Victoria - Von der Prinzessin zur Königin

Die junge Victoria mit 23 Jahren - Franz Xaver Winterhalter, 1842
Wer an die Königin Victoria denkt, sieht oft eine rundliche alte Frau vor sich, gekleidet ganz in Schwarz, mit streng frisiertem weißem Haar und einem bitterem Ausdruck auf dem Gesicht. Als traurig und streng ist Victoria in die Geschichte eingegangen, als prüde und humorlos und ein wenig verschroben.  Doch natürlich war sie nicht immer diese Frau. Heute möchte ich euch mitnehmen auf eine Reise ganz an den Anfang des viktorianischen Zeitalters und ein Bild von der Prinzessin zeichnen, die später zur großen Königin Victoria wurde.

Geboren wurde Prinzessin Alexandrina Victoria am 24. Mai 1819. Ihre Eltern waren Prinz Edward von England, der vierte Sohn des amtierenden Königs George III., und die deutsche Prinzessin Marie Louise Victoire von Sachsen-Coburg-Saalfeld. Zum Zeitpunkt ihrer Geburt war Victoria bloß die fünfte in der englischen Thronfolge, dass sie einst zur großen Königin Victoria werden würde, stand noch nicht in den Sternen. Vor Victoria standen ihr Vater und seine drei Brüder, von denen einer zum berühmten Prince Regent und späterem König George IV. von England werden würde und ein anderer zu William IV., der sich schwor am Leben zu bleiben, bis Victoria achtzehn Jahre alt war, damit ihre Mutter, die Herzogin von Kent war, nicht Regentin werden könnte. Es gelang ihm: Bloß einem Monat nach Victorias achtzehntem Geburtstag verstarb er. 

Die Prinzessin Victoria – Königin über Nacht 

Doch wie war Victoria als Prinzessin, bevor sie im Alter von nur achtzehn Jahren Königin von England wurde? Victoria selbst hat ihre Kindheit immer als traurig beschrieben. Ihre Mutter Victoria, Herzogin von Kent, soll eine sehr vorsichtige Person gewesen sein, die ihre Tochter nur ungern aus den Augen ließ und ihr sehr strenge Regeln auferlegte. So durfte Victoria nicht einmal ein eigenes Schlafzimmer haben und musste im Zimmer ihrer Mutter schlafen. Die Herzogin von Kent entschied, wen Victoria treffen durfte. Auch durfte sie nicht einmal allein eine Treppe hinuntergehen. Es musste immer jemand auf sie aufpassen. Auf die Herzogin von Kent soll übrigens die strenge viktorianische Moral zurückgehen: Victorias Mutter war schockiert davon, dass die unehelichen Söhne von Victorias Onkel William am Hof willkommen waren und soll Victoria lange Zeit von allem ferngehalten haben, was sie als unmoralisch und verwerflich angesehen hat. Hier muss angemerkt werden, dass William IV. mit seiner Angst vor der Herzogin von Kent nicht falsch gelegen hat: Zusammen mit dem staatlichen Kontrolleur Sir John Conroy, der von vielen heute als ihr Liebhaber interpretiert wird, soll die Herzogin Victoria mit Absicht isoliert und schwach gehalten haben: 

Conroy und sie hatten gehofft, der König möge sterben, bevor Victoria volljährig wurde, damit die Herzogin als Regentin eingesetzt wurde. Gleichzeitig versuchten sie Victoria zu ihrer Marionette zu machen, um durch sie Großbritannien lenken zu können. Victoria aber hatte andere Pläne. Sie verabscheute Conroy und verbannte ihn vom Hof, sobald sie Königin geworden war. Die Isolation von anderen Kindern oder Besuchern sorgte dafür, dass ihr einziger Freund ihr Hund Dash war. Ihre Liebe zu Hunden bewahrte Victoria sich ihr Leben lang. Victoria war berüchtigte Tagebuchschreiberin und notierte in ihrem Journal, dass sie es gar nicht mochte, von ihrer Mutter auf Partys und bei Besuchen in den ländlicheren Gegenden Englands vorgezeigt zu werden. Auch William IV. gefiel das nicht. Er glaubte, die Herzogin von Kent würde den Menschen von England Victoria als Williams Rivalin vorstellen, nicht als seine rechtmäßige Erbin. Die vielen Reisen machten Victoria bald krank, doch Conroy und ihre Mutter gaben ihr Ziel nicht auf, bis Victoria volljährig war. 

Als sie siebzehn Jahre alt war, wurden ihr von ihrem Onkel Leopold, König von Belgien, zwei Heiratskandidaten vorgestellt: Der niederländische Prinz Alexander von Oranien, den ihr Onkel William bevorzugte, und ihr Cousin Albert von Sachsen-Coburg. William IV. hatte nichts Persönliches gegen Albert, wollte allerdings keine weitere Beziehung zum Haus Sachsen-Coburg aufbauen, was nach seiner Fehde mit Victorias Mutter nicht verwunderlich scheint. Victoria entschied sich trotzdem für Albert. Sie soll sich sofort in ihn verliebt haben und war eine sture, willensstarke junge Frau, die sich gegen die Einwände ihres Onkels William durchsetzte. Hier dürft ihr nicht glauben, dass Victoria sich der Pläne im Hintergrund nicht bewusst war. Sie wusste sehr genau, welche Vorteile welcher junge Mann für sie hatte und weshalb die Prinzen ihr vorgestellt worden waren. Trotzdem wählte sie Albert, da sie den Prinzen von Oranien zu langweilig fand. Dass Victoria aus Liebe heiratete, begeisterte die englische Bevölkerung so sehr, dass die viktorianische Gesellschaft die Heirat aus Liebe als Ideal aufbaute und verehrte. 

Die junge Königin Victoria – Sir Melbourne, Flora Hastings und die Hofdamenaffäre 

Am 20. Juni 1837, bloß einen knappen Monat nach ihrem achtzehnten Geburtstag, starb William und Victoria wurde über Nacht zur Königin von England. In ihrem Tagebuch vermerkte sie, dass sie mitten in der Nacht geweckt wurde und nur mit einem Morgenmantel bekleidet allein mit den beiden Männern sprach, die ihr die Nachricht überbrachten – der Politiker Lord Conyngham und der Erzbischof von Canterbury. Aus den Zeilen spricht ein gewisser Stolz, aber auch Erleichterung darüber, endlich etwas ohne ihre Mutter unternehmen zu dürfen. Der Tod ihres Onkels, zu dem sie eine tiefe Bindung hatte, war ein trauriges Ereignis für Victoria, doch er machte die junge Frau endlich frei: Sie war Königin und konnte endlich tun, was sie wollte. Sie selbst entschied sich dafür als „Queen Victoria“ bekannt zu sein. Ihren Vornamen Alexandrina – gewählt nach dem russischen Zar I. – verwarf sie. Hier bricht übrigens das Bündnis zwischen Hannover und England, das mit König George I. von England 1714 begonnen hatte. Im Königreich Hannover konnten Frauen den Titel nicht erben, weshalb Victoria anders als ihre Vorgänger bloß Königin von England werden konnte. König von Hannover wurde Victorias Onkel Ernst August, der jüngere Bruder ihres Vaters, der bis zur Geburt ihres ersten Kindes auch Victorias rechtmäßiger Thronerbe war. 

Victoria mit ihrer Tochter, Princess Royal Victoria, 1845 
Ihre ersten Amtshandlungen als Königin bestanden darin die Schulden ihres Vaters abzubezahlen und in den Buckingham Palace zu ziehen. Ihre Mutter und Conroy hatten Victoria nie in Staatsangelegenheiten unterrichtet, weshalb die blutjunge Königin von Wirtschaft und Politik kaum eine Ahnung hatte. Premierminister Lord Melbourne wurde Victorias große Stütze: Für Victoria war er ein Ersatz für den gestorbenen Vater und auch Melbourne sah in Victoria die Tochter, die er niemals gehabt hatte. 

Doch die enge Bindung zu Melbourne wurde Victoria bald zum Verhängnis. Ihre ersten Monate als Königin von England brachten der jungen Frau große Beliebtheit beim Volk, die sie jedoch bald verspielte. Bei Hof machten Gerüchte die Runde, nach denen Hofdame Flora Hastings von keinem geringeren als Sir John Conroy schwanger sein sollte. Victoria hasste Conroy, doch auch Flora Hastings verabscheute sie: Flora hatte eine große Rolle in Victorias Isolation als junges Mädchen gespielt. Victoria, gerade einmal zwanzig, erlag der Versuchung und glaubte dem Gerücht. Als sich herausstellte, dass Flora nicht wirklich schwanger war, begann Conroy eine Hetzkampagne gegen Victoria und Melbourne, die dafür sorgte, dass man Victoria und dem älteren Mann eine Affäre unterstellte. Victoria wurde als „Mrs. Melbourne“ verschrien und musste eine Menge Spott und Hass vom eigenen Volk ertragen. 

Nicht nur ihre Ahnungslosigkeit und ihre angebliche Affäre wurden für gemeine Hetzschriften verwendet, auch spottete man darüber, dass Victoria viel zu dick sei und hässlich. Wie das auf die junge Frau gewirkt haben muss, kann man sich gut vorstellen. Mit Melbourne an ihrer Seite gelang es Victoria jedoch, die Krise zu überwinden. Auch die Hofdamenaffäre von 1839 setzte ihrem Ruf zu: Als die Whigs-Partei, der Victoria die meisten Sympathien gegenüber brachte und der auch Lord Melbourne angehörte, im Jahr 1839 die Wahl verlor, weigerte sich Victoria ihre Hofdamen, die alle Verwandte oder Ehefrauen von Whigs-Politikern waren, durch die Frauen von Tory-Politikern auszutauschen. Sie verabscheute die Torys und wollte die Hofdamen, die sie als Freundinnen betrachtete, nicht verlieren. Der neue Tory-Premierminister, Robert Peel, lehnte das Amt daraufhin ab, sodass Lord Melbourne und die Whigs an der Macht bleiben. Victoria wurde vorgeworfen, die Wahl des Volkes missachtet zu haben. Victoria selbst gab später zu einen Fehler gemacht zu haben, doch es darf nicht vergessen werden, dass sie eine 20-jährige ohne politische Bildung war, die sich voll und ganz auf das Wort Sir Melbournes verließ.

Sir Melbourne hingegen lenkte Victoria in die Richtung, die er als sinnvoll betrachtete: Er verschwieg ihr zum Beispiel, wie schlimm es um die Aufstände in Irland stand oder um die vielen Armen in England. Sir Melbourne soll Victoria sehr gern gehabt haben, doch natürlich sah er in ihr auch das politische Mittel seine eigenen Ziele durchzusetzen und verriet Victoria nur das, was er für wichtig erachtete. Diese Situation besserte sich mit Victorias Hochzeit im Jahr 1840: Prinz Albert von Sachsen-Coburg war als Mann natürlich in politischen Dingen unterrichtet worden und durchschaute deshalb Melbournes Spiel besser als Victoria. Er wurde ihr neuer Berater und ging gerechter mit ihr um, obwohl es ihr nicht gefiel, wie stark er sich in die englische Politik einmischen wollte. Die Hochzeit am 10. Februar 1840 bedeutete für Victoria jedoch noch etwas ganz anderes: Obwohl sie Königin war, hatte sie, weil unverheiratet, weiterhin mit ihrer Mutter zusammenleben müssen. Als verheiratete Frau aber konnte sie ihre Mutter endlich aus dem Buckingham Palace verbannen. Ihren Hochzeitstag beschreibt Victoria als glücklichsten Tag in ihrem Leben. 

Die Ehe von Victoria und Albert soll glücklich gewesen sein, war allerdings auch von viel Streit und einem Ringen um Dominanz gezeichnet. Ich habe sie in einem anderen Artikel ausführlich zusammengefasst. Als Albert im Jahr 1861 starb, war Victoria am Boden zerstört. In den zwanzig Jahren ihrer Ehe hatte die erst 41-jährige Frau neun Kinder zur Welt gebracht, obwohl sie es hasste schwanger zu sein, sich vor dem Stillen ekelte und nicht gut mit Kindern umgehen konnte, obwohl sie eine gute Mutter gewesen sein soll. Alberts Tod sorgte dafür, dass Victoria nur noch in schwarzer Kleidung zu sehen war, weiter zunahm, sich aus der Gesellschaft fern hielt und sich fiel an ihren Lieblingsorten aufhielt, unter anderem ihrem Schloss in Schottland. Bald war sie als „Witwe von Windsor“ bekannt. Den Tod ihres Mannes schob sie auf ihren ältesten Sohn Albert Edward. Dieser hatte ihr schon immer Ärger gemacht und Albert hatte, obwohl er bereits stark erkrankt war, zu Albert Edward fahren müssen, um dessen Angelegenheiten zu regeln. Victoria war sicher, dass die Anstrengung der Reise und die Sorge um den Sohn Alberts Genesung behindert hatten. Im selben Jahr, 1861, war bereits Victorias Mutter gestorben und Victoria hatte in ihrer privaten Korrespondenz gelesen, dass die Herzogin von Kent ihre Tochter aufrichtig geliebt und nur in ihrem Interesse gehandelt hatte. Obwohl Victoria unter der Vorsicht ihrer Mutter sehr gelitten hatte, verfiel sie nun in tiefe Schuldgefühle ihrer Mutter gegenüber und war sicher, dass Conroy Schuld daran gewesen war, dass sie und ihre Mutter sich entzweit hatten.

Die Witwe Victoria – Die späteren Jahre 

Victoria wurde in ihren späten Jahren ihrer eigenen Mutter immer ähnlicher: Sie sorgte sich sehr um ihre Kinder und überwachte sie, wenn auch nicht in dem Ausmaß, in dem die Herzogin von Kent es mit ihr getan hatte. Als ihre älteste Tochter, die auch Victoria hieß, schwanger wurde, soll Victoria es als Trauerfall angesehen haben. Sie hatte ihre Schwangerschaften immer verabscheut und sich wohl auch in der Rolle als Ehefrau und Mutter niemals richtig wohlgefühlt, obwohl sie ihre Kinder liebte. Hier schimmert auch durch, dass selbst die Königin dem strengen Frauenbild ihrer Zeit nicht vollends entkommen konnte. In den 1860er Jahren gab es erneute Gerüchte um eine Affäre: Während Victoria in Schottland war, freundete sie sich gut mit dem Bediensteten John Brown an. Natürlich brodelte die Gerüchteküche erneut und Victoria wurde als Mrs. Brown verschrien – wie rund dreißig Jahre zuvor bereits als Mrs. Melbourne. Erst in den 1870er Jahren trat Victoria wieder öffentlich auf. Zehn Jahre nach dem Tod ihres Mannes erkrankte Albert Edward an derselben Krankheit wie sein Vater und Victoria bemühte sich darum, sich wieder mit Albert Edward zu vertragen. Zu ihrem 60ten Geburtstag im Jahr 1879 fühlte Victoria sich nicht wohl: Sie kam sich alt und verbraucht vor.

Im Jahr zuvor war ihre Tochter Alice gestorben, am selben Tag wie ihr Ehemann Albert, und obwohl die Beliebtheit der Königin wieder zugenommen hatte, fand sie in dieser Zeit kaum noch Freuden im Leben. Die Zukunft sollte nicht allzu viel Gutes bringen. Im Jahr 1883 fiel Victoria eine Treppe herunter und verletzte sich so schwer, dass sie sich niemals wieder richtig erholte. Im selben Jahr starb ihr guter Freund John Brown. Im Jahr darauf verstarb ihr Lieblingssohn Leopold. Victoria stützte sich in dieser traurigen Zeit stark auf ihre jüngste Tochter Beatrice, ohne zu bemerken, dass sie Beatrice mit ihrer Liebe erdrückte. Im Jahr 1887 feierte Victoria ihr fünfzigstes Thronjubiläum. Zu dieser Zeit ging es ihr bereits wieder besser und sie erschloss sich neue Felder: Sie ließ sich Hindustani beibringen, ein Nicken in Richtung Indiens, das bereits seit rund zehn Jahren Teil des britischen Imperiums war. Im Jahr 1897 folgte ihr diamantenes Jubiläum. Victoria war mittlerweile die am längsten regierende Königin in der englischen Geschichte. Doch die glücklichere Zeit hielt nicht lang an. 1900 starb ihr Sohn Alfred und Victoria bezeichnete das Jahr in ihrem Tagebuch als „voller Traurigkeit und Schrecklichkeit“. Im Jahr 1901 konnte Victoria durch ihren Sturz zwanzig Jahre zuvor nicht mehr laufen und war mittlerweile auch fast blind. Im frühen Januar noch vermerkte sie, dass sie sich krank und verwirrt fühlte. 

Am 22. Januar 1901 verstarb sie im Alter von 81 Jahren im Beisein ihres Sohnes Albert Edward, ihres Enkelsohnes Wilhelm II, Kaiser von Deutschland und ihres Lieblingshundes Turri. Sie hatte schon 1897 darauf bestanden, ein weißes Kleid bei ihrer Beerdigung zu tragen. In ihrem Haar steckte ihr Schleier von der Hochzeit mit Albert. Ein Morgenmantel von Albert wurde ihr mit in den Sarg gelegt, sowie ein Foto von John Brown. Ihre Trauerfeier fand am 2. Februar statt und am 4. Februar 1901 wurde sie neben Prinz Albert im Mausoleum bei Windsor beigesetzt. Ihr ältester Sohn, Albert Edward, folgte ihr auf den Thron und wurde Edward VII. von England. Trotz seiner Eskapaden in seiner Jugend wurde er ein guter König. Victoria hinterließ 122 Tagebücher, die ihr gesamtes Leben umfassen und Aufschluss darüber geben, wie sie gedacht und was sie von den Ereignissen in ihrem Leben gehalten hat. Ihr Tod traf ihr Volk schwer: Gegen Ende ihres Lebens war sie erneut eine sehr beliebte Königin gewesen, die als Mutterfigur fungiert hatte, und Großbritannien trauerte im Victoria. 

Wer war Victoria?

Königin Victoria, ca. 1860
Foto: J. J. E. Mayall
Victoria soll eine leidenschaftliche, lebensfrohe Person gewesen sein, die besonders in jungen Jahren viel lachte und meist fröhlich war. Das berühmte „We are not amused“, das ihr heute zugeschrieben wird, hat sie niemals gesagt. Sie hat sogar noch zu Lebzeiten abgestritten, jemals so etwas gesagt zu haben. Sie soll ein emotionaler und ehrlicher Mensch gewesen sein, jedoch auch jähzornig und stur. Victoria wurde von ihren Zeitgenossen nicht als hübsch verstanden: 

Sie war bloß 1,52 Meter groß und recht dick, doch sie war trotzdem zu Beginn und zum Ende ihrer Zeit auf dem Thron sehr beliebt. Victoria konnte nicht gut mit Kindern umgehen und war nicht gern schwanger, doch sie liebte ihre Kinder und ihren Ehemann, Prinz Albert. Das Gerücht, Victoria sei eine Tyrannin gewesen, die ihre Kinder verabscheut hätte, hält sich hartnäckig, ist aber nicht wahr. In ihren Briefen und Tagebüchern drückt Victoria die Liebe zu ihren Kindern sehr stark aus. Obwohl sie Kinder im generellen nicht gern mochte, hat sie ihre eigenen Kinder doch geliebt, war stolz auf sie und hat sich viel mit ihnen beschäftigt. 

Victorias ablehnende Haltung ihren Schwangerschaften gegenüber ist sicherlich einfach ein Ausdruck ihrer Ehrlichkeit: Sie war kaum 1,50 groß und neun Schwangerschaften und Geburten haben ihrem Körper stark zugesetzt. Wenn ihre Kinder sie enttäuschten, versteckte sie ihre Ablehnung nicht, sie log nicht gern und war ehrlich in ihren Ansichten. Dass viele Menschen deshalb heute annehmen, Victoria könnte ihre eigenen Kinder nicht geliebt haben und sei nur am Sex mit Albert interessiert gewesen, ist nicht richtig. Es stimmt allerdings trotzdem, dass Victoria Albert nicht nur auf romantische Weise über alles geliebt hat, sondern ihn auch körperlich sehr anziehend gefunden hat. Ihre ausufernde Liebe zu Albert, ihre Schwärmerei in ihren Tagebüchern und ihre große Trauer nach seinem Tod drücken aus, was für eine emotionale Frau sie gewesen ist. Trotzdem war sie auch stark: Sie war besonders in ihrer Jugend viel isoliert und benutzt worden und setzte sich in späteren Jahren stark dafür ein, ihre eigenen Entscheidungen treffen zu können. 

Interessant finde ich Victorias Umgang mit Rassismus. Es muss natürlich gesagt werden, dass das britische Imperium an sich auf rassistischen Taten und Gedanken fußt, doch Victoria selbst lehnte Stereotypisierung und Stigmatisierung aufgrund von Ethnie und Hautfarbe stark ab. So machte sie Sara Forbes Bonetta, eine afrikanische Prinzessin, die ihr als „Geschenk“ angeboten worden war, stattdessen zu ihrer Patentochter und kritisierte ihre Höflinge, wenn sie rassistische Meinungen äußerten. Victoria hat besonders Indien durchaus als ihr Königreich betrachtet, hat die brutale Übernahme des Landes jedoch kritisiert und die Menschen in den verschiedenen Teilen ihres Imperiums als gleichwertig betrachtet und sich nicht auf die rassistischen Stigmata eingelassen. Als ihr indischer Bediensteter Abdul Karim, der für Victoria bald ein weiterer Sohn geworden war, der Lüge bezichtigt wurde, ließ Victoria sich nicht beirren und bezichtigte den Ankläger stattdessen rassistischer Vorurteile. Hier muss man aber verstehen, dass Victoria in einer Zeit regiert, in der die Monarchie immer weiter symbolischen Charakter annimmt. Victoria selbst als Königin behält das Recht vor bestimmten Entscheidungen zu warnen oder mitzusprechen, doch ihr Parlament entscheidet und erlässt die Gesetze. 

Inwieweit Victoria über die Basis für ihr Imperium nachgedacht hat und ob sie es für richtig oder falsch gehalten hat, kann ich aus meiner Position aus nicht beurteilen. Ich halte es aber für unwahrscheinlich, dass sie moderne Ansichten zum Thema Imperialismus und Kolonialismus hatte: Dafür sind schließlich theoretische Überlegungen und Forschungen nötig, die erst im Jahrhundert nach ihrem Tod folgten. Doch für Victoria gilt wie für all ihre Zeitgenossen: Nicht jeder schloss sich dem Konsens der Allgemeinheit an und zumindest stand Victoria Stigmatisierung und Diskriminierung aufgrund von Ethnie und Hautfarbe harsch gegenüber. Wie sie zum Thema Homosexualität stand, das zu Zeiten ihrer Regierung ein großes Thema für gesellschaftlichen Diskurs war, kann ich euch auch nicht sagen. Sie hat das Gesetzt von 1885, das homosexuelle Akte verbat, unterzeichnet, aber auch hier gilt: Victoria allein hatte keine Macht, die Entscheidungen ihres Parlaments zu beeinflussen oder sogar abzuwenden. Ich möchte aber bezweifeln, dass sie hier eine offene Meinung gehabt haben könnte, denn Victoria ist trotz allem ein Kind ihrer Zeit. Das Gerücht, sie hätte behauptet, Frauen seien zu so etwas „Unanständigem“ wie Homosexualität nicht in der Lage, ist übrigens bloß ein Mythos. Victoria wird sich über dieses Thema sicherlich keine Gedanken gemacht haben und Frauen wurden im Gesetz von 1885 von vorn herein gar nicht erwähnt. Victoria war allerdings eine Gegnerin der Frauenbewegung. 

Trotz dieser dunklen Seiten ihres Charakters, ihrer Jähzornigkeit und ihrer Unüberlegtheit als junge Frau war Victoria doch sehr mutig und entsprach dem Rollenbild, an das sie glaubte, eigentlich selbst kaum. Es gab sieben Anschläge auf Victorias Leben und sie überlebte jeden einzelnen unbeschadet. Der wohl spektakulärste Anschlag fand im Mai 1842 statt: Victoria und Albert fuhren in ihrer Kutsche in Richtung des Buckingham Palace, als ein John Francis versuchte, Victoria zu erschießen. Er verfehlte sie knapp, doch Victoria hatte keine Angst. Sie entschied, am nächsten Tag genau dieselbe Route zu fahren, in der Hoffnung, Francis könnte es erneut versuchen. Er tat es tatsächlich und schoss erneut auf Victoria, doch sie war natürlich mit Polizeischutz gekommen und Francis konnte festgenommen werden. Sechs der sieben Attentäter versuchten, Victoria zu erschießen. Der siebte aber war der einzige, der sie verletzte: Er sprang in Victorias Kutsche und schlug mit einem Stock auf sie ein. Bevor er überwältigt werden konnte, hatte er Victoria ein blaues Auge geschlagen. Sie soll es mit Stolz getragen haben, als Zeichen dafür, dass ihr die Attentate keine Angst machten. 

Das Bild von Victoria, das wir heute haben – die dicke alte Frau, die nur schwarz trägt und immer traurig ist – ist kein Bild, das Victoria so zeigt, wie sie wirklich war. Victoria war eine fröhliche Person, stur, mutig und willensstark, die natürlich ihre Schwächen und dunklen Seiten hatte, aber durchaus eine interessante Persönlichkeit war und keinesfalls die bittere, herrische Frau, als die sie gern porträtiert wird, sondern eine liebende Mutter, starke Königin und selbstbewusste Monarchin. Das Bild, das wir heute von ihr haben, ist geprägt durch sehr viel Revision und Formung: Schon Victorias Tochter Beatrice hat nach Victorias Tod damit begonnen, alle Briefe und Tagebucheinträge, von denen sie glaubte, sie könnten Victorias Ruf schaden, zu verbrennen. Auch später noch wurden ihre Briefe und Tagebücher editiert, bearbeitet und angepasst. Die Victoria, die wir heute sehen, ist also eine zensierte, bearbeitete Victoria. Inwieweit es überhaupt möglich ist, ein umfassendes, authentisches Porträt von der Person Victoria zu erstellen, bleibt fraglich. Trotzdem wollte ich euch einen kleinen Einblick in die Thematik geben und hoffe, dass ihr Königin Victoria jetzt besser versteht. 

Selbst nachlesen?

Hibbert, Christopher: Queen Victoria. A Personal History. 2000.

Urbach, Karina: Queen Victoria. Eine Biographie. 2011. 

Wilson, A.N.: Victoria. A Life. 2014. 

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