Queere Identität im viktorianischen Zeitalter

Viktorianisches Paar, USA, ca. 1875
Queere Identität und Sexualität sind nicht bloß heute ein Thema, das immer wieder im Mittelpunkt von Diskussionen und Diskurs steht. Sie waren es schon immer. Schaut man zurück in die britische Geschichte, stellt man fest, dass homosexuelle Handlungen in Großbritannien noch bis 1835 mit dem Tod bestraft wurden. Für den Kontext: Das ist dasselbe Jahr, in dem Charles Darwin auf der MS Beagle ablegt, dasselbe Jahr, in dem die erste Eisenbahn auf dem europäischen Kontinent fuhr, dasselbe Jahr, in dem die ersten Fotografien entstanden.

Das beginnende viktorianische Zeitalter ist eine Zeit voller Fortschritt und Neuerungen, jedoch auch voll von Jahrhunderte alter Unterdrückung und Vorurteilen. Und das sind Stigmata, die uns auch heute noch nachhängen, egal wie sehr wir darauf plädieren bessere Menschen zu sein, als unsere Vorfahren. Deshalb habe ich mich entschieden, heute diesen Artikel zu schreiben, deshalb, und weil es mir absolut missfällt, mit welcher Selbstverständlichkeit homo- und bisexuelle Persönlichkeiten immer wieder aus der europäischen Geschichte getilgt werden.

Denn obwohl homosexuelle Handlungen ab 1835 nicht mehr mit dem Tode bestraft wurden, zieht sich das Unsichtbarmachen, das Diskriminieren und verstecken wollen wie ein rotes Band durch die gesamte Epoche. 1885, fast zwanzig Jahre nachdem Karl Heinrich Ulrichs in Deutschland als erster bekennender Homosexueller offen für das Ende der Unterdrückung homosexueller Männer eingetreten ist, wird in England ein Gesetz verabschiedet, nach dem jede homosexuelle Handlung strafbar wurde. Bestraft wurden sie mit zwei Jahren harter Arbeit, die viele Männer krank machte und oft sogar umbrachte, sowie mit kompletter gesellschaftlicher Ächtung, die nicht wenige Männer in den Ruin getrieben hat. Doch was passierte im späten neunzehnten Jahrhundert? Was löste die so genannte „Moralpanik“ aus, während der einschlägige Zeitungen vor dem Verfall der Gesellschaft aufgrund von Sittenlosigkeit warnten, während der jeder Fall von „gross indecency“, wie man homosexuelle Handlungen betitelte, in den Zeitungen groß aufgerollt wurde?

Die Viktorianer und Sexualität

Um das zu verstehen, muss man beim viktorianischen Verständnis von Sexualität selbst ansetzen und das ist kompliziert. Es ist eigentlich gar nicht möglich dieses Thema knapp abzuhandeln, doch ich versuche es mal: Im viktorianischen Zeitalter wurden sexuelle Gefühle weitgehend unterdrückt und als etwas Schmutziges betrachtet. Die romantische Liebe wurde als Ideal hochgehalten und gefeiert, die Sexualität hingegen war etwas sehr Privates, sehr Schamvolles. Hier treffen veraltete Moralbilder mit früher Forschung und Biologie zusammen, die genutzt wurde, um dieses Bild zu unterstützen. Im Gegensatz dazu steht die viktorianische Pornographie, die in den Schatten stattfinden musste und als etwas so unaussprechlich Schmutziges galt, wie wir es uns heute kaum noch vorstellen können. Gegen Ende des Jahrhunderts aber sprengten riesige Sozialreformen, neue Erkenntnisse und ein gesellschaftlicher Wandel diese alten Bilder vollkommen auf. Nicht umsonst nennt man die 1890er auch die „Naughty Nineties“. Neue Sexualforschung, die Anfänge der Psychologie, die Frauenbewegung und ein neuer vorwärts gewandter Zeitgeist sorgten für sich lockernde Moralbilder. Natürlich hat sich aber der Großteil der viktorianischen Gesellschaft dagegen gesperrt – Die Moralpanik entstand. Man hatte Angst vor den Neuerungen und den neuen Freiheiten, man wollte alles so behalten, wie man es gewohnt war.

Während weibliche Sexualität überhaupt nicht sichtbar sein durfte, bot männliche Sexualität großes Diskussionsthema. Man entschied, dass ein zu großer sexueller Hunger ungesund sei und mit psychischen Störungen in Zusammenhang stünde und, dass ein richtiger, vernünftiger Mann, das innere „Biest“ müsse zügeln können. Und in diesen Konflikt bricht nun die Homosexualität, die natürlich gegen alles zu verstoßen scheint, was den Viktorianern heilig ist. Man muss verstehen, dass Homosexualität nicht mit Liebe in Verbindung gebracht wurde. Liebe, das konnte es nur zwischen Mann und Frau geben, da war man sich sicher. Und das reduzierte eine Beziehung zwischen zwei Männern auf die sexuelle Begierde – und die war schließlich zu unterdrücken, sie war ungesund. Und, wenn sie nun noch außerhalb der akzeptierten Norm auftat, war sie etwas das denn Leuten große Angst machte. Hier muss ich jetzt, bevor wir uns weiter mit dem Thema beschäftigen, eins ganz klar machen: Mir geht jedes Mal der Hut hoch, wenn jemand behauptet, vor dem späten neunzehnten Jahrhundert hätte es keine queeren Männer gegeben. Natürlich hat es sie gegeben, immer schon. Doch das späte neunzehnte Jahrhundert hat sie sichtbar gemacht und das leider auf die furchtbarste Art und Weise, die man sich vorstellen kann.

„Homosexualität“ als Erfindung der Viktorianer

Eine Sache, die man klären muss, bevor man über „homosexuelle Viktorianer“ spricht ist, dass dieses Label, das uns heute gute Dienste tut, in der Zeit, über die wir sprechen, noch nicht existiert hat. Genauso wenig, wie Sappho sich in der Antike als lesbische Frau bezeichnet haben wird, hat sich Oscar Wilde als schwul oder bisexuell verstanden. Viel eher muss man davon ausgehen, dass die Leute selbst natürlich genau wussten, was sie fühlten: Sie liebten als Frauen andere Frauen, als Männer andere Männer und / oder fühlten sich sexuell zu ihnen hingezogen. Aber die Bezeichnungen und die Konzepte Homo- und Bisexualität, die gab es noch nicht. Ich werde im Folgenden also das Label auf Menschen anwenden, die sich ganz anders verstanden haben müssen, aber ich möchte nicht so weit gehen, das komplett aufzudröseln, da das den Rahmen dieses Beitrags sprengen würde. Ich möchte nur, dass ihr euch im Gedächtnis behaltet, dass das Konzept Homosexualität selbst den Menschen damals nicht bekannt war.

Das Wort „homosexuell“ selbst stammt von Karl-Maria Kertbeny, der 1869 gegen Diskriminierung Homosexueller in Preußen geschrieben hat, bedeutet im viktorianischen Verständnis aber wirklich nur sexuelle Attraktion, keine Identität oder romantische Anziehungskraft. Eigentlich sollte man die Labels aus den oben angeführten Gründen nicht auf historische Persönlichkeiten anwenden, da man Menschen aus vergangenen Epochen nicht in moderne Konzepte von Identität und Sexualität pressen kann. Wenn ich die Wörter im folgenden also verwende, behaltet im Hinterkopf, dass ich aus einer modernen Perspektive auf historische Persönlichkeiten zurückblicke und die Wörter zum besseren Verständnis benutze, die Menschen selbst aber andere Bezeichnungen und Konzepte für sich und ihre Sexualität gekannt haben. Wenn man also von Lord Byron als bisexuell spricht, von Sappho als lesbisch und von Aubrey Beardsley als möglicherweise asexuell, dann immer unter der Voraussetzung, dass man sich darüber bewusst ist, das man moderne Konzepte auf historische Situationen und Personen überträgt.

Der Skandal in der Cleveland Street

Schon vor 1889 kam es vereinzelt zu Fällen, in denen die Medien Homosexualität und Identitäten abseits der heterosexuellen, cissexuellen Norm an den Haaren an die Öffentlichkeit zerrten und als Beweis für den Verfall der Gesellschaft anprangerten. Der erste große Fall dieser Art soll der von Fanny und Stella im Jahr 1870 gewesen sein, der bereits sehr gut zeigt, wie die Viktorianer mit Menschen umgingen, die nicht in ihr Moralbild passten. Es geht hier weniger darum, dass die Viktorianer geglaubt haben, Homosexualität sei per se gefährlich. Den Viktorianern geht es grundsätzlich um die Angst vor dem Wegfallen ihrer strikten gesellschaftlichen Regeln, nicht so sehr um die Sache als solche. Homosexuelle Begierde, und etwas anderes gab es in den Augen der Viktorianer in diesem Zusammenhang nicht, stieß krass mit dem Bild des guten Mannes, der seinen sexuellen Hunger unterdrückt, zusammen. Transgender-Identitäten sprengten die starren Geschlechterrollen in einem Maß auf, dass die Leute in Panik gerieten ließ. Anstatt sich auf das für sie Neue einzulassen und andere Muster kennenzulernen, reagierten die Viktorianer mit Ablehnung, Angst, Panik und Hass. Und das hat unsere moderne Gesellschaft noch immer mit ihnen gemeinsam.

Eine große Rolle in der Sichtbarwerdung von Homosexualität spielten die neuen Medien. Um 1870 herum sind besonders die Klatschmedien, die günstig zu bekommen sind und in großen Auflagen gedruckt werden, noch etwas sehr Neues und ein Medium, dass die Lust nach Skandalen und Empörung befriedigt. Man muss verstehen, dass im späten neunzehnten Jahrhundert einiges zusammenkommt: Zum einen die Auflockerung der Gesellschaft, die Schlupflöcher für Menschen bildet, die nicht in die starren Rollen passen. Zum anderen ein neuer Forschergeist, der einiges an wichtigen Informationen hervorbringt, aber auch einen sehr großen Haufen falscher Fakten zu sexuellen, psychologischen und biologischen Themen. Und zum Schluss natürlich das Medium, das diese neuen Meinungen, „Erkenntnisse“ und auch die große Panikmache transportieren kann: Das gedruckte Wort, ganz vorweg die Zeitungen, die sich fast jeder leisten kann. Sehr anschaulich wird dieses neue System, wenn man sich den großen Cleveland Street Skandal von 1889 ansieht, der nicht nur als Auslöser der Panik um die Homosexualität gilt, sondern nach Jack the Ripper einer der ersten Fälle überhaupt ist, in dem die Medien durch mehr schlecht als rechte Berichtserstattung Panik und Aufregung in der Londoner Gesellschaft verursachen.

In großen Städten wie London existierte schon lange eine so genannte „Unterwelt“ – hier trafen sich unter anderem queere Menschen an mehr oder weniger sicheren Orten, aber auch andere Menschen, die nicht in das Moralbild der Viktorianer passten. Ein solcher Ort war die Cleveland Street: Ein Bordell, in dem junge Männer arbeiteten. Die Polizei entdeckte das Bordell im Juli 1889 mehr durch Zufall: Sie war mit einem Diebstahl auf dem Londoner Telegraphenamt beschäftigt und hatte einen fünfzehnjährigen Mitarbeiter festgenommen, den man mit ungewöhnlich viel Geld in den Taschen erwischt hatte. Auf die Frage hin, ob er das Geld dem Amt gestohlen hätte, gab er zu, dass Geld im Bordell in der Cleveland Street verdient zu haben. Kurz darauf ließ Inspector Abberline, bekannt aus dem Jack-the-Ripper-Fall, weitere Prostituierte festnehmen, die ebenfalls gleichzeitig im Telegraphenamt und im Bordell gearbeitet hatten. Interessant, aber nicht verwunderlich ist, dass bloß die Prostituierten selbst vor Gericht gestellt wurden, während man den reichen Klienten des Bordells nur widerwillig nachstellte und sie so Zeit bekamen zu fliehen.

Was den Fall für die Presse so interessant machte, waren genau die: Die reichen, in London angesehenen Adeligen, die im Bordell ein- und ausgingen und nach Entdeckung des Bordells der Reihe nach auf den Kontinent flohen, was den armen Prostituierten nicht möglich war. Einige zahlten den jungen Männern allerdings die Anwaltskosten, die während der Verhandlungen anfielen, trauten sich aber nicht, nach England zurückzukehren, da auf homosexuelle Handlungen wie bereits erwähnt nicht bloß, zwei Jahre Zwangsarbeit standen, sondern auch der tiefe gesellschaftliche Fall. Der Cleveland-Street-Fall wäre beinahe unbemerkt vorübergezogen, denn offen über Homosexualität zu schreiben wagten die meisten Medien im Jahr 1889 nicht, doch ein gewisser Ernest Parke sah seine Zeit gekommen: Er rollte den Fall neu auf und machte es sich zur Aufgabe, die Namen der Aristokraten, die das Bordell besucht hatten, in Erfahrung zu bringen und abzudrucken. Parke muss eine richtige Hexenjagd im Sinne gehabt haben, ein anderes Motiv für dieses Unterfangen mag mir nicht einfallen. Parker wurde schnell wegen übler Nachrede zu einem Jahr Haft verurteilt, doch der Funken war übergesprungen.

Londons Schatten und die viktorianische Unterwelt

Die Medien reagierten. Parke hatte angedeutet, dass kein Geringerer als Prinz Albert Victor in den Fall verwickelt sei, ein gefundenes Fressen für die Presse. Natürlich wagte es niemand, den Namen des Prinzen auszuschreiben, doch die viktorianische Presse kannte ihre Wege mithilfe von Umschreibungen und Andeutungen sehr klar zu machen, um wen es sich handelte. Durch Parkes Einmischen musste der Fall auch vor Gericht neu aufgerollt werden, neue Informationen kamen ins Licht und die angebliche Verwicklung des Prinzen machte die Verhandlungen kompliziert. Noch dazu erschien Henry Labouchère, der sich für das 1885 erlassene Gesetz gegen homosexuelle Handlungen stark gemacht hatte, auf der Bühne und beschuldigte die Regierung, den Fall vertuschen zu wollen. Ein handfester Skandal entstand und obwohl Labouchère mit seinen Anschuldigungen nicht weit kam, hatte sich der Fall in den Köpfen der Viktorianer präsent gemacht. Immer öfter und immer mehr schrieben die Zeitungen über ähnliche Fälle und nutzten die nun sichtbar gemachte Homosexualität, um den Adel von seinem Podest zu zerren: Homosexualität, als etwas durch und durch schlechtes betrachtet, sei eine „Krankheit der Aristokraten“, die die armen Prostituierten im Bodell koruptiert und missbraucht hätten.

Durch diese Berichte schaffte die Presse ein immer negativeres Bild der eh schon verteufelten Homosexualität und nutzte sie als Vorzeigeübel, um die Klassenunterschiede zwischen arm und reich zu verdeutlichen. Queere Männer hatten schon in den Jahren zuvor versucht, sich selbst sichtbar zu machen: Durch wissenschaftliche Berichte, in denen sie versuchten ihre Sexualität zu rechtfertigen und als etwas völlig Normales zu zeigen. Die Sichtbarkeit, die ihnen die Presse verschafft hatte aber, war durch und durch negativ. Sie verfestigte die Annahme der Viktorianer Homosexualität sei eine psychische Störung, etwas „Krankes“ und Schlechtes, das verfolgt werden müsse. Die Behandlung und die Nachwehen des Cleveland Street Skandals sorgten dafür, dass der berühmte Fall Oscar Wilde 1896 so extreme Züge annahm: Wilde hatte eigentlich den Vater seines Geliebten Lord Alfred Douglas wegen übler Nachrede angezeigt, doch der Vater, der Marquis of Queensberry, drehte den Spieß um und bezichtigte Wilde der „gross indecency“.

Die Gerichte meinten, sie müssten ein abschreckendes Exempel aus Wilde machen und verurteilten ihn zu zwei Jahren harter Arbeit. Wilde, der einst gefeierte Schriftsteller, erholte sich niemals und starb einige Jahre später geächtet und gehasst im Pariser Exil. Nach Wildes Verurteilung flohen viele queere Künstler und Adelige aus Großbritannien und bereits vor dem Wilde-Fall war es immer wieder zu Erpressungsfällen gekommen: Männliche Prostituierte hatten erkannt, dass sie ein Geschäft aus dem Hass auf queere Männer machen konnten, indem sie die Kunden damit erpressten, ihr Queersein bekannt zu machen, wenn sie kein Schweigegeld bezahlten. Darüber hinaus wurde man in der Londoner Unterwelt vorsichtig. Um 1900 existierte in London ein eigener Slang, der von queeren Menschen genutzt wurde. Nicht etwa, weil eine Geheimsprache lustig ist, sondern, weil jedes falsche Wort gefährlich werden konnte. Seit den Ereignissen der 1880er Jahre häuften sich die Verurteilungen queerer Männer und natürlich wollte niemand der nächste sein. Ende der 1890er veröffentlicht Havelock Ellis ein Werk, in dem er argumentiert, dass Homosexualität ganz normal sei und akzeptiert werden müsste, nicht verfolgt oder „behandelt“. Das Buch wird jedoch sehr bald verboten.
Oscar Wilde und Lord Alfred Douglas,
1893

Bereits seit dem Fanny-und-Stella-Fall von 1870 herrscht im viktorianischen England die Annahme, Homosexualität sei eine Störung, die man „behandeln“ kann. Dies rührt, wie viel ähnlicher Unsinn sehr sicher aus Möchtegern-Untersuchungen zum Thema, ist allerdings leider ein Stigma, dass sich hartnäckig bis heute hält. Damals begaben sich viele queere Männer in Therapie, da sie die Reaktion der Gesellschaft fürchteten. Man darf sich den queeren Mann aber bitte nicht als ewig leidenden, sich selbst verabscheuenden Menschen vorstellen, den am Ende durch die gesellschaftliche Ablehnung ein schlimmes Schicksal ereilt. Es wird diese Männer gegeben haben, sicherlich.

Zumindest zur Hälfte ist Oscar Wilde ein prominentes Beispiel. Ich sage zur Hälfte, da absolut nichts darauf hinweist, dass er seine Homo- oder Bisexualität als Leiden oder Fehler betrachtet hätte, eher im Gegenteil. Worauf ich hinaus will, ist eine positivere Sichtbarkeit von viktorianischen homo- und bisexuellen Männern. Männern, die sich wie das Paar auf dem Bild oben nicht für ihre Sexualität geschämt haben, sondern den gesellschaftlichen Hindernissen entgegen gegangen sind und trotz aller Widrigkeiten glücklich gelebt haben. Es gibt so viele Romane über tragische Schicksale, aber wo sind die Geschichten über homo- und bisexuelle Männer, die trotz der viktorianischen Moralpanik glücklich ausgehen und ein positives Selbstverständnis zeigen? Denn auch das hat es gegeben. Nicht zu knapp.

Griechische Liebe – Das viktorianische Verständnis von Homosexualität

Ich möchte euch hier heute aber nicht nur einen Einblick in die Diskriminierung queerer Menschen im viktorianischen Zeitalter geben, sondern auch einen kleinen Überblick über das Selbstverständnis der Menschen, denn das finde ich immer wichtiger als das, was die Gesellschaft über die Menschen behauptet hat. Besonders Männer, die wir heute als homosexuell bezeichnen würden, haben von ihrer Liebe oft als „griechische Liebe“ gesprochen, in Anlehnung an die im antiken Griechenland öffentlich anerkannten sexuellen Beziehungen zwischen Männern. Das kommt nicht von irgendwoher: Die Viktorianer entdecken griechische Ideale und Konzepte neu, feiern sie und übertragen sie auf die eigene Gesellschaft. Besonders Künstler und Bohemiens der Epoche nutzten das hellenistische Model als Legitimierung der Homosexualität. Viele spätviktorianische Künstler sahen ihre Homosexualität auch als Mittel zum Provozieren: Die Kunst der Belle Époque geht weg von traditionellen Techniken und hin zu neuen, freien, teilweise aneckenden Motiven und Stilrichtungen. Die Boheme des späten neunzehnten Jahrhunderts will provozieren und gesellschaftliche Normen herausfordern.

Oscar Wilde verstand die „griechische Liebe“ als Weg, die viktorianische Gesellschaft diverser und individueller zu gestalten. Seine Verhandlung war es dann auch, die den Legitimierungsversuchen und dem Kampf um Anerkennung erst einmal den Riegel vorschob. Auch hier muss allerdings erwähnt werden, dass diese viktorianische Bewegung sehr, sehr wenig mit unserem heutigen Verständnis von Homosexualität, Bisexualität und anderen Identitäten gemeinsam hat. Es lässt sich heute sehr schlecht sagen, in welcher Form Männer wie Oscar Wilde nach heutigem Konzept homo- oder bisexuell waren, was seine Beziehungen zu Männern für ihn bedeutet haben und dergleichen. Wir befinden uns in einer Zeit, in der die Menschen gerade erst anfangen sich mit diversen Sexualitäten und Identitäten auseinanderzusetzen und sicherlich muss es selbst für Menschen, die nach heutigem Verständnis homosexuell waren, schwer gewesen sein sich in dieser Gesellschaft zurechtzufinden. Das ist es auch, was viele Menschen dazu bewegt zu behaupten, vor knapp 1900 hätte es Homosexualität im heutigen Sinne nicht gegeben. Das aber ist Unsinn. Männer, die Männer lieben und Frauen, die Frauen lieben, gibt es, seit es die Menschheit gibt, egal ob eine Gesellschaft die passenden Worte und Konzepte dafür kannte, oder nicht.

Sappho – Queere Frauen im viktorianischen England

Ich habe jetzt, was euch sicher aufgefallen ist, fast nur von homo- und bisexuellen Männern gesprochen. Das hat einen Grund. Leider ist zu lesbischen und bisexuellen Frauen im viktorianischen Zeitalter sehr wenig bekannt. Wir wissen von einigen berühmten Paaren, doch da man Frauen im viktorianischen Zeitalter die eigene Sexualität so gut wie abgesprochen hat, hat man auch vor weiblicher homosexueller Identität die Augen verschlossen. Selbst das Konzept der „griechischen Liebe“ sieht nicht vor, dass Frauen darin vorkommen. Wenn Frauen gemeinsam lebten, einander im Arm hielten oder sich leidenschaftliche Liebesbriefe schrieben, sprach die Gesellschaft von einer „engen Freundschaft“. So gesehen war weibliche Homo- und Bisexualität also vollkommen erlaubt, wenn man davon absieht, dass sie einfach für nicht existent erklärt wurde. Deshalb und wegen der weiter oben angesprochenen Problematik moderne Konzepte auf die Vergangenheit zu übertragen, ist es schwer einzuschätzen, inwieweit die betreffenden Frauen selbst sich als „Frau, die Frauen liebt“ verstanden haben.

Edwardianisches Paar, ca. 1900
In Mädchenschulen war das „Smashing“ beliebt. Das bedeutet, das sich Mädchen kleine Geschenke schickten, Liebesbriefe schrieben und Zärtlichkeiten austauschen. Inwieweit diese Mädchen oder einige von ihnen wirklich ineinander verliebt waren, kann heute nicht mehr gesagt werden. Wenn aber junge Frauen anderen jungen Frauen schreiben, sie würden sie „lieben, wie eine Frau ihren Mann liebt“, dann ist das ein Anhaltspunkt, der fast eindeutigen Aufschluss geben kann.

Ein Phänomen des neunzehnten Jahrhunderts waren sogenannte „Boston Marriages“: Zwei Frauen lebten gemeinsam, wurden von der Gesellschaft aber als ledig und bloße Freundinnen betrachtet. Obwohl es keine Gesetze gegen lesbische Handlungen gab und lesbische Frauen großteils unsichtbar waren, heißt das nicht, dass es ihnen besser erging, als homosexuellen Männern: Frauen, die offen lesbisch waren, fanden sich nicht oft in Anstalten wieder, in denen sie vergewaltigt wurden, weil man glaubte, Geschlechtsverkehr mit Männern würde sie heilen. Da weibliche Homosexualität im viktorianischen Zeitalter leider kaum untersucht ist, können wir heute nur mutmaßen, ob jemand lesbisch oder bisexuell war. So zum Beispiel die berühmte Schauspielerin Maude Adams, die jahrelang mit einer anderen Frau zusammenlebte und niemals heiratete.

Schlusswort 

Ich weiß, dass ich jetzt vieles sehr verkürzt und vielleicht auch nicht immer ganz klar angeschnitten habe, doch es fällt mir bei solch komplexen Themen schwer, alle wichtigen Informationen in einen kurzen Blogbeitrag zu fassen. Ich werde in Zukunft auf einzelne Aspekte, die ich hier bloß erwähnt habe, in einigen Beiträgen genauer eingehen und hoffe, dass ihr mir verzeiht, falls etwas ein wenig wirr geblieben ist. Ich habe diesen Beitrag zum größten Teil geschrieben, um drei Sachen aufzuklären: Erstens wollte ich gern darauf hinweisen, dass sich moderne Konzepte von Queersein nicht eins zu eins auf die Vergangenheit übertragen lassen, doch die anderen beiden Aspekte sind mir wichtiger. Ich wollte euch zeigen, dass es - egal wie es nun genannt wurde - auch in der Vergangenheit Menschen gab, die nicht so geliebt haben, wie es die Gesellschaft verlangt hat. Nach heutigen Konzepten queere Menschen werden nicht selten einfach aus der Geschichte gestrichen und bleiben unsichtbar und unerwähnt. So erfährt man zum Beispiel selten, dass der berühmte Pub Ten Bells in London, in dem sich die Opfer Jack the Rippers getroffen haben, auch ein beliebter und als solcher bekannter Treffpunkt für männliche Prostituierte war. 

Selbst Oscar Wildes tiefer Fall wird in vielen, durchaus seriösen Quellen seiner Gesellschaftskritik verschuldet und nicht etwa der latenten Diskriminierung "homosexueller" Männer im viktorianischen England. Und dieses Unsichtbar machen, in Fachliteratur, aber auch in Romanen und Filmen, zeigt doch nur wieder, dass auch wir 2013 als Gesellschaft noch einen weiten Weg vor uns haben, an dessen Ende hoffentlich die bedingungslose Akzeptanz von Sexualitäten und Identitäten steht, die nicht hetero, cis etc. sind. Viele unsere Stigmata und Vorurteile, die auch heute noch zur Diskriminierung genutzt werden, sind in den viktorianischen Jahren entstanden. Und indem man die Geschichte von LGBTIA-Menschen unsichtbar macht oder bestenfalls nur die tragischen Geschichten, die in Krankheit oder Tod enden, erzählt, diskriminiert man auch heute. Man darf nicht unterschlagen, dass es nach heutigen Konzepten homo- und bisexuelle Menschen in der Vergangenheit gegeben hat. Man darf auch nicht unterschlagen, wie vergangene Gesellschaften mit diesen Menschen umgegangen sind. Ich hoffe, ich konnte euch zumindest einen kleinen Einblick in das Thema geben und den ein oder anderen zum Nachdenken anregen.

Selbst nachlesen?

Bailey, S.: Victorian Values. An Introduction. 2008. 

Hyde, Harford Montgomery: The Love that Dared Not Speak Its Name: A Candid History of Homosexuality in Britain.

Jennings, Rebecca: A Lesbian History of Britain. Love and Sex Between Women Since 1500.

Kommentare

  1. Danke für diesen großartigen und informativen Artikel! Wie immer super :-)

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  2. Sehr informativer Artikel, Charlotte!
    Du erwähnst öfter LGBTIA. Was heißt das?
    Übrigens: Miss Amelia Edwards bereiste ab den 1860er Jahren mit ihrer Freundin Lucy Renshaw diverse Länder, 1870 zum Beispiel Ägypten. In ihrem Reisebericht "1000 Meilen nilaufwärts" nennt sie sie immer nur L. Nicht dass ich es definitiv wüsste, aber ich könnte mir vorstellen, dass Miss Edwards und ihre L. sich ebenfalls besonders zugeneigt waren.

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    1. Hallo Marlene,

      bin gerade bei Recherchearbeiten auf diesen Blogeintrag gestoßen und habe bemerkt, dass deine Frage gerade erst dazu gekommen ist, also dachte ich, dass ich vielleicht einen Erklärungsversuch starte:

      bei Begriffen wie LGBTIA steht jeder Buchstabe für eine Form von geschlechtlicher Identität bzw. sexueller Orientierung: Lesbian Gay Bisexual Transgender Intersexual Asexual in diesem Falle. Bei LGBTIQAP kommen die Buchstaben Q und P dazu, wobei Q sowohl für "Queer" als auch "Questioning" (also quasi "Suchend" oder "Fragend") und P für "Pansexuell" und "Polysexuell" steht. Manchmal taucht nur der Begriff LGBT auf, bei dem oft bemängelt wird, dass z.B. Asexuelle, Intersexuelle usw. nicht vertreten sind. Deshalb behilft man sich in diesem Falle durch die Ergänzung eines Plus-Zeichens, also LGBT+, um alle Sexualitäten abzudecken, da es z.B. auch noch Demisexualität gibt und non-binäre Geschlechter wie Bigender, Agender, Genderfluid usw. sich dann auch nicht ausgeschlossen fühlen.

      Das Thema kann recht komplex werden, wenn man sich wirklich eingehend damit beschäftigt, und kann auch zu sehr kontroversen Diskussionen führen. Ich kenne Leute, die z.B. Pansexualität mit Bisexualität gleichsetzen, was ich persönlich und viele andere Pansexuelle eher verneinen würden. Andere finden, dass Demisexualität nur eine andere Form von Asexualität ist. Auch das lehne ich für mich eher ab, aber ich kann auch sehr gut nachvollziehen, dass viele Leute dieser ganze "Begriffsjungle" total verwirrt und deshalb dem "Labeling" eher skeptisch gegenüberstehen. Ich für meinen Teil habe die Erfahrung gemacht, dass es erleichternd ist, einen Begriff für das zu haben, was man empfindet (und so muss es laut dem Blogeintrag ja auch vielen Viktorianern ergangen sein ;)), und dass man damit vor allem nicht alleine steht.

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    2. Danke für die ausführliche Erklärung, Byrion! Ich denke, dass Gefühl, dass es erleichternd und auch ein Stück weit legitimierend sein kann, einen Begriff für das zu haben, was man empfindet, ist tatsächlich allen Menschen in allen Epochen so ergangen. Etwas, wofür es einen Begriff gibt, ist "echt", es bedeutet, dass es anderen Menschen auch so geht, dass man nicht allein ist, dass man sich die Gefühle nicht einbildet. Was für einen riesigen Einfluss Sprache auf diese Dinge hat, sieht man nicht nur an diesem Beispiel, sondern generell innerhalb der Geschichte. Sprache, Ausdrücke, Begriffe, "Labels" und Worte sind schon immer dafür verwendet worden, Identität zu stiften und auch ein Zusammenhaltsgefühl herzustellen, was auch in politischen Dingen sehr wichtig war und ist (Stichwort Revolutionen und andere politische Umwälzungen, die nie ohne eigene Begrifflichkeiten und dergleichen auskamen). Auch die Viktorianer haben natürlich nach Begriffen gesucht, um ihre eigene Situation zu beschreiben und in großen Teilen auch vor der Gesellschaft zu legitimieren. Das waren andere Begriffe als heute und teilweise werden die Begriffe heute als Schimpfwörter verstanden oder haben generell eine ganz andere Bedeutung, weshalb es so schwer ist, moderne Begriffe auf historische Menschen anzuwenden. Sprache ist immer im Wandel und die Sprache einer Epoche ist ein wichtiges Indiz darauf, was die Epoche ausgemacht hat. (Wieder abgeschweift, eigentlich wollte ich nur Danke für die schöne Erklärung sagen.)

      Marlene: Freut mich, dass der Artikel dir gefällt! Aufhorchen muss man denke ich immer, wenn im viktorianischen Kontext von "engen Freundschaften" zwischen zwei Frauen gesprochen wird. Die Thematik habe ich im Artikel zu Maude Adams ein bisschen genauer beleuchtet. Das Problem ist, dass "die Viktorianer" als Ganzes weibliche Homosexualität großteils unter den Teppich gekehrt haben, weshalb man dazu nie oder sehr selten "genaue" Angaben findet (Die Boston Marriages oder andere Kennwörter mal ausgeschlossen). Aber ja, "enge Freundinnen", die das Leben gemeinsam bestreiten, sind generell ein Indiz, wenn auch nie ein Beweis.

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