Mode 1880: Die Tournüre kehrt zurück


Die 1880er Jahre sind der Beginn des fin de siècles, halten jedoch auch einige traumatische Ereignisse und gewaltsame Auseinandersetzungen bereit. Die USA hat sich weitesgehend vom Bürgerkrieg vor rund 20 Jahren erholt und genießt das goldene Gilded Age, hat aber besonders in den Südstaaten große Probleme mit Rassismus: Immer wieder kommt es zu furchtbaren Ermordungen schwarzer Menschen. Auch die Kriege mit den Ureinwohnern des Landes sind noch lang nicht vorüber, doch 1881 kommt es zu einem einschneidenden Ereignis: Der berühmte Sitting Bull ergibt sich im Namen seines Volkes, den Sioux. Auch andernorts werden ethnische Minderheiten unterdrückt und vertrieben. Frankreich, Deutschland und Großbritannien kolonialisieren große Teile von Afrika und Asien und teilen 1884 und 1885 in Berlin Afrika untereinander auf – ohne auf die Besitzansprüche der bereit dort lebenden Menschen Rücksicht zu nehmen.

In Russland wird Zar Alexander II. 1881 von einem Attentäter ermordet, in den USA tötet ebenfalls ein Attentäter im selben Jahr den Präsidenten Andrew Garfield. Doch auch rasanter technischer Fortschritt bestimmt die Dekade. Das elektrische Licht wird eingeführt und über das Jahrzehnt in den ersten Städten und Haushalten installiert. Auch die ersten elektrischen Haushaltsgeräte tauchen auf und das erste, wirklich funktionsfähige Luftschiff hebt ab, dreht seine Runden und kann zu seinem Ausgangspunkt zurückkehren. Im Jahr 1885 stellt Karl Benz seinen Motorwagen vor: Das erste Automobil der Welt kommt auf den Markt. Im Jahr 1887 veröffentlicht Arthur Conan Doyle seine erste Geschichte über den Detektiv Sherlock Holmes und in Chicago wird der erste Wolkenkratzer der Welt errichtet. Das fin de siècle versetzt die Welt endgültig in Aufruhr und auch die Mode der Dekade hält einige Überraschungen bereit.

Die Rückkehr der Tournüre 

Nachmittagskleid, ca. 1885
Metropolitan Museum of Art
Zu Beginn der Dekade setzt sich ein Trend fort, der bereits im vergangenen Jahrzehnt begonnen hat: Der Hang zum sehr figurbetonen, eng sitzenden Kleid. Während die Figur der 1870er Jahre noch abgeflacht und in die Länge gezogen wirkte, setzen die 1880er Jahre zunehmend auf weibliche Kurven, eine Figur, die sich durch das gesamte fin de siècle zieht: Über der geschnürten Taille wölbt sich ein üppiger Busen und die Hüften sind breit und ausladend. Die weibliche Figur der Dekade ähnelt einem S. Zu Beginn des Jahrzehnts weitete sich die Mode auch auf die Röcke der Damen aus: Im vorangegangenen Jahrzehnt war kurzfristig die Tournüre modern gewesen, jedoch gegen Ende des Jahrzehnts wieder verschwunden. Die Röcke saßen im Bereich der Oberschenkel eng und gewannen erst ab dem Knie erneut an Fülle. Die 1880er trieben diesen Trend mit dem sogenannten Humpelrock auf die Spitze: Der Humpelrock sitzt hauteng und fällt erst ab den Knien weiter und voller bis auf den Boden. Diese Mode konnte sich allerdings bloß einige Monate halten, da sie sich als sehr unpraktisch erwies: Viele Frauen stürzten und verletzten sich, da der Rock die Bewegungsfreiheit stark einschränkte.

Ab 1882 wurden die Röcke wieder weiter und besonders im hinteren Teil voller, bis im Jahr 1883 die Tournüre wiederbelebt wurde. Zuerst kehrte die Tournürenmode in die Pariser Mode zurück, erneut eingeführt durch das Designhaus House of Worth, bis sie sich allmählich erneut durchsetzen konnte. Die neue Tournüre saß im Gegensatz zur alten Tournüre sehr hoch und wirkte durch diesen Sitz noch opulenter und mächtiger, als die alte Tournüre. Das Kleid wurde gerafft über das Gestell drapiert und mit allerlei Stofflagen, Schleifen, Rüschen und Volantaufsätzen verziert, um den Eindruck von noch mehr Fülle zu vermitteln. Auch an den Seiten wurde das Kleid gerafft, um die breiten Hüften der Trägerin im Kontrast zu schmalen Taille zu akzentuieren. Um das Jahr 1886 herum erreichte die Tournüre eine noch nie zuvor dagewesene Fülle, bevor sie gegen Ende der Dekade wieder abnahm. Die neue, flachere Tournüre legte den Fokus erneut auf die natürliche Form der Hüften, akzentuiert durch kunstvolle Raffungen, wie ihr es an dem Stück unten rechts sehen könnt. Gegen Ende des Jahrzehnts wurde es beliebt, den Rocken diagonal über den Körper zu raffen, sodass ein Stück des farblich abgestimmten und detaillreich dekorierten Unterrocks hervorschaute. 

Abend- und besonders Ballkleider hatten meist vollere Tournüren, als Tageskleidern und wurden wie in den vorangegangenen Jahrzehnten mit tief sitzendem Ausschnitt und kurzen Ärmeln getragen. Einen beliebten Ärmelstil der 1880er für Tageskleider könnt ihr an dem gestreiften Stück oben sehen: Die Ärmel sitzen eng und sind lang oder halblang gehalten, gehen allerdings kurz unterhalb des Ellenbogens in Rüschen, Aufsätzen oder Spitzen auf. Zum Ende des Jahrzehnts hin treten bereits die ersten Puffärmel auf, die in den 1890ern modern werden. Einen weiteren neuen Trend lebte Alexandra, die Princess of Wales, vor. Um eine Narbe an ihrem Hals zu verstecken trug sie oft verzierte Krägen oder enge Chokerhalsketten. Bald eiferten die modebewussten Damen der Oberschicht ihrem Vorbild nach. 

Pariser Mode gegen Aesthetic Dress

Kleid, ca. 1885
Metropolitan Museum of Art
Die 1880er leiten den Beginn der sporttreibenden und in der Natur mobilen Frau ein und bringen eine ganze Reihe an neuen Kleidern mit. Das Teekleid, das Komfort innerhalb des Hauses erlaubt, und das leichte, helle Seekleid für den Sommer am Meer sind bereits Kleidungsstücke, die die 1870er gebracht haben, doch die 1880er sehen Veränderungen in der Sportkleidung der Damen. Das Reitkostüm ist kein aufwendiges Kostüm mehr, sondern ein praktischer Anzug, bestehend aus einem schlichten Rock und einem dazu passenden Jackett. Während das Reitkostüm nach der neusten Mode geschnitten ist, kommt es natürlich ohne die Tournüre aus. Akzentuiert wurde das Kostüm durch einen Zylinder. Neben dem Reitkostüm kamen außerdem die ersten Fahrad- und Tennisanzüge in Mode. Sportkleidung ist fast immer aus robusten Stoffen hergestellt und modisch, aber simpel geschnitten. Sie soll dem Zweck gerecht werden. War man lange Zeit unterwegs oder verreiste sogar, trug man ein vom Herrenschneider gefertigtes Kostüm, das dem Anzug des Mannes nachempfunden war, allerdings mit der modischen Tournüre getragen wurde. Dieses bestand aus einem robusten Rock und einer dazu passenden Jacke. 

Das Haar trug man zu Beginn der Dekade ähnlich wie in den 1870er Jahren: Zu Ringellocken gebrannt und auf dem Kopf zu einem gewollt unordentlichen Knoten gesteckt, oder am Hinterkopf zusammengesteckt und als Lockenkaskade auf die Schultern fallend. Auch der kurze Pony erfreute sich weiterhin großer Beliebtheit. Gegen Ende der Dekade setzt sich aber allmählich die ikonische Frisur des fin de siècle durch: Das Haar wird zu einem voluminösen Knoten auf dem Kopf aufgetürmt. Mittlerweile hat der Hut die Haube so gut wie vollständig verdrängt. Getragen werden nun Hüte, mit kostbaren Stoffen bespannt, die ein wenig an Zylinder erinnern. Sie haben eine breite, oft nach oben geschwungene Krempe und sind sehr hoch. Oft werden sie mit Federn, Kunstblumen, Schleifen, Bändern oder kleinen Schleiern üppig dekoriert.

Die 1880er sind außerdem der Beginn der vielen Kleiderreformen, die gegen die unnatürliche Verformung der weiblichen Figur kämpfen. Hier greift erneut die Bewegung Aesthetic Dress, die Schönheit in ihrer reinsten Form in der Natürlichkeit sieht und das Aufgesetzte, in ihren Augen Geschmacklose der Pariser Mode harsch ablehnt. Aesthetic Dress möchte nichts wissen von schreiend bunten Farben und opulenten Verzierungen und Akzenten, von Korsett und Tournüre, die den weiblichen Körper verformen und hässlich machen. Anhängerinnen dieser Bewegungen trugen meist locker sitzende Kleider in schönen, satten, aber gedeckten Farben, verzichteten auf das Korsett und die Tournüre und lebten in der Mode das Motto der Bewegung der Ästhetiker, die in der Kunst begonnen hatte: Kunst um der Kunst Willen und Mode um der Mode willen. Mode sollte einfach sein und qualitätvoll hergestellt, darin läge die wahre Schönheit.

Selbst nachlesen?

Ashelford, Jane: The Art of Dress. Clothing and Society 1500–1914. 1996.

Nunn, Joan: Fashion in Costume, 1200–2000. 2000.

Steele, Valerie: Paris Fashion. A Cultural History. 1998.

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