Emily Davison - Taten, keine Worte

Emily Wilding Davison 
Heute vor genau hundert Jahren, am 8. Juni 1913, kam Emily Davison nach einem Vorfall vier Tage zuvor beim Epsom Derby ums Leben. Ich habe die Suffragette in meinem Artikel zur Suffragettenbewegung schon einmal erwähnt, doch ich möchte den Tag nutzen, um ein wenig mehr über sie zu verraten und den Mythos und die Legenden, die ihr auf dem Weg folgten. Denn der Tod und das Erbe von Emily Davison haben eine große Bedeutung nicht nur für die Bewegung der Suffragetten, sondern auch für den Feminismus heute und obwohl viele ihren Namen nicht kennen, ist Davison bis heute ein Symbol für etwas, das über ihr Schicksal und ihre Motive hinausgeht.
Zwischen Universität und Aufstand

Emily Wilding Davison wurde am 11. Oktober 1872 in London geboren. Sie ging auf die Kensington High School und bekam 1891 ein Stipendium, um am Royal Holloway College zu studieren. Damals war es noch sehr ungewöhnlich, dass Frauen studierten, doch 1892 machte Emily sich auf den Weg um die große Chance wahrzunehmen und Literatur und Fremdsprachen zu studieren. Allerdings wurde sie bloß ein knappes Jahr später gezwungen, das College wieder zu verlassen: Ihr Vater war gestorben und ihre Mutter konnte das Schulgeld für Emily nicht länger bezahlen. Doch Emily gab nicht auf: Sie verdiente Geld, indem sie erst als Gouvernante und dann als Lehrerin arbeitete und konnte schließlich in Oxford nicht nur Literatur studieren, sondern auch Chemie, Biologie und Englisch. Emily muss eine sehr intelligente junge Frau gewesen sein, die nicht nur überhaupt gegen die Konventionen ihrer Gesellschaft studierte, sondern auch noch Fächer, die erst Recht als Männerdomäne galten.

Emily wurde bei ihrem Abschluss auch noch besonders ausgezeichnet und geehrt, obwohl Frauen damals noch kein akademischer Grad zustand, was nur dafür spricht, wie ehrgeizig, willensstark und schlau sie gewesen sein muss. Eigenschaften, die auch ihr späteres Leben prägten. Nach ihrem Abschluss wurde Emily einmal mehr Lehrerin und schloss sich 1906 der von einer der bekanntesten Suffragetten, Emmeline Pankhurst, gegründeten Women´s Social and Political Union (dt. Soziale und politische Vereinigung der Frauen) an. Diese WSPU hatte erkannt, dass in der Männerwirtschaft der edwardianischen Jahre friedliche Proteste nichts voranbrachten: Friedliche, halbherzige Proteste und Aufstände wurden als typisch weiblich, weich und pazifistisch betrachtet und nicht ernst genommen und die Frauen der WSPU sahen es an der Zeit, der Gesellschaft zu beweisen, dass Frauen nicht länger in das Bild der friedlichen, fürsorglichen Hausfrau und Mutter gepresst werden konnten: Es war die Zeit für schockierende Aufstände, für geworfene Steine, Gewalt. Die Zeit für Suffragetten.

Die Wut der Suffragetten

Emily war in London bekannt wie ein bunter Hund: Sie galt als radikal und gewalttätig und legte für die Rechte der Frauen Brände, warf Steine durch die Fenster von großen Männern, die den Frauen das Wahlrecht nicht geben wollten, und wurde dafür neun Mal festgenommen. An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass wir uns in einer Zeit befinden, in der Frauen wie Emily nichts anderes übrig blieb, um überhaupt Gehör zu finden. Und die Aufmerksamkeit, die den Suffragetten zu Teil wurde, war nicht positiv. Emily war eine der Frauen, die im Gefängnis misshandelt wurden und mit einem Hungerstreik reagierten. Heute mögen Emilys Methoden fast übertrieben und aggressiv auf uns wirken, doch man darf nicht vergessen, dass sie in einer Zeit groß wurde, in der Mädchen von klein auf beigebracht wurde, dass das größte Ziel im Leben eine gute Heirat war. Das Berufsleben, Karrieren und alles, was über die heimischen vier Wände hinausging, erschloss sich Frauen bloß langsam, sie hatten kaum Rechte und mussten sich mit dem zufrieden geben, das die Männer in ihrem Leben für das Richtige für sie hielten. Frauen wie Emily Davison waren wütend und wollten beweisen, dass die Klischees und die angeblich wissenschaftlich bewiesenen Eigenschaften und Mängel wie Hysterie, die Feinfühligkeit und die sanfte Natur nicht auf alle Frauen anwendbar waren und genutzt wurden, um Frauen klein zu halten.

Der Protest der Suffragetten war ein Ausbruch aus festgefahrenen Rollenklischees, eine kleine Revolution gegen ein System, in dem Frauen ihren Ehemännern hilflos ausgeliefert waren, und wurde mehr als einmal gewaltsam niedergeschlagen. Im Juni 1912 tat Emily etwas, dass auf das Leiden der Frauen hinweisen sollte und ein wenig wie eine Vorhersage auf die Ereignisse vom 4. Juni 1913 wirkt: Sie stürzte sich selbst eine steile Treppe hinunter, nachdem sie und andere Kämpferinnen für das Frauenwahlrecht im Gefängnis brutal zwangsernährt worden waren. Emily trug schwere Verletzungen davon, von denen sie sich nie ganz erholte und bewies, dass sie bereit war, sich als Symbol für die Unterdrückung der Frauenbewegung sogar zu opfern. Augenscheinlich. Später schrieb Emily, dass sie das aus purer Verzweiflung getan hatte, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und dem Leiden der anderen Frauen im Gefängnis Holloway ein Ende zu bereiten. Moderne Biographen sind strikt dagegen den Vorfall als versuchten Selbstmord anzusehen und gehen davon aus, dass es eine Verzweiflungstat war, da Emily große Angst vor der Zwangsernährung gehabt haben soll.

Epsom Derby und das Pferd des Königs

Emily als Oxford-Absolventin 
Am 4. Juni 1913 fand das Epsom Derby, ein wichtiges Pferderennen für die High Society, statt, durch das Emily Wilding Davison ein für alle mal in die Geschichte einging. Während des Rennens rannte sie auf die Rennbahn und wurde von Anmer, dem Pferd von König George V., getroffen und zertrampelt. Herbert Jones, der zu diesem Zeitpunkt Anmer ritt, fiel mit dem Pferd zu Boden und wurde ohnmächtig geschlagen, hatte sich jedoch im Steigbügel verfangen und wurde meterweit mitgeschleift, nachdem Anmer sich überschlagen hatte und weiter rannte.

Besucher des Rennens versuchten erfolglos Emily und Herbert zu reanimieren, bevor der Krankentransport eintraf. Während Herbert jedoch bloß leichte Verletzungen erlitten hatte, hatte Emily sich den Schädel gebrochen und starb vier Tage später im Alter von nur 40 Jahren im Krankenhaus, ohne zuvor wieder zu Bewusstsein gekommen zu sein. Der Vorfall wurde von einigen Kameras, die das Rennen aufzeichneten, gefilmt. Das Filmmaterial lässt sich im Internet finden. Es zeigt Moment, in dem Emily Davison und das Pferd des Königs aufeinanderprallten und beide zu Boden gingen. Emily liegt auf dem Friedhof von Morpeth, dem Geburtstort ihres Vaters, begraben und auf ihrem Grabstein steht der Slogan der WSPU: "Deeds, not words" (dt. Taten, keine Worte). Für die edwardianischen Suffragetten galt sie als Märtyrerin. Der Jockey Herbert Jones, der das Pferd geritten hatte, besuchte nicht nur Emilys Beerdigung und die von Emmeline Pankhurst, sondern scheint den Vorfall auch niemals vergessen zu haben: Er sprach davon, dass er Emilys Gesicht nicht vergessen könnte und beging 1951 Selbstmord.

Das Nachspiel und Emilys Vermächtnis

Für die Männer, die gegen das Frauenwahlrecht waren, war die Situation eindeutig: Emily hatte sich selbst umgebracht und das konnte bloß eins bedeuten - Sie hatten Recht! Frauen waren viel zu schwach, emotional und impulsiv, um so schwerwiegende Entscheidungen wie beim Wählen zu treffen. Und lange Zeit galt diese Selbstmordtheorie als richtig und unangefochten. Doch neuere Untersuchungen des Filmmaterials und der Umstände legen etwas ganz anderes nahe: Emily hatte nämlich zwei Tickets in der Tasche. Eines war ihre Zugkarte zurück nach London, das andere die Eintrittskarte zu einem Ball, der am Abend stattfinden sollte. Beides weist daraufhin, dass sie sehr wohl die Absicht hatte, nach London zurückzukehren, denn wer sich umbringen will, braucht keinen Rückfahrschein.

Eine Theorie besagt, dass Emily an Anmers Halfter eine Flagge der WSPU befestigen wollte, damit das Pferd des Königs, wenn es über die Ziellinie lief, die Flagge der bekanntesten Suffragettenvereinigung tragen würde. Zeitzeugen berichten außerdem, dass Emily und einige ihrer Freundinnen zuvor in einem Park geübt hatten, wie man nach Pferden greift, um das, was Emily geschah, zu vermeiden. Die Entscheidung, wer in Epsom das Pferd von König George anhalten sollte, wurde durch Losziehen getroffen. Lange wurde diese Theorie für nicht voll genommen, da man behauptete von ihrem Platz aus, hätte Emily gar nicht sehen können, wann Anmer vorbeikam. Allerdings wurde nun über das inzwischen digitalisierte Filmmaterial herausgefunden, dass Emily viel weiter vorn stand, als zuerst angenommen: Sie hatte einen klaren Blick auf die Rennbahn.

Erst in diesem Jahr wurden in Anbetracht der hundertjährigen Wiederholung des Todestags Emilys weitere Forschungen betrieben: Man nahm sich das Filmmaterial noch einmal genau vor, und kam zu dem Schluss, dass Emily eine sehr gute Sicht auf die Rennstrecke hatte und nicht einfach wild auf die Bahn gelaufen war, sondern ruhig abwartete: Sie hielt Ausschau nach Anmer und trug das gefaltete Banner in der Hand. Das Votes-for-Women-Banner, das an der Unfallstelle gefunden wurde, hängt heute im britischen Parlament. Eines ist jedoch klar: Der verbreitete Irrglaube, dass Emily sich umbringen wollte, ist falsch. Die Geschichte der Emily Davison beweist einmal mehr, dass Geschichte großteils von Männern geschrieben wurde, die den Fall Emily sofort nutzten, um ihre Kampagne gegen die Suffragetten zu fahren. Doch Emily Davison ist trotz, oder gerade wegen, ihrer radikalen Maßnahmen nicht nur eine der bekanntesten und einflussreichsten Suffragetten Großbritanniens, sondern auch ein Symbol für die Verzweiflung der britischen Frauen und die Geschichtsverdrehung, derjeniger, die den Frauen das Wahlrecht vorenthalten wollten.

Heute jährt sich der Tag von Emilys Tod zum hundertsten Mal und das Selbstmordgerücht, das Emily Davison in den Köpfen vieler Menschen zu einer verrückten Anarchistin gemacht hat, hält sich noch immer. Deshalb gibt es heute, an Emilys Todestag, diesen Artikel, um vielleicht ein Stück weit mit dem Gerücht aufzuräumen und Emily, die wie viele Feministinnen lange Zeit belächelt und nicht für voll genommen wurde, als die mutige, schlaue Frau zu zeigen, die sie war und nicht als das "Mädchen", das sein Leben bereitwillig für ihre Sache aufgegeben hat, als das sie oft betitelt wird. Hat Emily geglaubt, dass sie auf keinen Fall sterben würde? Ich glaube nicht. Eher denke ich, dass Emily zwar keinen Selbstmord geplant hatte, aber durchaus bereit war das Risiko ihres eigenen Todes einzugehen, um eine wichtige Botschaft zu senden. Ein Risiko, das viele wichtige Sozialreformer in der Geschichte eingegangen sind. Für Emily ging das Spiel mit der Gefahr jedoch leider schief. Sie war eine Kämpferin und hatte keinerlei Intentionen als Märtyrerin zu sterben. Und dieser Fakt ist wichtig für die Geschichte des Feminismus, die britische Geschichte und auch die Geschichte des Wahlrechtes an sich.

Selbst nachlesen?

Collette, Carolyn P.: In the Thick of the Fight. The Writing of Emily Davison, Militant Suffragette. Ann Arbor 2013. 

Morley, Ann / Stanley, Liz: The Life and Death of Emily Wilding Davison. 

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