Make-Up in der Belle Époque

Schauspielerin Lily Elsie, ca. 1910
Eine Sache, die mir in Filmen, die in der Belle Époque spielen, immer wieder auffällt ist das Make-Up der Damen. Dass es nicht historisch authentisch ist, muss ich euch wohl nicht sagen. Viel eher herrscht hier eine Praxis vor, die auch die Kostüme der Frauen betrifft: Man hält sich lose an den Stil der Ära, schneidert, frisiert und schminkt aber meistens so, dass die Frauen trotzdem noch dem modernen Schönheitsideal entsprechen. Ich finde das ehrlich gesagt ein bisschen schade, doch darum soll es heute nicht gehen. Heute möchte ich euch näher bringen, wie ein authentisches Make-Up in der Belle Époque ausgesehen hat und welche große gesellschaftliche Entwicklung Schminke und Schönheitsmittelchen gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts erlebt haben. 

Für den Großteil des neunzehnten Jahrhunderts ist das Thema Make-Up schnell abgegrast: Kein Make-Up galt als das beste Make-Up. Dies hing mit der Natürlichkeitsbewegung zusammen, die gegen 1800 einsetze und aufwendiges Make-Up, das noch im achtzehnten Jahrhundert ein Muss für Männer und Frauen der obersten Schichten war, galt zu Beginn der viktorianischen Ära bereits als vulgär und hässlich. Ein gesunder, natürlicher Teint oder vornehme Blässe traten unter respektablen Menschen an seine Stelle und sollten die neue Bescheidenheit und Natürlichkeit ausdrücken, die den Zeitgeist ausmachte. Natürlich heißt das jedoch nicht, dass besonders Frauen auf ihre Hilfsmittel verzichtet haben. Während starkes, auffälliges Make-Up nun bloß noch von Prostituierten und Schauspielerinnen getragen wurde, Halbweltdamen, deren Ruf nicht geschützt werden musste, setzten respektable Frauen auf Schminke, die ihre natürliche Schönheit unterstrich. 

Papier Poudré - Schönheit im neunzehnten Jahrhundert

Diese Hilfsmittel waren nicht selten ungesund oder sogar giftig. Um den Augen einen lebendigen Glanz zu geben, träufelte man sich Belladonna in die Augen. Der vornehme blasse Teint wurde mit arsenhaltiger Farbe erreicht, wenn man nicht von Natur aus darüber verfügte. Die Wimpern ließen sich mit Kohle oder angebrannten Zündhölzern dunkler färben, die Lippen mit Geranienblüten oder Quecksilbersulfid röter schminken. Dieses Make-Up wird natürlich so aufgetragen, das es dem Betrachter nicht auffällt, dass die Dame überhaupt nachgeholfen hat. Wenn jemand bemerkt, dass eine respektable Hilfsmittelchen benutzt, um ihre Schönheit zu akzentuieren oder den modernen natürlichen Teint vorzutäuschen, und es zu Gerüchten kommt, kann das dem Ruf der Dame durchaus schaden. Erst zu Beginn der 1890er änderte sich die Einstellung zum Make-Up. Wie ich euch hier auf dem Blog schon mehrmals erzählt habe, sind die 1890er eine Dekade voller gesellschaftlicher Umwälzungen, die zu lockereren Moralvorstellungen führten. So sorgten sie auch dafür, dass die Einstellung gegenüber Make-Up aufgelockert wurde. Die meisten Damen benutzten allerdings bloß das sogenannte papier poudré: Ein Tuch, das mit Puder bedeckt war, mit dem man sich das Gesicht bleicher tupfen konnte. 

Schminke ließ sich lange Zeit nicht in den großen Warenhäusern erstehen, die in der Belle Époque an Beliebtheit gewannen und alles führten, was die Dame von Welt benötigte, sondern bloß in Apotheken oder Geschäften für Theaterbedarf. Die meisten Frauen verzichteten daher auf Make-Up, sondern benutzt eher Pflegeprodukte, die die Haut weicher und schöner machen sollten, Mittel gegen Sommersprossen, oder Seifen und Tinkturen, die das Haar glänzender und geschmeidiger machten. Im Jahr 1886 entwickelte die New Yorkerin Harriet Hubbard Ayer die erste Produktreihe an Toiletten- und Make-up-Artikeln: Die Recamier-Linie, benannt nach der berühmten französischen Schönheit Juliette Recamier. Harriet erfuhr zuerst viel Widerstand: Sie war eine Frau der Oberklasse, die ihren eigenen Namen auf ein Schönheitsmittel druckte. Ein kleiner Skandal, der Harriet aber kaum schadete. Ihre besten Kundinnen waren nämlich nicht die Damen der Oberschicht, sondern Frauen aus dem gehobenen Bürgertum, die den Eindruck von mehr Reichtum und Klasse erwecken wollten. Harriet verkaufte und vermarktete bald darauf Cremen, Lotionen, Seifen, Duftwasser und ähnliche Produkte. 

Harriet Hubbard Ayer gilt heute als Begründerin der Schönheitsindustrie und tritt etwas los, dass nicht nur für die Geschichte von Make-Up wichtig ist, sondern auch gesellschaftliche Signifikanz hat: Sie entdeckte die Frau als Konsumentin, die bereit war, Geld in ihre Schönheit zu investieren. Ungefähr zur selben Zeit sorgte die berühmte Sarah Bernhardt für einen weiteren Schritt in Richtung der Akzeptanz von Make-Up: Sie begann in der Öffentlichkeit und auf der Bühne Karmesinöl auf den Lippen zu tragen. Das Karmesin färbte die Lippen in einem natürlichen Rotton, der nicht als gar so anstößig empfunden wurde. Hier muss ich euch etwas erklären: Sarah Bernhardt war keine gewöhnliche Schauspielerin, für die Schminke zum Bühnenensemble gehörte, sondern gehörte zu den berühmteren, respektablen Schauspielerinnen, die in den großen Theatern für die gehobene Gesellschaft spielten. Diese Schauspielerinnen galten als respektable Mitglieder des gehobenen Bürgertums und trugen auf der Bühne normalerweise keine Kleidung, die nicht modisch oder respektabel war, im Gegensatz zu gewöhnlichen Schauspielerinnen, die leicht bekleidet für ein anderes Klientel spielten. Sarahs Vorliebe für rote Lippen sorgte bald für einen kleinen Trend und dafür, dass rot gefärbte Lippen um die Jahrhundertwende herum nicht nur akzeptiert wurden, sondern sogar beliebt.

Der Schönheitsmarkt - Warenhäuser und Produktlinien 

In den 1890ern begann zum Beispiel die bereits berühmte französische Parfümerie Guerlain Lippenstift herzustellen und zu verkaufen. Noch sind wir jedoch lange davon entfernt, den Lippenstift, wie er heute ist, in einer metallenen Röhre zum Hochschieben kaufen zu können. Das Lippenfärbemittel aus Öl, Bienenwachs und Farbe kommt in Seidenwachs eingeschlagen oder in kleinen Tiegeln und wird mit einem Pinsel aufgetragen. Das große Warenhaus Sears in den USA begann ebenfalls in den 1890ern Lippenstift und andere Kosmetikartikel zu verkaufen und auch in Europa hielten die Produkte um die Jahrhundertwende herum Einzug in die großen Kaufhäuser. In Großbritannien kam der große Durchbruch im Jahr 1909, als das riesige Kaufhaus Selfridges eröffnete und Kosmetikartikel ganz frei und ohne Beschränkungen anbot. In London und anderen großen Städten gab es über das fin de siècle hinweg aber bereits durchaus akzeptierte Kosmetiklädchen, meist von kundigen Damen betrieben, in denen Frauen ohne gesellschaftliche Missbilligung Schönheitsmittelchen erstehen konnten. Es ist allerdings überliefert, dass diese Läden sehr oft einen Hintereingang hatten, damit Damen, die trotzdem nicht dabei gesehen werden wollten, wie sie ein solches Geschäft betraten, auch dort einkaufen konnten. 

Das beginnende 20ste Jahrhundert bringt jedoch nicht durch Zufall den Aufstieg des Make-Ups als gesellschaftlich akzeptiertes Schönheitsmittel: Die ersten Filme werden gedreht, die ersten richtigen Superstars nach modernem Vorbild werden berühmt. Beliebte Bühnenschauspielerinnen werben für die Schönheitsmittel und die großen Industriellen erkennen den neuen Markt in Mode und Make-Up, der sich zum ersten Mal in der Geschichte speziell an Frauen richtet. Das Make-Up der 1900er unterstrich jedoch noch immer die natürliche Schönheit: Hauttöne, sanftes Rot und Rosa, sowie Brauntöne waren beliebt und durften natürlich nur sanft aufgetragen werden. Krasses Make-Up und kräftige Farben waren weiterhin mit Prostituierten und niederen Schauspielerinnen konnotiert. Dies änderte sich 1910, als das russische Ballett nach Paris kam und dort einen Hit landete: Die Farben der Kostüme beeinflussten nicht nur die Pariser Mode der Saison, sondern auch das Make-Up: Ocker und dunkles Rot wurden beliebt und gesellschaftlich akzeptiert. Viele der Make-Up-Fabrikatoren, von denen wir heute noch kaufen, werden in dieser Zeit gegründet, so zum Beispiel Max Factor im Jahr 1909. In Frankreich entsteht im selben Jahr L´Oréal. Maybelline folgte bereits 1915.

Dass Make-Up nun zwar auch unter Frauen der Oberschicht akzeptiert war, heißt jedoch nicht, dass es nicht viele Widersacher gab. Und wie immer, wenn Frauen etwas entdecken, dass nur für sie ist und ihnen Freude bereitet, treten Menschen auf, die etwas Falsches darin sehen. Viele junge Männer verteufelten das Make-Up, weil sie behaupteten, es wäre eine Vorspiegelung falscher Tatsachen, als wäre die Frau eine Ware, die beworben werden muss. Das ist leider eine Geisteshaltung, die bis heute überlebt hat: Noch immer behaupten viele junge Männer Make-Up sei eine Verdrehung der Tatsachen ohne zu verstehen, dass die meisten Frauen sich für sich selbst schminken und nicht, um den Männern in ihrer Umgebung zu gefallen oder ihnen etwas vorzuspielen. Trotzdem war das Make-Up nun endgültig auf dem Siegeszug: In den späten 1910er und den 1920er Jahren war es notwendig Schauspieler stark zu schminken, damit die Kontraste im Schwarzweißfilm gut sichtbar wurden. Dieses krasse Make-Up mit dunklen Lippen, dick aufgetragenem Rouge, buntem Lidschatten un getuschten Wimpern wurde bald unter den neuen jungen Frauen in kurzen Kleidern und mit kurzem Haar beliebt, denn natürlich ging es gegen alles, das ihre viktorianischen Mütter repräsentierte und war somit ein Trend der Flapperbewegung. 

Selbst nachlesen?

Angelogou, Mary: A History of Makeup. 1970. 

Kommentare

  1. Danke für den tollen informativen Beitrag!

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  2. Gern geschehen. :-) Freut mich, dass er dir gefällt.

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