Willkommen zum Tanz - ein viktorianischer Ball

"Einladung zum Walzer" von Francesco Miralles Galaup, 
1895
Der viktorianische Ball ist nicht nur ein Freizeitevent für die Reichen und Schönen der viktorianischen Gesellschaft, ist er eine Art Parade der Eitelkeiten. Natürlich besuchte man Bälle, um Spaß zu haben und im Falle von jungen Damen auch ganz besonders, um nach potentiellen Ehemännern Ausschau zu halten, doch der Sinn und Zweck jeglicher gesellschaftlicher Veranstaltung innerhalb der gehobenen Klassen ist es zu sehen und gesehen zu werden.

Der soziale Ruf hängt davon ab, ob man die großen Bälle der Saison besucht, mit wem, was man trägt und wie man sich verhält. Die strengen gesellschaftlichen Regeln der Epoche wurden auf Bällen noch einmal angezogen. Man begibt sich sozusagen ins Scheinwerferlicht, jeder kleine Fehltritt wird genau gesehen und verurteilt. Deshalb mussten besonders junge Damen und Herren, die noch keinen festen Stand in der Gesellschaft hatten, natürlich genau wissen, wie die Etikette für einen Ball innerhalb der Saison aussah und was man tun durfte und was auf keinen Fall.

Wer organisiert den Ball?

Bevor ein Ball jedoch stattfindet, muss er erst einmal organisiert werden. In Filmen und Romanen wird uns oft bloß der Ball selbst präsentiert, doch wie das ausufernd schillernde Fest zu Stande gekommen ist, bleibt offen. Ganz beliebt in den Unterhaltungsmedien ist natürlich der Debütantinnenball, der von den reichen Adeligen gegeben wird, um die Tochter in die Gesellschaft einzuführen, doch viel häufiger wurden Bälle von Ballkomitees organisiert. Diese Komitees konnten auch beauftragt werden, um bei einem privat abgehaltenen Ball der Hausherrin mit der Organisation zu helfen, denn eine Feier für mehrere hundert Menschen allein zu organisieren ist ein Ding der Unmöglichkeit. Deshalb saßen in den Ballkomitees auch bis zu zwanzig Leute, die wochenlang mit der Planung beschäftigt waren. Die wichtigsten Punkte auf der Liste des Komitees waren das aufwendige, mehrgängige Abendessen für mehrere Dutzend Leute, die Organisation des Orchesters und die Mietung des Veranstaltungsortes. Doch auch auf dem Ball selbst hatte das Komitee noch zu tun: Die Mitglieder behielten den Überblick und sorgten zum Beispiel dafür, dass jeder Tänzer auch zum Tanzen kam. Stand ein Mädchen zum Beispiel einsam am Rand, stellte ein Mitglied des Komitees ihm offiziell einen Tanzpartner vor, damit sich jeder Gast amüsierte. 

Dieses Prozedere gilt natürlich nur für die Oberschicht, doch auch das untere Bürgertum und Arbeiter gingen tanzen. Es gab in den großen Städten Tanzkneipen, in denen man sich amüsieren konnte, wenn man das Eintrittsgeld zahlen konnte, und auch Tanzschulen öffneten am Abend ihre Türen gaben kleine Feiern. Die meisten dieser Clubs und Tanzhallen waren übrigens Orte, an denen sich Gäste aus allen Klassen tummeln und vermischen durften. Ein ganz berühmtes Beispiel dafür ist das Moulin Rouge von Paris in seiner Anfangszeit. Konzipiert war es als Tanzhalle, in der jeder, der den Eintritt zahlen konnte, tanzen durfte. Während die privaten Bälle meist bis in die frühen Morgenstunden gingen, schlossen die meisten Tanzschulen und kleinen Tanzclubs allerdings gegen Mitternacht die Pforten. Für diese Partys sind eigens Gebäude vorgesehen, doch wo findet ein großer Ball der Oberschicht statt? Wir kennen aus Romanen und Filmen den privaten Ballsaal der adeligen Familie und so was hat es natürlich auch wirklich gegeben, aber viel öfter wurde ein Veranstaltungsort gemietet. Es musste natürlich ein großes Gebäude sein, das neben dem Ballsaal einen kleinen Raum beinhaltete, an dem die Gäste sich ausruhen konnten. Hier wurden kleine Snacks wie Sandwiches und Eiscreme gereicht. Darüber hinaus brauchte man einen separaten Speisesaal: Das Essen durfte nicht mit in den Ballsaal genommen werden, damit es nicht herunterfallen und beim Tanzen zertreten werden konnte.

Die Frage der Kleidung 

Wurde der Ball organisiert und die Einladungen an alle wichtigen Mitglieder der Gesellschaft geschickt, stellte sich besonders für die Damen eine wichtige Frage. Was sollte getragen werden? Im Gegensatz zu heute, konnte man nicht jedes beliebige Ballkleid tragen, das einem gefiel, auch hier gab es gesellschaftliche Geschmäcker und Regeln zu beachten. Zu Beginn muss geklärt werden, was ein Ballkleid überhaupt ausmacht. Im Gegensatz zu den Tageskleidern und gewöhnlichen Abendkleidern darf und sollte das Ballkleid einer jungen unverheirateten Frau kurze Ärmel und einen tiefer sitzenden Ausschnitt haben. Das Ballkleid ist natürlich nach den Vorgaben der Mode der jeweiligen Zeit geschnitten und angefertigt. Während ein Ballkleid immer etwas opulenter und edler wirkt, als ein gewöhnliches Abendkleid, sind die Ballkleider der frühen viktorianischen Ära ganz nach der Mode der Ära zwar aus edlen, festlichen Stoffen gemacht, aber bloß schlicht verziert, während die Ballkleider der 1870er Jahre und des fin de siècle reich verziert und aufwendig gestaltet sind. 

Alter und Status der Dame mussten bei der Auswahl des Kleides berücksichtigt werden. Seide zum Beispiel durfte nur von unverheirateten jungen Damen getragen werden. Desweiteren waren für junge Frauen leichte Stoffe wie Gaze, aber auch Tüll und Spitze angebracht, sowie helle Farben, während verheiratete Damen zum Beispiel Moiré tragen durften. Auch die Figur der Trägerin war entscheidend. Eine schmale, kleine Frau trug helle, fast weiße Farben, während kurvige und füllige Damen, satte Farben trugen. Blondinen sah man gern in Rosa, Hellblau oder Violett, während für dunklere Typen kräftige, leuchtende Farben bevorzugt wurden. Beachtet man diese Regeln könnte das Kleid aus dem House of Worth, das ich euch herausgesucht habe, also von einer zierlichen, blonden Frau getragen worden sein, aber auch hier gilt: Ausnahmen bestätigen die Regel. Erscheint eine blonde Frau in sattem Grün wird man sich vielleicht gedacht haben, dass die Farbe ihr nicht steht, aber generell war so ein „Fauxpas“ durchaus möglich. An dem hellblauen Stück aus dem House of Worth könnt ihr euch die Charakteristika eines Abendkleides ansehen: Die Ärmel sind kurz, der Ausschnitt sitzt tief, ist allerdings an diesem Kleid durch Gazenstoff ein wenig bedeckt, die Seide glänzt und sieht edel und festlich aus. Die üppige Dekoration ist typisch für Ballkleider des fin de siècle, aber auch ganz besonders für das House of Worth, das sich durch seine exquisiten Designs einen Namen gemacht hat. 

Ballkleid, 1898, House of Worth
Metropolitan Museum of Art
Auch, was Kopfschmuck und Frisur anging, kam alles auf die Trägerin an. Hatte sie schönes, volles, langes Haar reichte neben einer modischen Frisur ein Kämmchen oder eine Blume zur Zier. Mädchen mit dünnem, kraftlosem Haar halfen gern mit viel Zierwerk nach. Federn, Haarspangen oder Bänder waren beliebt. Die Handschuhe, auch wenn Form und Länge je nach Mode variieren kann, sind ein Muss und egal welcher Typ man war, sie mussten weiß sein. Auch der Fächer war keine Option. Die Kleidung musste außerdem unbedingt neu sein. Ein Ballkleid wurde nur einmal getragen, so schade es um die extravaganten Stoffe und Designs auch ist. Trat man in Kleidung auf einem Ball auf, die man bereits zuvor öffentlich getragen hatte, galt das als ärmlich und bedeutete, dass man sich keine neue Ballgarderobe leisten konnte. Zunder für allerlei Klatsch und Tratsch also, den es unbedingt zu vermeiden galt. 

Die Garderobe der Herren auf einem Ball war stark reguliert. Der Mann trug in jedem Fall ein schwarzes Jackett, schwarze Hosen und eine schwarze oder weiße Weste. Auch sein Ensemble musste natürlich neu sein und nach der allerneusten Mode geschnitten. Pflicht waren außerdem weiße Handschuhe und ein weißes Taschentuch. Die Farbe der Krawatte durfte selbst gewählt werden, doch sie durfte nicht aus Seide sein. Schmuck trug der Mann auf einem Ball auch kaum. Die Uhrenkette durfte hervorschauen und natürlich wurden Manschettenknöpfe getragen, vielleicht einmal ein Ring, doch darüber hinaus blieb der Mann eher schlicht gekleidet, wie es dem viktorianischen Bild des Mannes als nüchtern, vernünftig und gepflegt entsprach. 

Ein rauschender Ball

Eine junge unverheiratete Dame erschien zu einem Ball in Begleitung ihrer Eltern oder, wenn ein Herr sie einlud. Natürlich durfte das nicht irgendein Herr sein. Das Mädchen musste ihn bereits von anderen Veranstaltungen gut genug kennen. Einladungen gehörten allerdings zur Phase der Umwerbung hinzu und konnten ein großer Faktor sein, der die Entscheidung des Mädchens für einen Mann bestimmte. Ging das Mädchen mit einem Mann auf einen Ball, begleitete natürlich Mutter oder Gouvernante das Paar. An der Eingangstür trennten die Paare sich allerdings erst einmal. Es gab getrennte Garderoben und Salons, in denen sich Damen und Herren erst einmal mit den anderen Damen und Herren unterhalten sollten, bevor man sich im Ballsaal wieder traf. Die ersten, die den Saal betraten, waren die Musiker, hinter denen die Paare einliefen. Dann wurde jedoch nicht sofort mit dem Tanzen begonnen. Erst einmal konnte man sich an kleinen Tischen und Stühlen, die an der Seide des Ballsaals zum Verschnaufen aufgestellt waren, unterhalten. Den Beginn des Balles bekamen die wirklich modischen und wichtigen Menschen aber gar nicht mit. Mindestens eine halbe Stunde zu spät zu erscheinen galt als elegant und modern.

Lud ein Herr eine Dame ein oder suchte sich auf dem Ball eine junge Frau aus, mit der er den Abend verbringen wollte, war es seine Pflicht dafür zu sorgen, dass sie eine gute Zeit auf dem Ball verlebte. Ein Herr und eine Dame durften allerdings nicht mehr als drei Tänze gemeinsam tanzen, da dies als unschicklich und nicht gerecht den anderen Gästen gegenüber verstanden wurde. Um die Bewunderung für die Damenwahl auszudrücken, trugen sich meist alle Freunde des Herren in die Tanzkarte des Mädchens ein, um dem Herren zu helfen, dafür zu sorgen, dass sie sich amüsierte und um die Angebetete des Freundes kennenzulernen. Die Tanzkarte ist übrigens ein wichtiges Accessoire der Dame. Hier tragen sich die jungen Männer ein, die mit ihr tanzen wollen und, da dies eine ganze Menge Tänze bedeutet, hilft die Karte ihr sich zu erinnern, wer wann an der Reihe ist. Sie darf es den Männern übrigens verweigern, sich in die Karte einzutragen und muss nicht mit jedem Mann tanzen. Das Gemälde oben zeigt einen Herren, der sich in die Tanzkarte einer Dame einträgt. Bat ein Herr um einen Tanz, gehörte es sich, sich vor der Dame zu verbeugen und höflich nach der Tanzkarte zu fragen, ohne ihr zu nahe zu treten. Hielt der Mann sich nicht an diese Regeln, bedrängte die Dame oder versäumte es auf anderem Wege, sie ehrvoll zu behandeln, durfte sie den Tanz natürlich ablehnen. Kannte der Herr die Dame, mit der er tanzen wollte, noch nicht musste er sich über einen gemeinsamen Bekannten vorstellen lassen, bevor er fragen durfte.

Auch auf viktorianischen Bällen der Oberschicht gab es übrigens richtige Rüpel, die sich nicht an die Regeln halten wollten. Viele Menschen glauben, dass die Männer der Belle Époque gut erzogen gewesen wären und trauern den Gentlemen der Epoche nach, doch man sollte immer im Gedächtnis behalten, dass es sich hier um junge Männer handelt, die bei reichen Eltern und in dem Wissen, alles zu bekommen, was sie haben wollen, aufgewachsen sind. Es kam nicht selten vor, dass junge Herren sich betranken oder die Damen bedrängten, sich über Damen, die sie nicht hübsch genug fanden lauthals lustig machten und die Frauen untereinander bewerteten wie Vieh, sodass es jeder hören konnte. Dieses Verhalten galt natürlich ganz klar als respektlos und wurde nicht geduldet. Schlug ein Herr dermaßen über die Stränge konnte er vom Hausherren oder vom Ballkomitee herausgeworden werden. 

Ein Tanz begann, sobald eine Trompete ertönte. Alle Paare, die am Tanz teilnehmen wollten, stellten sich dann auf der Tanzfläche auf. Der Herr musste die Dame auf die Tanzfläche führen und später auch wieder von ihr herunter geleiten. Getanzt wurde zu Beginn der Ära der Cotillion, der an die Quadrille des achtzehnten Jahrhunderts erinnert, die Quadrille selbst, der barocke Gavotte, der Schottische oder die Polka. Im späten neunzehnten Jahrhundert kam der berühmte Walzer hinzu, der jedoch zu Beginn der Ära noch als zu anstößig galt, da die Tanzpartner sich so nahe kamen. Es war übrigens nichts Schlimmes daran, wenn zwei Frauen oder zwei Männer miteinander tanzten, solang kein weiblicher oder männlicher Tanzpartner mehr übrig war. Tanzte ein Mädchen aber mit ihrer Freundin, obwohl ein Herr übrig war, oder anders herum, galt das als respektlos. Genauso sollten verheiratete oder verlobte Paare so wenig wie möglich miteinander tanzen. Kam man mit einer Dame zum Ball, ob es die Ehefrau, die Verlobte oder ein eingeladenes Mädchen war, sollte man aber zusammen mit ihr zu Beginn des Balles einlaufen und den ersten und letzten Tanz mit ihr tanzen. 

Nach dem Ball

Wollte man den Ball verlassen, tat man das ausschließlich mit der Person oder den Personen, in deren Begleitung man auch gekommen war. Man ging leise und ohne großes Aufsehen, um die verbleibenden Gäste nicht zu stören, und verabschiedete sich bloß vom Gastgeber, wenn dieser nicht gerade beschäftigt war. Bälle fanden meist am Samstagabend statt und konnten bis in die frühen Morgenstunden dauern. Es kam oft vor, dass man bis zum Morgen blieb und bloß kurz nach Hause fuhr um sich frisch zu machen und umzuziehen, bevor man für den Sonntagsgottesdienst zur Kirche aufbrach. Geschlafen wurde nach dem Gottesdienst bis in den Nachmittag hinein, bevor am Montag der Alltag erneut einsetzte. Es galt als höflich dem Gastgeber ein paar Tage nach dem Ball die Karte als kleine Aufmerksamkeit und Dank für das Ausrichten der Feier zukommen zu lassen. Hatte einem ein Ball besonders gut gefallen, konnte man auch persönlich zu Besuch kommen und die Feier noch einmal besprechen. 

Selbst nachlesen?

Clendenen, Frank Leslie: Fashionable Quadrille Book and Guide to Etiquette. 1895.

Howe, Elias: Howe's Complete Ball-Room Handbook. 1858.

Scott, Edward: Dancing as an Art and Pastime. 1898.


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