Winter in der Belle Époque I: Wintermoden

Eine Winterrose von Sydney Percy Kendrick, 1897
Der Dezember ist angebrochen und langsam wird es wirklich winterlich. Ich war letztens in Herzberg am Harz unterwegs und dort lag nicht nur eine beachtliche Schicht Schnee, nein, es war auch klirrend kalt. Das brachte mich auf die Idee für ein Thema, das ich noch kaum angesprochen habe. Die Mode des neunzehnten Jahrhunderts kennt ihr nun bereits zum Großteil, doch was trugen die Menschen der Belle Époque eigentlich im Winter? Ein gewöhnliches Nachmittagskleid dürfte nicht ausreichen, wenn Schnee liegt und die Temperaturen unter Null fallen.

Das Thema Wintermoden ist wirklich spannend und hält einige Überraschungen bereit. Dieser Artikel ist übrigens eine Einleitung zu einer kleinen Reihe, die ich diesen Dezember über immer mal wieder ein Stück erweitern möchte: Winter in der Belle Époque. Ich hoffe, ihr seid gespannt auf das, was kommen mag. Ich habe mir ein paar Themen herausgesucht, die euch vielleicht sogar auf ein ganz viktorianischen Weihnachten einstimmen und, falls ihr kein Weihnachten feiert, zumindest ein paar Einblicke in den Dezember in der Belle Époque geben können. Heute möchte ich mit der Wintermode der Epoche beginnen, damit wir passend gekleidet aus dem Haus gehen, bevor wir nächste Woche einer Aktivität an der frischen Luft nachgehen, auf die die Menschen der Belle Époque im Winter nicht verzichtet haben. Welche das ist? Das erfahrt ihr morgen.

Winterkleider: Fell, Farben und Wärme

Winterensemble, ca. 1900
Metropolitan Museum of Art
Der Winter mag oft grau und trostlos wirkten, doch die Menschen der Belle Époque kannten ihre Wege, Farbe zwischen Regen, Schnee und grauen Himmel zu zaubern. Im Winter trugen die Damen nämlich keineswegs bloß dunkle Farben. Es ist wahr, dass man auf gesetztere Töne zählte, da Schneematsch und feuchter Straßendreck die Kleidung sonst zu schnell ruinieren konnte, doch die Menschen des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts verzichteten nicht auf Farben. Wo die Damen im Sommer vorwiegend helle Farben und leichte Stoffe trugen, griffen sie im Winter zu schwerer Seide, Samt und Brokatstoffen in dunklen, aber leuchtenden Farben wie rubinrot, königsblau oder waldgrün. Auch schwarz, tiefes Grau und dunkles Violett waren keineswegs nur als Trauerfarben zu verstehen. Besonders im Winter waren auch diese dunklen Farben, natürlich aufwendig verarbeitet und detailverliebt dekoriert, immer eine gute Wahl. Welche Farben genau in welchem Jahrzehnt besonders beliebt waren, kommt natürlich immer auf die vorherrschende Mode an, doch im Winter konnte man mit kräftigen dunklen Tönen kaum etwas falsch machen.

Sehr beliebt waren im Winter gefärbte und kunstvoll angebrachte Fellansätze. Nicht nur hält Fell natürlich schön warm, auch sieht es sehr winterlich aus und drückt auch eine besondere Statusbotschaft aus: Fell, besonders Hermelin, galt Jahrhunderte lang als Privileg des Adels. Im neunzehnten Jahrhundert wurde jedoch auch das gehobene Bürgertum einflussreich und wohlhabend genug, um sich Fellbesätze oder ganze Fellmäntel leisten zu können. Wer in der Belle Époque Fell trägt, tut das nicht nur aus modischen Gründen, oder um sich warm zu halten, sondern auch, weil er oder sie genau weiß, welche Wirkung das teure Material hat. Oben könnt ihr ein ganzes Nachmittagsensemble ansehen, bestehend aus einem dunklen, aber aufwendig verzierten Kleid aus dunkler, matt glänzender Seide, unter dessen hauchdünnem Oberrock ein fellbesetztes Unterkleid hervorschaut. Auch das Oberteil ist durch modische Fellapplikationen geschmückt. Das Fell findet sich im modischen Hut der Dame wieder. Kleid und Hut haben deutlich sichtbar modische, wie funktionale Aspekte an sich und wurden in dieser Form von einer wohlhabenden Dame getragen. Ich schätze, dass es sich um eine ältere Dame gehandelt haben könnte. Unter dem Kleid trugen die Damen spezielle Winterunterröcke, die aus dickerem Stoff waren oder sogar gesteppt und mit Daunen gefüllt.

Wintermäntel – Muff, Hut und Eleganz

Abendmantel, ca. 1887
Metropolitan Museum of Art
Natürlich folgt über dem Winterkleid eine weitere Schicht Kleidung: Der Wintermantel darf nicht fehlen. Oft besitzen wohlhabende Damen Mäntel und Capes, die zu ihren Winterkleidern passen und aus ähnlichem Stoff hergestellt sind oder ähnliche Verziehrungen aufweisen. Der Abendmantel, den ich euch herausgesucht habe, muss nicht unbedingt ein Wintermantel sein: Besonders Capes und Mäntel für Opernbesuche am Abend können auch zu anderen Jahreszeiten Fellbesätze aufweisen, da das Fell wie bereits erwähnt als Statussymbol galt. Die Menge an Fell und der dicke, sicherlich warme Leinenstoff weisen allerdings darauf hin, dass dieser Umhang im Winter oder Herbst getragen worden ist. Abendmäntel für den Sommer sind für gewöhnlich dünner und luftiger, mit weniger opulentem Fellbesatz. Wie ihr seht, bedeckt der Mantel nicht den ganzen Körper. Er hat eine für die Dekade sehr moderne Schnittform, der Platz für die Tournüre lässt. Spätere Mäntel aus der Zeit nach der Tournüre, sind meist bodenlang. Neben solchen extravaganten Abendmänteln gibt es natürlich auch Mäntel für den täglichen Gebrauch. Diese sind weniger aufwendig gestaltet, aber natürlich durchaus auch fellbesetzt und elegant geschnitten.

Es kommt ganz auf den Mantel an, ob die Dame ihr Ensemble mit einer Fellstola abrundet, oder nicht. Ein Abendmantel wie der abgebildete dürfte das Tragen einer Fellstola oder eines Fellkragens nicht nur schwer, sondern auch überflüssig machen, doch es existieren durchaus Fellstolen, die über dem Mantel angebracht werden können. In der Belle Époque sind besonders solche aus weißem Hermelinpelz beliebt, die nicht nur den Status und den Reichtum der Trägerin unterstreichen, sondern auch den allgemeinen dekadenten Charakter der Belle Époque. Nicht selten sind auf den Pelz Hermelinschwänze aufgenäht, hin und wieder sogar kleine Hermelinköpfchen mit Glasaugen. Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass ich aus moderner Perspektive betrachtet natürlich gegen das Tragen von Echtpelz bin, diese Mode allerdings recht faszinierend, wenn auch aus ethischen Gründen abstoßend finde. Meist gab es zu dieser Stola einen passenden Muff aus demselben Pelz, auf den dieselben Applikationen aufgenäht waren. Der Muff, in dem man die Hände wärmen kann, ist ein weiteres Muss im Winter. Auch er kann mit erkennbaren Tierteilen geschmückt sein. Außerdem gehört zum Ensemble ein paar warmer, gefütterter Winterstiefel aus gutem Leder oder mit Samt bezogen.

Herrenmode 

Auch die Mode der Herren möchte ich diesmal nicht zu kurz kommen lassen, obwohl sie viel einfacher aussieht. Wie gewohnt trägt der Herr einen modisch geschnittenen Anzug und einen modernen Hut in gesetzteren, dunklen Farben. Darunter wurde dicke Wollunterwäsche getragen, die schön warm hielt. Zum Ensemble gehörten außerdem dicke Handschuhe und der Wintermantel: Der Wintermantel für Herren war bodenlang und aus dickem festen Stoff gefertigt. Kragen und Ärmel waren meist mit dichtem Pelz oder mit warmem Samt besetzt. Besonders modern war es, wenn die Farben von Mantel und Pelzbesatz kontrastierten. Ein hellbrauner Pelzkragen zu einem schwarzen Mantel zum Beispiel war für den Herren der Belle Époque sehr modisch. Wichtig ist, dass der Mantel über das zum Anzug gehörende Jackett getragen wird und nicht stattdessen, wie man leicht annehmen könnte. Mehr ist zur Wintermode der Herren auch gar nicht zu sagen. Damit endet auch unser Einblick in die Wintermode der Belle Époque. Ich hoffe, sie gefällt euch trotz des vielen Fells als das, was sie ist: Ein Relikt aus vergangenen Zeiten, in denen Praktiken Gang und Gebe waren, die heutzutage glücklicherweise aus der Mode gekommen sind. Morgen sehen wir uns an, wohin der modische Mensch der Belle Époque in dieser Mode gegangen ist. Viel Spaß!

Selbst nachlesen?

Olian, JoAnne: Full-Color Victorian Fashions. 1870 - 1893. 1999.

Generell kann ich es empfehlen, sich Werke zu alten Modezeichnungen oder aber original Modekataloge aus der gewünschten Epoche anzusehen, um etwas über bestimmte Moden zu erfahren.

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