Der Märchenkönig - Ludwig II. von Bayern

Krönungsportrait des 20-jährigen Ludwig II.
von Ferdinand von Piloty, 1865
Dieses Blog befasst sich sehr viel mit britischer Geschichte, ein wenig mit französischer, ein wenig mit japanischer und amerikanischer. Für mich liegt es im Moment jedoch auf der Hand, das Blog auch auf die Geschehnisse in Deutschland und Österreich auszuweiten, um einen vielfältigen Überblick über das lange neunzehnte Jahrhundert geben zu können. Beginnen möchte ich daher mit einer der wohl tragischsten Figuren des neunzehnten Jahrhunderts: König Ludwig II. von Bayern. Einige kennen ihn vielleicht aus dem Film, der vor ein paar Jahren über ihn gedreht wurde. Meine Meinung zu dem Film behalte ich lieber für mich, sie fällt nämlich nicht besonders gut aus. Dahinter steckt jedoch eine interessante Geschichte. 

Der spätere Ludwig II., König von Bayern wurde am 25. August 1845 als Otto Friedrich Wilhelm von Wittelsbach in Nymphenburg geboren, heute ein Teil von München. Seine Eltern waren der Kronprinz Maximilian, später König Maximilian II. von Bayern, und dessen Frau Marie von Preußen. Obwohl es nicht sein Geburtsname war, wurde er Ludwig gerufen, was daran liegt, dass sein Großvater, König Ludwig I., auch am 25. August Geburtstag hatte. Ludwig wuchs auf Schloss Hohenschwangau bei Füssen in Bayern auf, wo er schon als Kind ein großes Interesse am Mittelalter entwickelte.  Ludwig II. verdanken wir unter anderem das berühmte Schloss Neuschwanstein, das direkt gegenüber von Schloss Hohenschwangau errichtet wurde und Ludwig den Beinamen "Der Märchenkönig" einbrachte. In England nennt man in deswegen auch "The Swan King", den Schwanenkönig.

Der junge König - Zwischen Kunst und Politik 

Ludwig soll schon als Kind ein sehr verträumtes, romantisches, aber auch arrogantes Wesen gehabt haben und war sehr an Literatur und Architektur interessiert, was seinem Vater missfiel. Der einzige, der Ludwig unterstützte war sein Großvater, der ebenfalls exzentrische Ludwig I., der, da Ludwig und sein Bruder Otto (später Otto I. von Bayern) zu den Eltern wenig Kontakt hatten, eine große Bezugsfigur darstellte. Bereits als Jugendlicher war Ludwig mit 1, 93 Metern ungewöhnlich groß für seine Zeit und wurde als sehr gut aussehend wahrgenommen, was ihn sehr beliebt machte. Seine besten Freunde waren Paul Maximilian Lamoral, Prinz von Thurn und Taxis, mit dem er nach dessen Verlobung 1866 jedoch brach, und seine Cousine Elisabeth von Bayern, die spätere Kaiserin "Sissi" von Österreich, mit der ihn eine lebenslange Freundschaft und viele gemeinsame Interessen verbanden.  

Als Ludwig am Todestag seines Vaters Maximilian, dem 10. März 1864, zum König ernannt wurde, war er erst 18 Jahre alt. Der Tod des Vaters kam überraschend, Maximilian war plötzlich krank geworden und bloß 52 Jahre alt geworden, doch die Bindung zwischen den beiden war immer sehr lose gewesen, weshalb Ludwig von seiner Mutter Marie auch oft bloß als "die Gattin meines Vorgängers" sprach. Der junge König mochte keine großen Versammlungen und beschäftigte sich lieber mit Kunst und Literatur, galt als schüchtern und zu verträumt, alles Eigenschaften, die einem König natürlich nicht gut standen. Trotzdem bemühte er sich seinen Pflichten als König so gut nachzukommen, wie es ihm möglich war. Er meidete München, reiste jedoch viel über die bayrischen Ländereien und freundete sich dort mit den Bauern an, weshalb er bei der ländlichen Bevölkerung sehr beliebt war. Er förderte Richard Wagner, dessen Arbeiten er verehrte zuerst, doch die enge Freundschaft der beiden zerbrach, nachdem Wagner aus Bayern fortgeschickt wurde und Ludwig von Wagners antisemitischer Haltung erfuhr, die er keinesfalls teilen wollte. 

Im Deutschen Krieg von 1866, nach dem große Teile des späteren Deutschlands von Preußen verschluckt wurden, stand Bayern unter Ludwig II. auf der Seite von Österreich. Ludwig konnte mit Krieg und dem Militär wenig anfangen und überließ die Kriegsführung seinen Ministern. Bayern und Österreich verloren den Krieg und Bayern fiel unter preußische Kontrolle, Ludwig sollte jedoch König von Bayern bleiben. 1870 und 1871, während der Gründung Deutschlands, wurde Bayern vom eigenen Staat zu einem Staat im Deutschen Kaiserreich, Kaiser wurde Wilhelm I., Ludwigs Onkel. Ludwig war gegen diesen Wandel und erschien nicht zur Krönung seines Onkels in Versailles, unterschrieb den Kaiserbrief bloß, weil Bismarck ihm im Gegenzug einiges an Geld versprach.

Im Jahr 1867 ging Ludwig eine Verlobung mit Sophie Charlotte in Bayern ein, seiner Cousine und Schwester seiner guten Freundin Elisabeth von Österreich. Ludwig kannte Sophie schon sehr lang, sie waren ungefähr im selben Alter, und die Verlobung soll nach einem Ball, auf dem sie einander wiederbegegnet waren, spontan beschlossen worden sein. Man nimmt an, dass Ludwig dem Druck einen Erben für den bayrischen Thron in die Welt zu setzen erlag und der Verlobung deshalb zustimmte. Sophie und Ludwig verlobten sich als Freunde, nicht als Liebespaar und nach einigen Verschiebungen der Hochzeit wurde die Verlobung im Oktober aufgelöst, was einiges an Ärger für Ludwig mit sich brachte. Ludwig heiratete nie. Nach heutigem Forschungsstand war er homosexuell, konnte seine Sexualität jedoch nicht mit seinem katholischen Glauben vereinbaren und litt stark unter den Stigmata seiner Zeit.

Mondkönig - Das Ende des Märchenkönigs 

Ludwig als Großmeister eines
Ritterordens, Gabriel Schachinger,
1887 vollendet 
In den letzten Jahren seines Lebens, ab der Mitte der 1870er Jahre, zog sich Ludwig stark aus der Öffentlichkeit zurück, kümmerte sich bloß noch wenig um die Politik und steckte all seine Zeit und sein Geld in seine Projekte, unter anderem Neuschwanstein. Ludwig machte Schulden und versteckte sich regelrecht vor seinen Ministern, unternahm lieber Reisen und feierte lange Feste, anstatt sich um seinen Staat zu kümmern, der ihm immer weiter aus den Fingern rutschte.

Die anfängliche Liebe des Volkes für ihren Märchenkönig schwand, man distanzierte sich von Ludwig und, als er 1886 Bismarcks Rat folgte und beim Landtag finanzielle Hilfe beantragte, war für sein Ministerium das Fass voll: Die Minister leiteten die Entmündigung Ludwigs in die Wege, die noch im selben Jahr vollzogen wurde. Mehrere Ärzte erklärten Ludwig für unheilbar seelisch gestört - ohne jemals mit Ludwig selbst gesprochen zu haben. Heute ist man sich regelrecht sicher, dass es dem Ministerium bloß darum ging, den unliebsamen König loszuwerden, denn aus Ludwigs Aufzeichnungen und politischen Handlungen ist nicht herauszulesen, das dieses Urteil wirklich begründet ist.

Wahrscheinlicher ist, das Ludwig an einer Art sozialen Angststörung litt, die damals natürlich noch nicht diagnostiziert werden konnte und einem König als unheilbare Paranoia ausgelegt wurde. Ludwigs Onkel, Luitpold, wurde zum Prinzregenten ernannt und regelte von nun an die Staatsgeschäfte. Seine Freunde rieten Ludwig zur Flucht, Ludwig entschied sich jedoch an das bayrische Volk zu appellieren um die in seinen Augen verräterischen Vorhaben des Ministeriums zu stoppen - ohne Erfolg, da seine Regierung den Großteil der Kopien seines Appells zurückhielt oder vom Markt zog. Ludwig wurde aus Neuschwanstein weggeholt und ins Schloss Berg gebracht, das am Starnberger See (damals noch Würmsee) liegt. Am 13. Juni, bloß ein paar Tage nach der Entmündigung, durfte Ludwig ohne seine Pfleger zusammen mit einem seiner Ärzte, Bernhard von Gudden, spazieren gehen. Die beiden wollten zum Abendessen zurück sein, blieben aber verschollen.

Als man gegen zehn losging, um die beiden zu suchen, fand man bald Ludwigs Überrock am Ufer des Sees und kurz darauf die Leichen von Ludwig und Bernhard von Gudden im Wasser, bloß einige Meter vom Ufer entfernt. Ludwig starb gegen 19 Uhr, von Gudden knapp zehn Minuten später, wie die stehengebliebenen Taschenuhren zeigen. Die offizielle Geschichte lautete, dass Bernhard von Gudden versucht haben soll, Ludwig an einem Selbstmordversuch zu hindern, woraufhin beide ertranken, doch weder damals noch heute war man sich sicher, dass etwas an dieser Version nicht stimmen konnte: Der Autopsiebericht besagt, das sich kein Wasser in Ludwigs Lunge befand und an van Guddens Leiche fanden sich Wunden, als hätte ihn jemand geschlagen. Gelöst ist das Rätsel nicht. Es gibt mehrere Theorien - wurde Ludwig ermordet, weil man Angst hatte, er könnte doch wieder auf den Thron kommen? Hatte er versucht wegzulaufen und war daraufhin von van Gudden ertränkt worden? War es wirklich Selbstmord oder ein Unfall? - doch die Wahrheit bleibt ein Geheimnis des Starnberger Sees.

Den Fischer, der die beiden Körper fand, ließ man schwören niemals zu verraten, was er in dieser Nacht gesehen hatte, doch nach seinem Tod tauchten Notizen auf, in denen er beschrieb, das Freunde gekommen waren, um Ludwig zu retten: Gerade als Ludwig ins Boot hatte steigen wollen, sei ein Schuss gefallen, der den König sofort getötet hätte. Dem Autopsiebericht nach hatte Ludwig keine äußeren Verletzungen, allerdings wurden große Teile des Berichts vor der Öffentlichkeit geheim gehalten und inwieweit die Befunde der Wahrheit entsprechen, ist auch ungeklärt. Später tauchte ein Mantel mit zwei Einschusslöchern auf, der angeblich Ludwig gehört haben soll. An der Stelle, an der Ludwig starb, ragt heute zum Gedenken ein Kreuz aus dem Wasser.

Die Beerdigung Ludwigs fand im Münchener Residenzpalast statt. Ludwig hielt einen kleinen Blumenstrauß in der Hand, den seine Cousine Elisabeth von Österreich für ihn zusammengestellt hatte. Er liegt in der Michaelskirche in München begraben, sein Herz hingegen wird in der Gnadenskirche von Altötting aufbewahrt, wie es in Bayern Tradition war. Heute gilt Ludwig II. besonders in Bayern immer noch als ein ganz besonderer König, teilweise sogar als der König Bayerns. Viele Menschen sehen in seiner Geschichte eine ganz typische Biographie aus dem ausgehenden neunzehnten Jahrhundert: Ein Mann, der an den gesellschaftlichen Regeln und Normen seiner Zeit zerbricht, ein verträumter Romantiker, den viele als etwas arrogant und unverantwortlich einschätzen würden. Sein Grab und seine Schlösser, allen voran Neuschwanstein, gelten heute als richtige Touristenattraktionen und erinnern an Ludwig II. von Bayern, den Märchenkönig.

Selbst nachlesen? 

Gebhardt, Heinz: König Ludwig II. hatte einen Vogel. Unglaubliche, aber wahre Geschichten über Bayerns Märchenkönig. 2011.

Hilmes, Oliver: Ludwig II. Der unzeitmäßige König. 2013.

May, Otto: Ludwig II. Bayerns Märchenkönig. 2011. 

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