Sara Forbes Bonetta - Die Patentochter der Queen

Sara Forbes Bonetta, 1862
Foto: Camille Silvy
Heute soll es um eine ganz besondere junge Frau gehen. Sara Forbes Bonetta, die Patentochter der englischen Königin Victoria. In den Köpfen vieler Menschen war das viktorianische England bis zu einem bestimmten Zeitpunkt, der nicht allzu lang her ist, ausschließlich weiß. Gab es Menschen mit anderen Ethnien, so denken viele, es müsse sich um Sklaven oder arme Arbeiter gehandelt haben, die sich auf wundersame Weise in London wiedergefunden haben. Dass dieses Gerücht nicht nur falsch ist, sondern regelrecht ignorant, zeigt das Beispiel Sara Forbes Bonetta, ihre Bedeutung für die viktorianische Gesellschaft und ihr Andenken, das bis heute nachreicht.

Die Geschichte einer Prinzessin 

Geboren wurde Sara im Jahr 1843 in Oke-Odan, einem Dorf im heutigen Nigeria. Als Sara Forbes Bonetta fünf Jahre alt war, wurde sie zur Vollwaisen: Sie war eine Prinzessin des afrikanischen Yewa-Clans, der jedoch unter konstanten Attacken durch das Königreich Dahomey stand, das mit den Kolonialmächten handelte und eine große Rolle im Sklavenhandel spielte. Bei einem dieser Angriffe kam es zu einem Massaker, bei dem unter anderem Saras Eltern getötet wurden. Sara wurde von den Angreifern aus Dahomey gefangen genommen und sollte wahrscheinlich auch getötet werden.

Sie gelangte jedoch zwei Jahre später durch die Verhandlungen eines Marinekapitäns, einem gewissen Captain Forbes, in die Hände der Briten und sollte als "Geschenk" Dahomeys an Königin Victoria überreicht werden. Forbes konnte König Ghezo von Dahomey davon überzeugen, dass es sein Ansehen in Großbritannien steigern würde, wenn er der "Königin der Weißen" Victoria als "König der Schwarzen" ein solches Geschenk machte. Saras echter Name scheint nicht mehr bekannt zu sein. Er könnte Aina gelautet haben, denn so nannte Sara sich angeblich selbst. Doch Captain Forbes wollte dem Mädchen einen westlichen Namen geben und benannte es einerseits nach sich selbst und nach seinem Schiff, der HMS Bonetta, was ihr den klangvollen Namen Sara Forbes Bonetta einbrachte. 

Königin Victoria war sofort angetan von dem kleinen Mädchen. Sara war ein sehr intelligentes Kind und beeindruckte Victoria durch ihre Schläue und ihr königliches Auftreten, sodass Victoria beschloss, Sara als ihre Patentochter in der Londoner Mittelklasse aufziehen zu lassen. Dass Victoria Saras Adelsstatus als Prinzessin nicht anerkannte und sie nicht zur englischen Oberschicht gezählt wissen wollte, hinderte sie nicht daran, Sara als Familienmitglied anzusehen, obwohl es natürlich stark dem viktorianischen Zeitgeist entspricht einer nigerianischen Prinzessin ihren Adelsstatus aufgrund ihrer Hautfarbe abzusprechen. Ich möchte Victoria hier deshalb nicht als fortschrittlich herausstellen, denn das war sie sicherlich in dem Sinne nicht. Viel eher sah sie in dem kleinen schwarzen Mädchen eine Waise, um die sie sich kümmern musste und wollte. Kurz nach ihrer Ankunft erkrankte Sara jedoch, was auf das britische Klima geschoben wurde, und sollte von nun an in einem Internat in Afrika unterrichtet werden. Dort gefiel es ihr jedoch überhaupt nicht, weshalb sie im Alter von zwölf Jahren nach England zurückgeholt wurde. 

Sara galt als für ihr Alter ungewöhnlich schlau und talentiert. Sie meisterte alles was man ihr beibringen wollte im Schlaf, lernte perfektes Englisch bereits kurz nach ihrer Ankunft in England und beeindruckte nicht nur die Königin und Captain Forbes, sondern mit kleinen Ausnahmen, wie Forbes schreibt, jeden, dem sie vorgestellt wurde mit ihrer eleganten Art und ihrer Intelligenz. Desweiteren galt Sara als Schönheit, ihr Gesicht als besonders hübsch und edel, und ihre lockigen schwarzen Haare werden auch immer wieder erwähnt. Victoria war so begeistert von Sara, dass sie ihr ein großzügiges Taschengeld zahlte und ihr erlaubte, sie immer zu besuchen, was damals bei Weitem nicht jeder von sich behaupten konnte. Bald war Sara aus der Londoner Gesellschaft nicht mehr wegzudenken. Überraschend ist, dass Sara in ihrer Zeit unglaublich beliebt war. Jeder kannte ihren Namen und jeder kannte und mochte sie, doch heute hat man Miss Sara Forbes Bonetta größtenteils vergessen. 

Hochzeit, Krankheit & früher Tod

Miss Sara Forbes Bonetta ist den meisten wohl ein unbekannter Name, doch in der Londoner Gesellschaft des frühen viktorianischen Zeitalters war Sara sehr bekannt und auch angesehen. 1862 war sie natürlich auch auf der Hochzeit von Victoria und Albert zugegen und dürfte an sich als Patentochter der Königin viele offizielle Bälle und Veranstaltungen besucht und viele Mitglieder der britischen Oberschicht zu ihren Bekannten oder sogar Freunden gezählt haben. Sie war außerdem eine gern gesehene Besucherin im Windsor Palace. Saras eigene Hochzeit war ein regelrechtes Großereignis, zu der jeder, der Rang und Namen hatte erschien. Im Jahr 1862, im Alter von knapp einundzwanzig Jahren, verlobte sie sich mit Erlaubnis ihrer Patin Victoria mit Captain James Pinson Labulo Davies aus Sierra Leone, einem wohlhabenden Geschäftsmann und Marineoffizier, der in England lebte, und bald darauf fand die Hochzeit statt: Es gab zehn Kutschen und sechzehn Brautjungfern und es ist überliefert, dass nicht nur weiße Gäste anwesend waren, sondern auch viele afrikanische und afrikanischstämmige Gäste.

Lady Sara Forbes Bonetta Davies &
ihr Ehemann Captain James Davies,
ca. 1862
Nach ihrer Hochzeit zogen Sara und James zurück nach Westafrika, wo Sara bald eine Tochter bekam. Diese wurde nach ihrer Patin Victoria auf den Namen Victoria Davies getauft und die Königin übernahm auch hier die Patenschaft. Queen Victoria liebte die kleine Victoria abgöttisch und war, als Victoria ihr Musikexamen bestand, so stolz, dass sie allen Schülern und Lehrern einen Tag frei gab. Sara, die ihre Patin immer wieder besuchte und ihr ein Leben lang sehr nahe stand, bekam noch zwei weitere Kinder, Arthur Davies und Stella.

Im Jahr 1880 starb Sara Forbes Bonetta jedoch im Alter von bloß 37 Jahren an den Folgen einer Tuberkulose, die sie bereits seit ihrer Kindheit heimsuchte. Sie ist auf Madeira vor Portugal beerdigt, wohin sie reiste, um eine Kur zu machen und wieder gesund zu werden. Der Tod der "afrikanischen Prinzessin", wie sie in London genannt wurde, traf Victoria sehr. Saras Familie, besonders die kleine Victoria, waren am Hof der Königin weiterhin immer willkommen.

Heute erinnert im Westen von Lagos in Nigeria ein ungefähr 2,5 Meter hohes Denkmal an Sara, das von ihrem Ehemann Captain Davies in Auftrag gegeben wurde. Es handelt sich um einen Obelisken aus Granit, der folgende Inschrift trägt: "In Gedenken an Prinzessin Sara Forbes Bonetta, Ehefrau des ehrenwerten J.P.L. Davies, die im Alter von 37 Jahren am 15ten August 1880 dieses Leben hinter sich ließ." Captain Davies gilt heute unter anderem als Pionier des afrikanischen Kakaogeschäfts, da er 1879 in Lagos die erste Kakaofarm Afrikas eröffnete. Hier lebte und arbeitete er nach Saras Tod bis zu seinem eigenen Tod im Jahr 1906. Er ist außerdem als Menschenfreund bekannt, der nicht nur mehrere Schulen gegründet, sondern auch finanziell unterstützt hat.

Nicht-weiße Menschen im viktorianischen England?

Autoren historischer Romane, Filmemacher, selbst einige Historiker sind sich sicher: Im viktorianischen England und im restlichen Europa der Epoche kann es keine nicht-weißen Menschen gegeben haben. Und wenn doch, dann waren das Arbeiter oder Sklaven, Menschen, die der untersten Gesellschaftsschicht angehörten, keinesfalls gutsituierte Bürger oder Mitglieder der Oberschicht. Ich hoffe, ich konnte euch am Beispiel Sara Forbes Bonetta schon einmal einen kleinen Hinweis darauf geben, dass das nicht stimmt. Auch ihr Ehemann James zeigt das: Wie ihr oben bereits gelesen hat, war er ein wohlhabender Geschäftsmann, der in England lebte, bevor er Sara heiratete und mir nach Afrika zog. Im Gegensatz zum beliebten Irrglauben, gab es besonders in den großen Metropolen der Zeit sehr wohl eine beachtliche Mittelschicht an nicht-weißen Menschen, die entweder als Geschäftsmänner samt Familie auf Zeit dort lebten, eingewandert waren oder deren Familien bereits länger dort lebten und zu Einheimischen geworden waren. Auch Studenten aus anderen Kulturen, die keinesfalls arm waren, wie die Choshu-Fünf, findet man in jeder großen Stadt des neunzehnten Jahrhunderts.

Was aber durchaus interessant ist, ist die Frage, wieso uns diese Namen heute nichts mehr sagen? Wieso kennen wir Sara Forbes Bonetta nicht, wenn sie doch als Patentochter der Königin Victoria eine angesehene und bekannte Persönlichkeit der Epoche war? Ich würde sagen, dass ist ohne Zweifel ein Rassismusproblem. Nicht-weiße Persönlichkeiten und deren Errungenschaften wurden nicht selten aus der Geschichte getilgt und vergessen. Wir haben im neunzehnten Jahrhundert bekannterweise das Aufkommen des Imperialismus und damit verbunden die Geisteshaltung, dass weiße Menschen allen anderen Ethnien und Hautfarben weit überlegen seien. Hierzu gibt es absolut widerwärtige pseudo-wissenschaftliche Studien aus dem neunzehnten Jahrhundert, die dies angeblich belegen, aber natürlich völliger Unsinn sind. Aus dieser Zeit heraus entwickelt sich die Gepflogenheit, nicht-weiße Persönlichkeiten und deren Errungenschaften unsichtbar zu machen, als hätte es sie niemals gegeben – man nimmt ihnen somit praktisch alle Möglichkeiten, das sich die Menschen an sie erinnern. Das ist eine Praxis, die leider heute von vielen Menschen völlig unreflektiert hingenommen wird und immer wieder hört man, es hätte keine einflussreichen nicht-weißen Menschen in Europa gegeben, denn sonst könnte man ja etwas über sie lesen.

Sara Forbes Bonetta, ca. 1862
Seit einigen Jahrzehnten wird diese unsichtbar gemachte Geschichte aufgearbeitet, was ich sehr begrüße. Deshalb möchte ich selbst auch in Zukunft immer mal wieder Artikel zu nicht-weißen, einflussreichen Menschen in der europäischen Geschichte schreiben, die wir schlicht und einfach übergangen und vergessen haben. Sara Forbes Bonetta ist so eine Person. Und an ihrem Beispiel lässt sich noch etwas anderes gut erkennen:

Und zwar die Art von Rassismus, die im viktorianischen London vorherrschend war. Rassismus hat nicht-weiße Menschen auch im neunzehnten Jahrhundert nicht davon abgehalten einflussreich und bekannt zu werden, sich einen Namen innerhalb der guten Gesellschaft zu machen und die Anerkennung zu erfahren, die weiße Menschen erfahren konnten. Viele Menschen glauben, Rassismus hätte nicht-weißen Menschen damals alle Türen zugeschlagen, doch das stimmt nicht. Viel eher lässt sich der Rassismus der Ära in den kleinen Details erkennen:

Niemand wollte Saras Status als afrikanische Prinzessin anerkennen und obwohl Victoria sie geliebt haben muss, hat sie sie in der Mittelschicht aufziehen lassen, nicht als Adelige. Es gab durchaus Ehen zwischen weißen und nicht-weißen Menschen, auch in der europäischen Oberschicht, doch ich glaube nicht, dass Sara Forbes Bonetta so problemlos einen weißen Mann hätte heiraten können, wie sie später ihren James heiraten konnte. Und obwohl sie Zugang zu den großen Festen und Räumen der Oberschicht hatte, wurde sie niemals wirklich als Teil dieser Welt verstanden, eine Erfahrung, die sicherlich viele nicht-weiße, wohlhabende Viktorianer machen mussten. Viktorianischer Rassismus ist wohl einer der offensichtlichsten Rassismen in der Geschichte unserer westlichen Welt, doch er ist nicht die harte Schranke, für die ihn viele halten. Viel eher setzt er geistige Grenzen. Eine Sara Forbes Bonetta dürfte ganz klar als respektables Mitglied der Gesellschaft verstanden worden sein, was ihre spektakuläre Hochzeit und ihre Anwesenheit bei der Vermählung der Königin Victorias beweist. Trotzdem werden die allermeisten weißen Viktorianer sie als „anders“ betrachtet haben, sicherlich sogar als „weniger“ als sich selbst und die weißen Mitmenschen.

Dazu muss aber auch gesagt werden, dass die Viktorianer ein komplett anderes Verhältnis dazu hatten, wer „weiß“ war und wer nicht. „Weißsein“ und eben nicht Weißsein sind soziale Konstrukte, die sich verändern können und verknüpft mit sozialen Umständen, was es so schwer für moderne Historiker macht, über „Schwarzsein“ im viktorianischen England zu schreiben und zu forschen. Wir können einfach nicht genau sagen, wie Selbstidentifikation oder Zuschreibung von Ethnie und Hautfarbe im neunzehnten Jahrhundert funktioniert haben und deshalb ist es schwer und auch nicht besonders ertragreich, mit allzu modernem Blick auf die nichtweißen Mitglieder der gehobenen viktorianischen Gesellschaft zurückzuschauen. Fakt ist jedoch: Es gab sie. Sie waren da, in allen gesellschaftlichen Schichten, und das ausradieren und unsichtbar zu machen, indem man zum Beispiel historische Romane schreibt, in denen nur weiße Figuren auftauchen, ist leider nicht historisch authentisch und oben drauf auch ein Weg, nicht-weiße europäische Geschichte weiter machtlos und unsichtbar zu machen. Aber dazu bald mehr.

Selbst nachlesen?

Myers, Walter Dean: At Her Majesty's Request: An African Princess in Victorian England. 1949.

Kommentare

  1. Interesant. Von Sara Bonetta hatte ich noch nichts gehört. Der Film "Belle" basiert dann wohl auf den von dir erwähnten Tagebüchern. Ich bin mal gespannt darauf.

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    1. "Belle" basiert auf dem Leben von Dido Elizabeth Belle. Sehr spannende Frau, aber leider keine Viktorianerin, sonst hätte ich über sie auch schon mal gebloggt. :-)

      Man hört wenig von Sara, obwohl sie damals sehr bekannt gewesen sein muss. Das ist sehr schade, sie ist eine spannende Person.

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