch bedruckt oder bestickt und sorgsam verarbeitet, jedes Detail ist genau durchdacht und exquisit angefertigt. Natürlich wird das Korsett zu einer formellen Abendveranstaltung ganz besonders sorgsam geschnürt getragen. 

Das Abendkleid aus blassgoldener Seide, ebenfalls von Jeanne Hallée aus Paris geschaffen, trägt Florence im November zu einer Soirée einer Pariser Gesellschaftsdame. Seine schlichte Eleganz gefällt ihr und unterstreicht ihren rosigen Teint und das rötlich schimmernde Haar. Besonders gut gefällt Florence die goldene Seidenschärpe, die über der Schulter zu einer kunstvollen Schleife arrangiert ist, doch auch die Ärmel und Schulterkrausen aus feiner Spitze liebt sie und das Spitzennetz, das hauchdünn über der goldenen Seide liegt und das Kleid zu einem detailverliebten, exquisiten Ensemble macht, das die Blicke der anderen jungen Damen und Herren auf Florence ziehen wird. Florence ist bereits achtzehn Jahre alt und hat in den vorangegangenen zwei Saisons keinen geeigneten Verlobten finden können. In ihrem Abendkleid möchte sie nicht nur hübsch aussehen, sie möchte auch den Reichtum ihrer Familie unterstreichen und sich für potentielle Heiratskandidaten interessant machen.

Florence besitzt ganz verschiedene Abendkleider: Sie sind aus goldener oder hellblauer glänzender Seide, aus Taffeta oder Satin in hellen, leuchtenden Grün- und Gelbtönen. Abendkleider sind natürlich extrem modisch geschnitten, mit sehr schmalen Taillen und einer stark akzentuierten Form. Florence trägt im November 1900 sehr eng anliegende Ärmel mit durch Krause angedeutete Puffärmel und der beliebten, spitz zulaufenden Wespentaille, die durch die Schärpe betont wird. An Florences Kleid für die nächste Soirée könnt ihr einen weiteren Trend erkennen: Haufenweise feine Spitze mit Blumenmustern. Auch beliebt sind aufgenähte Stoffblumen oder Fellbesätze. Florences Rock ist übrigens durch Pferdehaar und ein wenig Metall verstärkt, um die modische A-Linie ohne unpraktisches Metallgestell zu erreichen. 

Das Ballkleid 

Ballkleid, ca. 1900
Metropolitan Museum of Art
Kristina Harris bezeichnet das Ballkleid in ihrem Werk "Authentic Victorian Fashion Patterns" als "prächtigere große Schwester" des Abendkleides und das ist durchaus eine treffende Beschreibung. Das Ballkleid wird zu sehr wichtigen, edlen Anlässen getragen, natürlich zum Ball, aber zum Beispiel auch in die Oper. Das Ballkleid durfte im Gegensatz zum Abendkleid sehr kurze Ärmel haben oder wie das Kleid, das ihr links sehen könnt, sogar schulterfrei sein. Dazu kommt der freizügige Ausschnitt. Vielen Leuten fällt es schwer, das Abendkleid vom Ballkleid zu unterscheiden, aber im Prinzip könnt ihr euch einfach den Ausschnitt ansehen: Wenn er sehr tief und herzförmig ist, habt ihr sicherlich ein Ballkleid vor euch. 

Dieses hellgrüne Ballkleid von Jaqcues Doucet aus Paris ist nicht nur das Kleid, das Florence im Dezember zum Ball der Saison tragen wird, sondern auch eins meiner liebsten Belle-Époque-Kleider. Auf den ersten Blick mag es schlicht wirken, doch es ist sehr elegant und detailverliebt gearbeitet: Das Unterkleid aus goldenem Lamé schaut hervor und gibt dem Kleid etwas Verruchtes, das gerade noch so anständig ist, der Überwurf aus schimmernder grüner Seide ist über der Brust gerafft. Ein tolles Detail ist die zweite Ärmelreihe aus grünen Stoffblumen, die die goldenen Trägerchen akzentuiert. Die lange Seidenschleppe, unter der gerüschter goldener Lamée hervorschaut, rundet den Tulpenrock ab. Florence weiß, wie gewagt dieses Kleid ist: Es ist die neue Gibson-Girl-Mode, die Mode der neuen, selbstbewussten Frau, die seit ein paar Jahren um sich greift. Das Ballkleid wird in der feinen Gesellschaft übrigens nur einmal getragen: Es gilt als unfein ein Ballkleid zu zwei Veranstaltungen zu tragen, weshalb für jeden großen Ball ein eigenes Kleid gekauft wird.

Das sind die Haupttypen an Kleidern, die eine Dame der Belle Époque in der Garderobe hat. Natürlich gibt es zu jedem Kleid dazu passende Schuhe, Hüte, Handschuhe, Schultertücher, Mäntel, Sonnenschirme und andere Accessoires, über die ich an anderer Stelle gern noch einmal reden würde. Ich habe euch jetzt die wichtigen Kleider aufgezählt, die eine Dame im Laufe des Tages tragen kann, doch es gibt noch weitere: Fährt die Dame im Sommer an die See, trägt sie ein leichtes Sommerkleid aus hellen Stoffen, Chiffon oder Taffeta, gern mit passendem Matrosenkragen. Für lange Kutsch- oder Zugreisen gibt es robuste, schlichte Reisekleider, von denen auch Florence einige besitzen wird. Im Trauerfall wird tiefschwarze, schlichte Trauermode gekauft, die jedoch nach der Trauerphase entsorgt wird - es bringt Unglück Trauerkleider im Haus zu behalten. Auch ein Schwimmkleid wird Florence besitzen. Ihr seht also, es gibt für jede Tageszeit das passende Kleid und die Dame der Belle Époque zieht sich tatsächlich mehrmals am Tag um, anstatt sich am Morgen für ein Kleid zu entscheiden und es den ganzen Tag über zu tragen, wie es sich viele vorstellen. Ich hoffe, die kleine Reise durch den Tag mit Florence und mir hat euch einen kleinen Einblick in die Materie verschafft.

Selbst nachlesen?

Ashelford, Jane: The Art of Dress. Clothes and Society 1500 - 1914. 1996.

Harris, Kristina: Authentic Victorian Fashion Patterns. A Complete Lady's Wardrobe. 2012. 

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