Franz Reichelt - Der fliegende Schneider

Franz Reichelt und sein Fallschirm, 1912
Heute soll es um eine der wohl spektakulärsten Tragödien der späten Belle Époque gehen - Franz Reichelts Sprung vom Eiffelturm. Auf den ersten Blick ein weiteres Beispiel dafür, wie der Fortschrittsgeist des neunzehnten Jahrhunderts langsam vergeht, auf den zweiten für einige wohl pure Idiotie, hinter der jedoch mehr zu stecken scheint, als es zuerst den Anschein hat. 

Am vierten Februar 1912 steigt der 33-jährige Franz Reichelt, ein österreichischer Schneider und Konstrukteur von Fallschirmen, in einen eigenartigen Fledermausanzug gekleidet den Eiffelturm hinauf. Sein Fallschirm gilt als untauglich, widerspricht allen Regeln der Physik und wurde noch nie getestet. Die Presse, die Reichelt zuvor auf seinen Selbstversuch aufmerksam gemacht hat, versammelt sich auf dem Platz unter dem Eiffelturm, bittet Reichelt den Versuch abzubrechen, weißt ihn darauf hin, dass sein Fallschirm nie und nimmer halten wird. Reichelt will nicht darauf hören. Er zögert kurz, dann springt er - Vor laufender Kamera rast Franz Reichelt ungebremst 57 Meter auf den Boden zu, schlägt auf und ist kurz darauf tot.

Hintergrund einer Tragödie 

Franz Reichelt ist nicht der erste Erfinder, den ein Selbstversuch das Leben gekostet hat, und auch nicht der erste Flieger. Heute sagen wir vielleicht, er muss völlig irrsinnig gewesen sein, um zu glauben, er könnte mit seinem Fledermausanzug tatsächlich fliegen, auch damals gab es gerechtfertigte Bedenken und doch ist Franz Reichelt bloß ein weiteres Opfer in einer langen Reihe von Menschen, die fliegen wollten. Berühmt ist er, weil sein Sturz auf Film festgehalten ist, ein großes Medienereignis - und, weil er der wohl letzte Flieger seiner Art war - Mutige Flugpioniere, die an ihre Erfindungen und sich selbst geglaubt haben. Für Reichelt wurde der Glaube an seine Erfindung zum Verhängnis, für andere Pioniere wie die Wright-Brüder führte er zu Ruhm und Anerkennung. Doch was hatte Franz Reichelt eigentlich vor?

Dem spektakulären Vorfall geht eine lange Geschichte voraus: Reichelt lebte bereits seit über zehn Jahren in Paris und betrieb eine erfolgreiche Schneiderei, als er 1910 begann, seinen Fledermausanzug zu entwickeln. Er hatte es sich zum Ziel gemacht einen leichten, gut tragbaren Anzug zu entwickeln, der sich im Notfall in einen Fallschirm verwandelt. Wenn ein Pilot sein Flugzeug im Notfall verlassen musste, sollte der Anzug sich entfalten und ihn sanft zu Boden tragen. Er testete seinen Anzug zuerst mit Puppen, die er von Dächern fallen ließ, dann begann er selbst aus kleineren Höhen zu springen, was einmal in einem gebrochenen Bein resultierte. Er war sich allerdings sicher, dass die schlechten Ergebnisse bloß daher kamen, dass er seinen Anzug nicht aus einer höheren Fallhöhe ausprobieren konnte und bewarb sich ein Jahr lang erfolgreich darum, vom Eiffelturm aus testen zu dürfen, bis man es ihm 1912 endlich erlaubte.

Im Februar desselben Jahres ließ er die Pariser Presse wissen, dass man ihm nun erlaubt hätte, einen Test vom Eiffelturm durchzuführen. Dass er plante, selbst zu springen, ging aus seiner Benachrichtigung nicht hervor. Die Polizei, die Reichelt die Erlaubnis gegeben hatte, seinen Versuch durchzuführen machte später sehr deutlich, dass man davon ausgegangen war, Reichelt würde eine Puppe benutzen und nicht selbst vom Eiffelturm springen. Erst, als Reichelt am Eiffelturm ankam, ließ er die Anwesenden wissen, dass er selbst springen wollte. Nicht einmal seinen Freunden hatte er seinen wirklichen Plan verraten und die meisten Anwesenden versuchten, ihn von seinem Vorhaben abzubringen, doch Reichelt ließ sich nicht umstimmen. Zusammen mit einem guten Freund und einem Kameramann bestieg Reichelt den Eiffelturm. Der Rest ist Geschichte.

Nachspiel einer Tragödie

Franz Reichelt war wohl sofort tot. Eine Autopsie wurde nicht durchgeführt, doch manche glauben, Reichelts Herz sei schon vor Schreck stehen geblieben, bevor er den Boden berührt hatte. Sein Aufprall hinterließ einen 15 Zentimeter tiefen Krater im gefrorenen Boden unter dem Eiffelturm. Nach den Angaben einiger Zeugen öffnete sich sein Fallschirm im allerletzten Moment doch noch, jedoch nicht früh genug, um Reichelt noch das Leben retten zu können. Am nächsten Tag schäumten die Zeitungen nur so über von Bildern von Reichelts Sprung und reißerischen Schlagzeilen. Wenige vermuteten, dass Reichelt bloß einen spektakulären Selbstmord geplant hatte, die meisten nahmen an, dass er nach seiner langen Suche nach Sponsoren und dem Kampf um die Erlaubnis, vom Eiffelturm aus testen zu dürfen, das Gefühl bekommen hatte, den Leuten etwas bieten zu müssen und beweisen zu müssen, dass seine Erfindung wirklich funktionierte. Heute wird Franz Reichelt nicht mehr als Pionier der Flugkunst verstanden, sondern als verrückter Erfinder, der sich in den Tod gestürzt hat.

Auf Youtube gibt es das Filmmaterial von 1912 in voller Länge zu sehen, falls das jemanden interessiert. Ich habe es mir nicht angesehen, denn natürlich ist das Material sehr graphisch: Es zeigt den Tod eines Mannes und wie seine Leiche fortgeräumt wird. Wer es sich ansehen möchte, kann das natürlich tun, aber ich mag nicht zu dem Video verlinken, ich denke, ihr findet es auch so. Desweiteren tauchte ein am Vortag aufgesetztes Testament Reichelts auf, indem er darum bat, dass im Falle seines Ablebens seine Kleidung an seinen Vater geschickt werden sollte und sein Vermögen an eine gewisse Angestellte namens Luise Schill. Er schreibt, dass er fest an seine Erfindung glaubt, entschuldigt sich aber im Voraus dafür, falls er jemandem Schmerzen bereiten sollte. Das spricht stark für die Theorie, dass Franz Reichelt zwar wirklich glaubte, sein Fallschirm würde funktionieren, sich zu dem Sprung jedoch durch die hohen Erwartungen der Pariser Gesellschaft hat hinreißen lassen.

Wer war also Franz Reichelt, der Verrückte, der vom Eiffelturm sprang? Franz Reichelt war, kurz gesagt, einer der weniger erfolgreichen Pioniere des Flugwesens, dessen Erfindung jedoch einen sinnvollen Hintergrund hatte, jedoch leider nicht funktioniert hat. Desweiteren ist er einer der letzten wirklichen Erfinder der Belle Époque, die etwas wirklich Neues versucht haben, kurz bevor der Forschergeist der gesamten westlichen Welt mit der Titanic versank. Ich würde ihn außerdem als Opfer seiner eigenen Idee bezeichnen: Er war so überzeugt davon, dass sein Falschschirm funktioniert, dass er sich dazu genötigt fühlte, es allen zu beweisen. Ich hoffe, der Artikel hilft einigen darüber nachzudenken, dass auch ein Franz Reichelt nicht bloß ein exzentrischer Spinner war, der vom Eiffelturm gesprungen ist, sondern jemand, der einen sicheren Fallschirm für Piloten schaffen wollte, daran aber leider gescheitert ist.

Selbst nachlesen? 

"Le mort de l'inventeur", Artikel in der französischen Zeitung "L'Humanité". 1912.

Kommentare

  1. ... juhuu, meine Franz-Reichelt-Idee wurde aufgegriffen!Find ich ganz toll, wie du auf die Wünsche deiner Leserinnen eingehst, Charlotte :)

    Die Sache mit Reichelts Testament war neu für mich, passt aber gut zu dem Eindruck, den ich persönlich beim Ansehen des Sprungs auf Youtube gewonnen habe. Reichelt sieht, wie er da oben vor dem Sprung auf dem Geländer steht, zufrieden/zuversichtlich aus und scheint lediglich etwas Angst vor der Höhe zu haben(so wie etwa jemand, der heutzutage zum Geburtstag eine Bungee-Jumping-Session geschenkt bekommt und über seine irrationale Gänsehaut schmunzelt).
    Ein wenig "verrückt" muss er schon gewesen sein, der fliegende Schneider (oder naiv? Oder einfach etwas dumm?) - aber gerade das macht die Story ja so wunderbar skurril und interessant... :)

    LG und eine sonnige Rest-Woche!

    P.S.: Der Bademode-Artikel ist ebenfalls super (Mode geht immer) ;)

    AntwortenLöschen
  2. Freut mich, dass du dich über den Artikel freust. :3 Es war ein bisschen schwer mehr als die gängigen Informationen raus zu bekommen, weil der Mann ja leider ein wenig in Vergessenheit geraten ist, aber ein paar französische Quellen haben dann geholfen.

    Ich mag mir das Video nicht anschauen, aber das klingt wirklich so, als sei er voll davon überzeugt gewesen, dass es klappen muss. Vielleicht hätte es geklappt, wenn er von weiter oben gesprungen wäre, es wurde ja berichtet, dass sich der Anzug kurz vorm Aufprall doch noch ausbreitete. Auf jeden Fall eine interessante Geschichte.

    Ich hatte vor dem Artikel schon einmal von Franz gehört, aber nur im Zusammenhang mit "Der Verrückte, der vom Eiffelturm gesprungen ist". So lern ich auch noch was von meinem Blog. ;)

    AntwortenLöschen