Sada Yakko - Japans mutige Pionierin

Sada Yakko als Ophelia, aus
"L'Illustration" vom  16.9. 1905
Am 18. Juli 1871 kommt in Tokio Koyama Sada zur Welt, eine Frau, die die japanische Theatergeschichte aufwirbeln sollte, wie keine andere. Sada war das jüngste von zwölf Kindern und stammte aus einer Familie von Ladenbesitzern, die unter anderem eine Buchhandlung und eine Wechselstube besaß. Ihr Großvater war ein bekannter Beamter, ihre Mutter soll eine wahre Schönheit gewesen sein und hatte als junge Frau sogar für einen daimyo, einen Feudalherren, gearbeitet, wo sie das adelige Leben kennen und lieben lernte. Sadas Vater wurde wegen seiner ruhigen Natur auch "Bhudda" genannt. 

Sada stammte aus einer recht wohlhabenden Familie, doch während der Inflation, die auf die hohen Restaurationskosten während der Meiji-Ära folgte, verloren die Koyamas einen großen Teil ihres Vermögens und die vierjährige Sada wurde in das Haus Hamada geschickt, ein Geishahaus, wo sie als Hausmädchen ausgebildet werden sollte. Dort mochte man Sada so sehr, dass die Besitzerin Kamekichi sie als rechtmäßige Erbin des Hamadas festlegte, als ihr Vater starb und die siebenjährige Sada so gut wie mittellos zurückließ. Mit zwölf Jahren begann Sada ihre Ausbildung zur Geisha und erhielt den Spitznamen Ko-Yakko, kleine Yakko, nach einer der beliebtesten Geishas der Meiji-Ära, da man sich sicher war, auch aus Sada würde eine große Berühmtheit werden. Sada würde den Namen auch später noch behalten. 

Der Weg nach oben - Sada als Geisha 

Kamekichi sorgte dafür, dass Sada lesen und schreiben lernte, was bereits einer kleinen Besonderheit gleichkam, denn obwohl Geishas als moderne und modebewusste Frauen galten, konnten die meisten von ihnen nicht lesen oder schreiben - Bildung für Frauen war auch in Japan noch keine Selbstverständlichkeit. Heimlich lernte Sada außerdem reiten und nahm Kampfsportunterricht. Als eine der ersten Frauen überhaupt nahm Sada sogar an Pferderennen teil. Im Alter von 15 Jahren hatte sie ihr mizuage, die Zeremonie, die sie zu einer richtigen Geisha machte, und nahm offiziell den Namen Yakko an. Bald darauf wurde sie für drei Jahre die Mätresse des Premierministers Ito Hirobumi (ihr erinnert euch vielleicht an ihn), der sie auf dem Weg zur berühmten Schauspielerin stark unterstützte. Und hier beginnt die Revolution der Sada Yakko.

Im Japan des neunzehnten Jahrhunderts war es Frauen verboten, Schauspielerin zu werden. Sie konnten Geishas sein, die sangen und tanzten, doch auch diese Vorstellungen durften nur im kleinen Rahmen geschehen. Sada hingegen wollte mehr: Sie wollte auf großen Bühnen stehen und Männerrollen spielen, nicht bloß die schüchterne Geisha geben. Und sie sollte ihren Traum wahr machen. Gleichzeitig musste Sada sich trotzdem auf die Suche nach einem Ehemann machen, um ihren sozialen und finanziellen Stand zu sichern. 1891 lernte Sada Otojiro Kawakami kennen, einen jungen beliebten Schauspieler, der mit sehr politischen, satirischen Stücken von sich reden machte. Sada und Otojiro heirateten zwei Jahre später, doch die junge Ehe verlief zu Beginn nicht harmonisch: Otojiro war unreif, konnte nicht mit Geld umgehen und hatte einen Sohn, von dem er Sada nichts erzählt hatte. 1896 stand Sada kurz vor der Scheidung, doch dann beschloss das Paar einen Neuanfang in Kobe. 

Eine Frau von Welt - Sada als Schauspielerin 

In Kobe traf das Paar 1899 auf einen Geschäftsmann, der einen japanischen Teegarten in New Jersey betrieb und Otojiro darum bat, dort aufzutreten und eine Truppe zusammenzustellen, mit der er durch die Vereinigten Staaten touren sollte. Sada Yakko begleitete ihren Ehemann in die vereinigten Staaten, wollte jedoch eigentlich nicht selbst in dem Teegarten auftreten. Der Geschäftsmann hatte sich jedoch entschlossen, Sada als den Star der Truppe zu bewerben und plötzlich fand Sada sich als "die japanische Sarah Bernhardt" im Rampenlicht wieder. Die Amerikaner liebten Sada und Sada mit ihrem Hunger nach Anerkennung und dem Traum von der großen Bühne war voll in ihrem Element. Der Erfolg von Sada und Otojiros Truppe schwappte bald bis nach Europa: Kein geringerer als der berühmte Henry Irving lud die Schauspieler ein, nach der Amerikatournee auch durch Europa zu touren und Sada erspielte sich einen solchen Ruhm, dass sie bald auch noch mit Ellen Terry verglichen wurde. Sie trat sogar während der Weltausstellung in Paris im Jahr 1900 auf. 

Im Jahr 1901 kehrte das Paar nach Japan zurück, brach jedoch bald zu einer weiteren Tour auf, da das westliche Publikum nach mehr verlangte. Neben England und Frankreich stand nun auch Deutschland auf dem Tourneeplan, von wo aus es ins restliche Europa weiterging. Sada war mit den japanischen Dramen, in denen sie spielte, ein Weltstar geworden und stand in Wien, Prag und Italien auf der Bühne. Sada und die Gruppe waren so berühmt geworden, dass sogar Zar Nikolaus II. um eine Privatvorstellung im Winterpalast bat. Doch Sada wusste, dass sie nicht für immer durch Europa und Amerika touren konnte und im Jahr 1902 fanden sie und Otojiro es an der Zeit, nach Japan zurückzukehren und sich Gedanken um die Zukunft zu machen. Doch die Revolution der Sada Yakko war lang nicht vorbei. Es reichte ihr nicht entgegen der Verhältnisse in Japan, die weibliche Schauspielerinnen nicht zuließen, eine berühmte Schauspielerin geworden zu sein. Nein, sie wollte diese Chance auch anderen japanischen Mädchen ermöglichen. 

Sada beschloss, eine eigene Schauspielschule für Mädchen zu gründen, nachdem sie selbst in Paris für einige Zeit eine Schauspielschule besucht hatte. Inspiriert von den Verhältnissen in Europa, wo Schauspielerinnen mittlerweile geachtete, intelligente und gebildete Frauen sein durften, rief Sada mithilfe einiger Sponsoren 1908 ihre Schule ins Leben, auf der Frauen zwischen 16 und 25 nicht nur lernen konnten zu schauspielern, sondern auch lesen und schreiben lernten und ein gutes Allgemeinwissen erwerben konnten. Sada achtete darauf, dass die Schülerinnen jedoch nicht nur westliche Tänze und Methoden lernten, sondern auch japanische. Die zweijährige Ausbildung kostete bloß dann etwas, wenn Schülerinnen von der Schule abgingen, ohne ihren Abschluss gemacht zu haben. Dass weibliche Schauspielerinnen in Japan Fuß fassen konnten, ist zu einem großen Teil Sada Yakko zu verdanken. 

Madame Sadayakko - Sada als Symbol des Orientalismus 

Als Otojiro starb, brach für Sada eine Welt zusammen. Doch bereits ein knappes Jahr später, 1912, stürzte sie sich in eine Affäre mit Momosuke Fukuzawa, einem verheirateten Geschäftsmann. Sada und er hatten sich bereits als Jugendliche kennengelernt und verliebt, waren aber getrennte Wege gegangen. Während es zu dieser Zeit durchaus respektabel war, die Mätresse eines verheirateten Mannes zu sein, solang man nicht versuchte ihn von seiner Frau loszueisen und die Affäre so geheim wie möglich hielt, wollte Sada sich nicht mehr mit der Rolle einer Geisha zufriedengeben. Sie liebte Momosuke und sie war bereit, ihren Ruf zu verlieren, um diese Liebe so leben zu können, wie sie es wollte. Momosuke unterstützte seine Geliebte in ihren Unterfangen und gab seinerseits nichts auf die Regeln der Gesellschaft, denn auch er liebte Sada. 

Mittlerweile spielte Sada große Rollen, unter anderem Oscar Wildes Salome, und tat das auch, bis sie sich 1918 mit Momosuke zur Ruhe setzte. Sie trennte sich 1933 von Momosuke, der zu seiner Frau zurückging. Am 7. Dezember 1946 starb Sada Yakko an Leberkrebs, den sie erst kurz zuvor entdeckt hatte. Sie wurde 75 Jahre alt. Ihre letzten Worte galten ihrer Adoptivtochter, Tomji, der sie versprach, immer auf sie aufzupassen. Heute kennt besonders im Westen niemand mehr den Namen Sada Yakko, obwohl sie eine der berühmtesten Schauspielerinnen des fin de siècles war. Eine Antwort auf die Frage, weshalb das so ist, und wieso wir uns trotzdem an die Amerikanerin Ruth St. Denis erinnern, deren großes Vorbild Sada Yakko war, beantwortet sich eigentlich ganz einfach und hängt eng mit Japonismus und Orientalismus um die Jahrhundertwende zusammen. 

Lesley Downer zum Beispiel, Sadas offizielle Biographin und die Autorin des Buches, aus dem diese Informationen stammen, sieht Sada als emanzipierte, feministische Frau, die Sada jedoch sicherlich so gesehen nicht war (Sada tolerierte zum Beispiel Otojiros zahlreiche Affären und gab oft nach, obwohl sie ihrem Traum folgte). Zu diesem Fehlschluss kommt man, wenn man westliche Standards auf historische Persönlichkeiten überträgt, die nicht aus der westlichen Kultur stammen. Desweiteren fällt Downer in die Orientalismus-Falle. Der Grad zwischen Biographie und fernöstlicher Geishaphantasie ist in ihrem Werk sehr schmal und immer wieder romantisiert Downer Sada Yakkos Leben, anstatt es sachlich zu schildern. Worauf möchte ich damit hinaus? Nicht nur heute, auch um 1900 gab es viele Stereotypen und Stigmata Japan betreffend und Japonismus, die Anhimmlung von allem Japanischen, war ein regelrechter Trend, der Sada Yakko auf dem Weg zur Berühmtheit half. Auch Ruth St. Denis nutzte diesen Trend, ähnlich wie viele Schauspielerinnen ihrer Zeit, indem sie  oft orientalische Kostüme trug. 

Der Trend verging und Sadas Name wurde vergessen. Heute spricht niemand über sie, weil westliche Geschichte als wichtigere Geschichte betrachtet wird und man sich schwer damit tut, sich einzugestehen, dass auch Menschen aus nicht-westlichen Kulturen durchaus nicht nur als Arbeiter und Bedienstete nach Europa kamen, sondern auch als wohlhabende Adelige, Geschäftsmänner, Politiker, Schauspieler und Künstler. Ein ähnliches Schicksal ereilte die Erinnerung an Sara Forbes Bonetta, die im viktorianischen England jeder kannte. Und genauso gilt für Sada Yakko: Um 1900 kannte sie auch in Europa jeder. Und natürlich nutze ich die Chance an dieser Stelle, um noch einmal allen angehenden Autoren von historischen Romanen nahe zu legen: Auch um 1900 war Europa nicht komplett weiß. Und dieser Fakt ist wichtig, wenn man ein vollständiges Bild der Epoche erhalten will und darüber hinaus, weil nicht-weiße Geschichte viel zu oft verschwiegen wird. 

Selbst nachlesen? 

Noguche, Yoni: Interview mit Sada Yacco. 1906. 

Downer, Lesley: Madame Sadayakko. The Geisha Who Bewitched the West. 2003.

Dazu muss gesagt sein, dass dies eine Biographie ist, die kritisch gelesen werden muss. Downer vermischt Biographie und Fiktion, indem sie versucht sich in Sada hineinzuversetzen. Ein großes Problem ist auch ihre sehr westliche Sicht auf das frühe moderne Japan und die unreflektierte Darstellung von Orientalismus. Wer mehr über Sada Yakko wissen möchte, sollte sich mit dem Buch trotzdem auseinandersetzen. 

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