Fanny, Stella & die viktorianische Gesellschaft

Stella (Boulton) und Fanny (Park) 
Vor einem knappen Jahr habe ich bereits einmal Homosexualität im viktorianischen Zeitalter umrissen und euch den Cleveland-Street-Skandal näher gebracht. Dass das Thema längst nicht komplett behandelt ist, dürfte niemanden wundern. Heute möchte ich über Fanny und Stella sprechen, zwei junge Männer, die den allerersten Skandal zum Thema Homosexualität auslösten und den Stein somit in den 1870ern unfreiwillig ins Rollen brachten. Die Geschichte von Fanny und Stella und die daraus entstandenen Entwicklungen sind so spannend wie tragisch und sollten jedem, der das viktorianische London interessant findet, ein Begriff sein. 

Doch wer versteckt sich überhaupt hinter diesen beiden Namen? Bei Stella handelt es sich um Thomas Ernest Boulton, den Sohn eines Börsenmarklers. Es ist überliefert, dass Ernest den Spitznamen Stella schon als Kind inne hatte. Er fand schon immer großen Spaß daran, sich als die Frauen in seiner Umgebung zu verkleiden. Seine Mutter fand Ernests Schauspiel lustig und ermutigte ihn sogar dazu, weitere Vorstellungen zu geben. Frederick Boulton war Lehrling bei einem Anwalt in London, als er auf Ernest traf. Die beiden wurden bald darauf Freunde und gründeten eine Zwei-Mann-Theatergruppe, mit der sie in London zu einiger Bekanntheit gelangten. 

Fanny und Stella - Von der Bühne vor Gericht 

Wer schon einmal etwas vom Fall Fanny und Stella gehört hat, weiß meistens bloß, dass es sich um zwei junge Männer handelte, die wegen ihrer Liebe zu Frauenkleidern vor Gericht landeten. Doch das stimmt so nicht. Viel eher steckt hinter dem Niedergang von Park und Boulton ein gesellschaftlicher Wandel, eine geheime Mission der Londoner Polizei und eine Moralvorstellung, die längst überholt sein sollte, es jedoch immer noch nicht ist. Denn Ernest Boulton und Frederick Park wurde nicht ihr Auftreten als junge Frauen zum Verhängnis, sondern viel mehr ihr Hintergrund und der neue, spätviktorianische Umgang mit Homosexualität und allem, das anders war. Denn überraschenderweise feierten die beiden jungen Männer mit ihrem Travestie-Programm einige Erfolge. 

Stella wurde bald zur Ikone der Travestie und galt als natürliche Schönheit und gute Sängerin, doch beide erhielten bald viele Einladungen zu Dinners und sogar zu Aufenthalten in Landhäusern wohlhabender Londoner, wo sie nicht selten auf Wunsch in ihrer weiblichen Bühnenkleidung erschienen. Sogar auf Postkarten waren die beiden zu sehen. Obwohl Park und Boulton als Fanny und Stella sehr beliebt waren, gab es einige, die das Bühnenprogramm als ordinär und unmoralisch empfanden und von Ernest und Frederick nichts wissen wollten. So zum Beispiel der Direktor des Alhambras in London, der Fanny und Stella mehrmals aus seinem Theater fortschickte. Die beiden müssen jedoch sehr überzeugend gewesen sein: Hugh Alexander Mundell, der später auch angeklagt wurde, hielt Ernest und Frederick selbst in männlicher Kleidung für Frauen. Einer Anekdote nach, gab er den beiden Tipps, wie sie noch männlicher wirken könnten und wollte partout nicht glauben, dass es sich tatsächlich um Männer handelte, obwohl die beiden es ihm immer wieder versicherten. 

Selbst die Presse schrieb gute Kritiken. Das ist jedoch auch kein Wunder, denn cross-dressing, also das Tragen von Kleidern, die nach gesellschaftlichen Normen dem anderen Geschlecht zuzuordnen sind, war ein beliebter Bestandteil von viktorianischen Burlesquen. Hier konnte man junge Frauen in Männerkleidung bewundern und Männer in typisch weiblicher Kleidung. Ein Spaß für arm und reich. Park und Boulton waren in London jedoch auch privat nicht nur in Männerkleidung unterwegs. Viele Theaterleute kannten die beiden tatsächlich als Männer und als Frauen und hin und wieder sorgten sie für ein wenig Ärger - einmal wurden sie sogar beinahe verhaftet, weil die Polizei sie für Frauen in Männerkleidung hielt. Als Fanny und Stella waren die beiden nicht für ihr damenhaftes Verhalten bekannt, was ihnen im April 1870 zum Verhängnis wurde. 

Ein Prozess wie kein anderer 

Fanny und Stella verlassen die Bow Street 
An diesem Abend sorgten zwei gut, aber extravagant gekleidete Damen im Strand Theatre für Aufruhr: Sie waren betrunken, lehnten sich über das Geländer, benahmen sich wie Straßenmädchen und flirteten wild mit den anwesenden Männern. Auf ihrem Weg nach draußen wurden sie festgenommen. Ernest und Frederick waren das bereits gewohnt, schließlich benahmen sie sich auch sonst nicht wie richtige junge Damen, doch beiden war nicht bewusst, dass hinter dieser Verhaftung viel mehr stand als die Ablehnung der Gesellschaft gegenüber zwei ausgelassenen jungen Frauen. Die Londoner Polizei hatte die beiden bereits seit einiger Zeit im Visier: Privatdetektive beschatteten sie nicht nur als Fanny und Stella, sondern auch als Ernest und Frederick, wussten von ihren Treffen mit anderen jungen Männern und verdächtigten die beiden Männer Anfang 20 homosexueller Handlungen. 

Über Nacht lockte der Fall nicht nur sensationslüsterne Journalisten unter ihren Steinen hervor, auch die Bevölkerung hatte von den beiden Männern in Frauenkleidern gehört und sich vor der Bow Street versammelt um zuzusehen, wie die beiden Übeltäter aus dem Gebäude geführt wurden. Und hier sind wir auch schon beim wahren Übeltäter im Fall Fanny und Stella: Der Presse. Für die Viktorianer, deren gesamte Gesellschaft auf strengen Rollenbildern fußte und für die jede Abweichung von der Norm einem Verbrechen gleichkam, waren die beiden jungen Männer ein gefundenes Fressen. Sie berichteten in den schrillsten Farben von der Garderobe der beiden Schauspieler und ließen keine Details aus, bis auch der letzte Londoner von den Jungen in Frauenkleidern gehört hatte. Das späte neunzehnte Jahrhundert ist in England geprägt von Moralpanik und Reinheitsbewegungen und die Bevölkerung protestierte: Denn Männer, die sich weiblich gaben und Kleider anstatt Hosen trugen gingen gegen alles, was dem moralisch korrekten Viktorianer mit weißer Weste heilig war. 

Der Fall um Fanny und Stella ist der erste in einer langen Reihe solcher Fälle, der Beginn des Zeitalters von moralischer Panik, der Angst vor gesellschaftlichem Verfall und zwei Extremen: Der blütenreinen, in ihren Geschlechterrollen gefestigten Welt der oberen Schichten und dem, was hinter verschlossenen Türen geschah, der Unterwelt des viktorianischen Londons, dem angeblich Verwerflichen und Schändlichem. Als Ernest Boulton und Frederick Park dann auch noch vorgeworfen wurde, untereinander und mit anderen Männern homosexueller Handlungen schuldig zu sein, war der Skandal des Jahrzehnts komplett. Erst im Jahr 1861 war die Todesstrafe auf homosexuelle Handlungen abgeschafft wurden, doch die wirkliche Verteufelung und Unterdrückung Homosexueller sollte erst noch folgen. Das große öffentliche Interesse am Fall Boulton und Park legte den Grundstein für viel tiefer greifende Diskriminierung, die bis heute nachhallt. 

Nachspiel und Bedeutung des Falls 

Nicht nur Ernest und Frederick wurden verhaftet, sondern auch eine Reihe anderer Männer, unter ihnen das Parlamentsmitglied Lord Arthur Clinton, das jedoch kurz vor dem Prozess im Alter von nur 30 Jahren verstarb. Angeblich an einer Krankheit, doch wahrscheinlicher ist Selbstmord um dem Zorn und der Stigmatisierung durch die Gesellschaft zu entgehen. Schließlich hatte Stella eine Zeit lang als Lady Arthur Clinton mit Clinton zusammengelebt. Die Details, die weiterhin von der Presse vertrieben wurden, schockierten und begeisterten die Menschen, wie wir es uns heute bloß noch schwer vorstellen können. Das "andere" übte eine Faszination auf die Menschen aus und gleichzeitig fanden sie es abstoßend. Eine explosive Mischung, die nie zu etwas Gutem führt. 

Interessant ist, dass die Eltern der beiden jungen Männer im Gerichtssaal zu ihren Söhnen standen: Boultons Mutter rührte die Anwesenden mit Lobeshymnen auf Ernest und mit der Aussage, sie wollte immer bloß, dass Ernest einen netten Mann findet. Und auch Parks Vater sprach sich für seinen Sohn aus. Am Ende schnitt sich die Londoner Polizei ins eigene Fleisch: Die Homosexualität der beiden Angeklagten hätte bei der Beweislage leicht zu einer Verhaftung führen können, doch durch die Beschattung und den Umstand, dass der Fokus des Falls auf Parks und Boultons Auftritten in Kleidern lag, fand man den Fall bald eher albern als skandalös und beide Männer wurden freigesprochen. Andere, spätere Opfer von Anklagen wegen "gross indecency" (dt. schwerwiegende Unzucht) hatten nicht so viel Glück: Die Strafe war zwar nicht mehr der Tod, doch viele Männer wurden zu harter Arbeit verurteilt und verloren dabei ihr Leben. 

Nicht ganz klar ist, ob Ernest und Frederick bloß gern als Frauen auftraten, oder ob sie am Ende nach modernem Verständnis trans Frauen waren. Von Transgender wussten die Viktorianer leider noch viel weniger als von Homosexualität, weshalb dies wohl ein Geheimnis bleiben wird. Klar ist jedoch, dass Fanny und Stella bald als homosexuelle Ikonen galten. In The Sins of the Cities of the Plain von 1881, einem damals sehr bekannten pornographischen Werk, tauchen Fanny und Stella als Figuren auf, die mit Lord Arthur Clinton im Schlepptau durch London ziehen. Wie bereits angedeutet veränderte der Fall und der Umgang von Polizei und Presse mit dem Fall die gesellschaftliche Sicht auf Homosexualität und cross-dressing - leider nicht zum Guten. 

Homosexualität als Identität entwickelte sich langsam. Zuvor war "homosexuell" etwas, dass man tun konnte, nicht aber etwas, das man sein konnte. Damit einher ging die Stigmatisierung und systematische Unterdrückung von homosexuellen Männern. Es folgten der Skandal in der Cleveland Street und der Fall Oscar Wilde, beides begleitet von Sensationslüsternheit und Moralpanik in Presse und Gesellschaft. Die Viktorianer sahen ihre Gesellschaft, die doch so sehr auf starker Moral, strengen Geschlechterrollen und Etikette beruhte kurz vor dem Zusammenbruch. Ein Zeitgeist, der bis heute nachhallt: Die in dieser Zeit gebildeten Klischees und Anschuldigungen gegen Homosexuelle, die Unterdrückung und die Ablehnung von allem, das nicht der Norm entspricht sind auch 2014 noch stark spürbar. Nicht nur im Verhalten einzelner Menschen, sondern im System verankert. 

Nach ihrem Freispruch gingen Frederick und Ernest nach New York, wo beide unter anderem Namen weiterhin als Travestiekünstler auftraten. Ernest Boulton war sehr erfolgreich und wurde das neue Gesicht des "glamour drag", während Frederick Park weniger Erfolg erfuhr und im Alter von bloß 33 Jahren starb. Wer noch mehr über Stella und Fanny wissen möchte, sollte sich unbedingt das Buch Fanny & Stella von Neil McKenna und seine Autorenhomepage ansehen. Die Bedeutung der beiden female impersonators für die Geschichte der LGBTIA-Community und den sozialen Wandel des späten viktorianischen Englands ist immens, obwohl der Fall trotz des großen Medieninteresses damals bald in Vergessenheit geriet.

Selbst nachlesen? 

McKenna, Neil: Fanny & Stella. The Young Men Who Shocked Victorian England. 2013.

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