Just Dandy - Leben und Tod vor einem Spiegel

Robert de Montesqoiou - Giovanni Boldini, 1897
Musée d'Orsay, Paris 
Vor einiger Zeit habe ich euch davon berichtet, dass der gewöhnliche viktorianische Mann ein sehr männliches Äußeres anstrebte, mit kurzen Haaren, schlichter Kleidung und nüchterner, vernünftiger Herangehensweise an allerlei Probleme und Situationen des Alltags. Doch natürlich lebte nicht jeder Mann dieses Ideal, das ist ganz klar. Genau wie heute gab es auch schon im viktorianischen Zeitalter Randgruppen, die eine andere Vorstellung vom Leben und ein anderes Schönheitsideal hatten, als die breite Masse. Genau wie heute, gehörte zu dem alternativen Äußeren auch ein ganz anderes Bild von der Gesellschaft und eine gewisse Einstellung, die einem zum Teil einer Gruppe machten.

Heute möchte ich euch von den Dandys erzählen, die im späten achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert die Gesellschaft aufmischten. Die Dandys lehnten die Moralvorstellungen und sozialen Regeln der viktorianischen Bourgeoisie vehement ab und ähneln in ihrer Überzeugung stark den Bohemiens der Ära. Die beiden Bewegungen überschneiden sich tatsächlich auch in vielen Punkten. Viele Bohemiens der Belle Époque verstanden sich durchaus auch als Dandys und besaßen ein ausgeprägtes Gefühl für Ästhetik und Schönheit. Im frühen neunzehnten Jahrhundert unterschieden sich die beiden Bewegungen noch in einem kleinen, aber entscheidenden Punkt: Der Dandy unterstützt das Klassensystem, hält sich allerdings für einen Aristokraten und emuliert die Gepflogenheiten und Verhaltensmuster des Adels. Der Bohemien lehnt dieses System ab und lebt sein Leben in selbstgewählter Armut, aber dafür in Freiheit.

Der elegante Aufschneider

Im Gegensatz zum konventionellen viktorianischen Mann aus dem Bürgertum, achtete ein Dandy sehr wohl auf Schönheit. Dem Dandy gefiel das Exzentrische, das Übertriebene und Bunte. Um das Auftreten der Dandys genauer zu beleuchten, muss ich ein paar Jahrzehnte zurückgreifen: Der erste wirkliche Dandy soll Beau Brummel gewesen sein, Berater des Prince Regent George IV. Er war dafür berühmt, berühmt zu sein, ein großspuriger Mann, der aus einfachen Verhältnissen kam und nichts hatte, worauf seine Größe aufbaute. Im georgianischen England war eine Besonderheit: Einfluss war immer mit sozialem Status verbunden und, dass ein Bürgerlicher zum besten Freund und Höfling des Königs aufgestiegen war, war gelinge gesagt ungewöhnlich. Trotzdem galt er in England bald als Vorbild für andere Männer seines Standes und als richtige Berühmtheit. Später war das ein weiteres Merkmal der Dandys: Meistens kamen sie aus einfachen Verhältnissen, aus dem unteren Bürgertum, doch nach außen hin verhielten sie sich wie Aristokraten und bewahrten den Schein, etwas Besseres zu sein. Oft waren sie sehr charmante, einnehmende Männer, die sich bald in den höchsten Kreisen bewegten, obwohl sie dort keinesfalls hingehörten.

Durch Kleidung und Verhalten suggerierten sie Besitz und Ansehen, das sie gar nicht besaßen. Der Ursprung des Dandys liegt also im gewieften Aufschneider, der durch ein gewisses Schauspieltalent, Lügen und Feinsinn die Gesellschaft aufmischt und für sich einnimmt, obwohl er weder Geld und Titel, noch den nötigen Status aufweisen kann. Der Dandy des georgianischen und frühen viktorianischen Englands lebte seinen Traum. Er war davon überzeugt trotz seiner Geburt in eine wenig noble gesellschaftliche Schicht etwas Besseres zu sein, der Geld und Ansehen verdient hatte. Um ein richtiger Dandy zu sein, brauchte es einiges an Selbstkontrolle: Man musste immer auf der Hut sein und sich selbst gut kennen, um die Charade aufrecht erhalten zu können. Ein Ausrutscher konnte alles zunichte machen, was man sich aufgebaut hatte. Der berühmte französische Literat Charles Baudelaire, ein selbsternannter Dandy der frühen Belle Époque, beschrieb das Dasein als Dandy als "Leben und Schlaf vor einem Spiegel". Laut Baudelaire muss der Dandy ohne Unterbrechung erhaben und nobel wirken. Er hat keinen anderen Beruf, als elegant zu sein und keinen anderen Lebenssinn, als die Idee der Schönheit in der eigenen Person auszudrücken.

Der arrogante Lebemann

Es gab jedoch bald auch vermögende Männer, die in den Dandytrend einstiegen, denn bald ging es weniger darum, der Gesellschaft den nicht existenten Status vorzuspielen, sondern viel eher um das gesteigerte Ästhetikempfinden und den Anspruch darauf, etwas Besseres zu sein. Einer davon war, wie sollte es anders sein, der englische Schriftsteller Lord Byron. Ihm gefiel das Exzentrische der Dandys und er übernahm ihre Obsession für gute Kleidung und das perfekte Äußere. Ein Dandy hätte jedoch niemals zugegeben, wie viel Zeit er damit verbrachte, das richtige Outfit zu wählen und wie wichtig es ihm war. Eine gewisse nonchalante Arroganz gehörte zu einem Dandy dazu, eine charmante Ausstrahlung, die suggerierte, das gute, gepflegte Aussehen käme ihm zugeflogen. Das war es, dass einen Dandy von einem bloßen Nachahmer unterschied: Er hatte eine für sich einnehmende Ausstrahlung, einen Charme, der die Menschen seine Geschichten glauben ließ. Lord Byron machte übrigens das gerüschte Poetenhemd beliebt, das man bis heute mit Dichtern und Denkern verbindet. Er wird die nötige Ausstrahlung gehabt haben.

Diese Dandys der frühen viktorianischen Zeit stammten oft, wie bereits erwähnt, aus den Kreisen der Bohemiens, doch auch andere imitierten den Stil. Man schrieb den Dandys eine kleine Revolution zu: Sie erschufen sich selbst neu, formten das Bild, das die feine Gesellschaft von ihnen hatte, durch viel Berechnung und lückenlose Inszenierung ihres Selbsts. Sie brachen durch die alten Standesgrenzen, waren Männer mit einnehmender Persönlichkeit, auch, wenn das Geld einmal knapp wurde. Man ließ sich seine Dekadenz nicht nehmen, lebte über die eigenen Verhältnisse und genoss das Leben in der feinen Gesellschaft, gerade, weil es einem von Geburt aus nicht zustand. Zudem gab man nichts auf die Regeln der steifen Gesellschaft, auch, wenn es Spott und Ablehnung bedeutete. Der Dandy setzt seine Arroganz und seinen Spott ein, um sich über andere zu stellen und eine unantastbare Persönlichkeit zu werden, die über ihre Verhältnisse lebt, sich aber durchaus zu gut ist, Geld durch Arbeit zu verdienen. Baudelaire zum Beispiel verlor all seinen Reichtum durch den dekadenten Lebensstil eines Dandys und starb 1867 in Armut.

Belle Époque und Bohème

Die Dandys der Belle Époque übernahmen viele dieser Ansichten und Eigenschaften und waren in der feinen Gesellschaft bekannt, aber auch geliebt, für ihr exzentrisches Auftreten. Der Dandy der Belle Époque achtet nicht nur darauf, immer modisch gekleidet zu sein und gepflegt zu erscheinen, er geht einen Schritt weiter: Mittlerweile sind die oben erwähnten schlichten Herrenmoden modern, doch der Dandy mag taillierte Schnitte und kräftige Farben, er mag Blumen und Juwelen und lässt sich von vorherrschenden Schönheitsidealen und der neuen Obsession mit nüchterner, schlichter Männlichkeit nicht beirren. Zu ihnen gehören unter anderem Oscar Wilde, dem wohl wichtigsten Vertreter der Ästhetikbewegung in der Belle Époque mit seinem unmodisch langem Haar, seiner unkonventionellen Kleidung und seinen Vorstellungen von dekadenter Schönheit, und der Maler James Abbott McNeill Whistler, der ein Monokel und auffällige Kleidung trug und als exzentrisch und mit einem Selbstbewusstsein ausgestattet galt, das an pure Arroganz grenzte. Dandys gehörten nun fast ausschließlich Künstlerkreisen an: In Zeiten von rauer, adretter Männlichkeit war kein Platz mehr für den empfindsamen Künstler, doch Bohemiens und Dandys steuerten gegen dieses Ideal und lebten ihr "Anderssein" aus.

Ein weiterer sehr berühmter Dandy des fin de siècle war der französische Dichter und Kunstsammler Robert de Montesquiou, dessen Gemälde oben links zu sehen ist. Sehr bekannt war sein figurbetont geschnittener mandelgrüner Anzug, den er mit einer weißen Samtweste trug, doch auch sonst ergab er sich nicht der dunklen, nüchternen Herrenmode des fin de siècle: Er trug gern Juwelen und Blumen, satte bunte Farben und Schnitte, die für Herren Ende des neunzehnten Jahrhunderts nicht modern waren. Robert de Montesquiou war Freund vieler Künstlergrößen des fin de siècles, unter anderem von Sarah Bernhardt, und soll eine ganze Reihe exzentrischer Romanfiguren der Ära beeinflusst haben. De Montesquiou wird von seinen Zeitgenossen als sehr attraktiv und gutaussehend beschrieben, mit einem opulenten Schnurbart und welligem dunklen Haar, das immer anstandslos frisiert war. Trotz seines extravaganten Auftretens und seiner als arrogant und selbstwichtig empfundenen Art, war er ein immer gern gesehener Gast in den Salons von Paris und Londons und hatte adelige Freunde, sowie Freunde im Künstlermilieu. Er ist wohl das beste Beispiel für einen Dandy des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts.

Selbst nachlesen?

Moers, Ellen: The Dandy. Brummell to Beerbohm. 1960.

Rogers, Nigel: The Dandy. Peacock or Enigma? 2012. 

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