Kindermoden - Vom Kilt bis zum Korsett

Bildquelle: Abendmoden für Kinder, Modezeichnung, ca. 1870, Library of Birmingham
Letztens habe ich auf Facebook den Vorschlag bekommen, mal einen richtigen Artikel über Kindermoden zu schreiben und diese Idee hat mir sehr gefallen. Was Kinder im neunzehnten Jahrhundert getragen haben, habe ich schon an den verschiedensten Stellen erwähnt, doch einen richtigen eigenen Artikel, der alles zusammenfasst, gibt es noch nicht. Damit möchte ich mich also heute beschäftigen.

Das Konzept der Kindheit 

Denn das neunzehnte Jahrhundert bildet einen richtigen Wendepunkt, was Kindermode angeht. Noch zu Beginn des Jahrhunderts trugen Kinder ungefähr dasselbe, wie Erwachsene, bloß kleinere Ausgaben davon. Das hängt zum großen Teil damit zusammen, dass das Konzept der "Kindheit" relativ neu ist. Erst im siebzehnten Jahrhundert begann man überhaupt Kinder nicht mehr als kleine Erwachsene zu verstehen, deren Bewusstsein dem des Erwachsenen gleicht. Dass Kinder geschützt und auf das Leben als Erwachsene vorbereitet werden müssen, ist eine noch neuere Idee. Sie stammt aus der Aufklärung. 

Erst gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts begannen viele Denker und Intellektuelle Kinder als etwas Unschuldiges zu verstehen, doch mit dem Einsetzen der Industriellen Revolution trat sofort das nächste Problem auf: Denn die sehr bürgerliche Idee der Kindheit als unschuldiger, sorgloser Zeit vor dem Erwachsensein biss sich stark mit der Realität vieler Kinder aus der Arbeiterklasse, die hart und lang in Fabriken und an anderen gefährlichen Orten arbeiten mussten. Das frühe viktorianische Zeitalter sieht viele Proteste und Initiativen, auf die bald Reformen zur Kinderarbeit folgen und in der späten viktorianischen Epoche, als das Familienbewusstsein immer wichtiger wird, formt sich das Bild des Kindes, das bis heute mehr oder weniger vorherrscht. Es ist kein Zufall, dass sich eigens für Kinder geschriebene Bücher erst ab dieser Zeit wirklich durchsetzen konnten und, dass es einen Wandel in der Kindermode gab. 

Kniebundhose und Matrosenkragen - Jungenmoden 

Matrosenanzug, ca. 1910
Metropolitan Museum of Art
Im sehr frühen Kindheitsalter machte man keine Unterscheidung zwischen Jungen und Mädchen, da man einerseits glaubte, in dieser Zeit entwickele sich das Kind noch nicht genug um bereits in Geschlechterrollen gezwängt werden zu müssen. Andererseits war es auch einfacher alle Kinder Kleider tragen zu lassen, da es das Risiko peinlicher Unfälle deutlich verminderte. In einer Zeit ohne Reißverschluss fiel es Kindern deutlich einfacher zum Klo zu  gehen, wenn sie nicht erst mehrere Knöpfe zu lösen hatten. Erst im Alter von ungefähr fünf Jahren begann man Kinder nach Geschlechtern getrennt zu kleiden. Im frühen viktorianischen Zeitalter wurden kleine Jungen ab fünf Jahren noch genau wie in den Jahrhunderten davor in Anzügen gekleidet, die denen ihrer Väter ähnelten. Ab den 1840er Jahren aber kam ein Trend auf, kleine Jungen in schottischer Tracht zu kleiden. Hierfür war ein Gemälde von Winterhalter Schuld, dass den kleinen Sohn der Königin Victoria, die sehr gern nach Schottland reiste, in einem Kilt zeigte. 

Zuerst kam es in Mode, Kinderkleider im typisch schottischen Karomuster herstellen zu lassen, bald wurden Jungen aber tatsächlich in ganze Trachten gesteckt. Dieser Trend starb erst in den 1870ern aus. Ersetzt wurde er durch den relativ berühmten Matrosenanzug, der mit seinem viereckigen Kragen und dem oft leichten hellen Stoff an die Uniformen der Seemänner erinnerte, den kleine Jungen von nun an trugen und der auch von einem Sohn der Königin beliebt gemacht wurde. Ab den 1860ern war der Knickerbockeranzug eine beliebte Alternative zu Kilt und Matrosenanzug. Er stammt wahrscheinlich aus Amerika und besteht aus kurzen Hosen, die an die Kniebundhosen früherer Jahrhunderte erinnern, und einer losen Jacke über einem weißen Hemd, die bloß im Nacken geschlossen wird und daher die Bewegungsfreiheit beim Spielen nicht einschränkt. 

Zu Beginn der Mode wurden die Hosen noch tatsächlich unter dem Knie gebunden, doch bald wurden die Hosen weiter und blieben unten offen. Die Hose selbst war durch Knöpfe am Wollhemd befestigt. Dazu trug der Junge Strümpfe und gute Schuhe. Je älter der Junge wurde, desto länger wurden übrigens die Hosenbeine. Auch wurde der Knopf, der Hemd und Hose verband, im Verlauf des Wandels durch Hosenträger ersetzt und je mehr Knöpfe die Jacke des Jungen hatte, desto älter war er. Frühestens mit zehn Jahren und spätestens mit zwölf war aber Schluss mit der Kindermode für kleine Jungen und sie bekamen ihre ersten Erwachsenenanzüge geschneidert. Lange Hosenbeine, eine Weste wie der Vater, Hosenträger und ein modisches Jackett anstatt der kurzen luftigen Jacke des Knickerbockeranzugs. Das bedeutet allerdings nicht, dass Jungen in diesem Alter bereits als kleine Erwachsene betrachtet wurden. Die meisten Jungen aus gutem Hause besuchten gute Schulen und Internate und wurden erst mit Abschluss dieser vollwertige Mitglieder der Gesellschaft, obwohl sie in der Schule natürlich auf das Erwachsenenleben vorbereitet wurden.

Krinoline und Korsett - Mädchenmoden 

Mädchenkleid, ca. 1885
Metropolitan Museum of Art
Bis zum Alter von fünf oder sechs Jahren trugen Mädchen genau wie Jungen einfache Kinderkleider, in denen sie sich frei bewegen und spielen konnten. Genau wie bei Jungen nahm man an, dass sich das Bewusstsein des Kindes erst in diesem Alter richtig zu entfalten begann. Für Mädchen gab es nicht so früh extra Kindermoden, wie für Jungen. Bis ins späte neunzehnte Jahrhundert hinein trugen Mädchen dasselbe wie ihre Mütter. Dazu gehörte auch, als kleines Mädchen bereits ein Korsett zu tragen. Wer jetzt aber denkt, man hätte bereits sechsjährige Mädchen auf eine Wespentaille heruntergeschnürt, kann sich gleich beruhigen lassen: Korsetts für kleine Mädchen wurden meist nicht eng geschnürt und dienten eher dazu, dass das Mädchen sich bereits von klein auf daran gewöhnte, wie sich ein Korsett anfühlte. Diese Korsetts hatten auch oft keine Metall- oder Walknochenstreben, sondern welche aus weicherem Material. Erst im Alter von vierzehn bis sechzehn Jahren bekam es seine ersten Übungskorsetts, die langsam immer und immer enger geschnürt wurden, bis die gewünschte Taille erreicht war.

Allerdings gibt es natürlich auch leider Ausnahmen: Es ist von sehr eifrigen Müttern überliefert, dass sie bereits vierzehnjährige Mädchen so eng einschnürten, dass diese kaum noch atmen konnten. Die Taille zu formen und immer schmaler zu schnüren ist kein schmerzhafter Prozess, wenn man sich Zeit lässt und schrittweise vorgeht. Macht man es falsch oder möchte in kurzer Zeit viel erreichen kann es jedoch nicht nur unangenehm werden, sondern auch die Gesundheit beeinträchtigen. Allerdings muss gesagt werden, dass tight-lacing an sich und besonders das enge Einschnüren von jungen Mädchen etwas waren, dass bloß sehr modebewusste Frauen taten, und keinesfalls die Norm. Es wurde sogar, besonders bei Kindern, als etwas Negatives betrachtet und stark belächelt. Genauso wie es diese Damen gab, gab es auch Frauen, die komplett gegen das Korsett waren und auch ihren Kindern keines anziehen wollten. Obwohl die große Masse junger Mädchen sicherlich Korsett getragen hat, darf man nicht vergessen, dass solche Extreme nicht jedermanns Sache waren.

Röcke, Rüschen, Richtlinien - Mehr Mädchenmoden

Ansonsten richtet sich viktorianische Mädchenmode stark nach der Mode, die für erwachsene Frauen modern war. Zur Zeit der Tournüre zum Beispiel trugen Mädchen eine angedeutete Tournüre, doch meist ohne das schwere Gestell, dass ihre Mütter trugen, während die Krinoline im frühen viktorianischen Zeitalter noch jedes Mädchen tragen musste. Der wichtigste Aspekt viktorianischer Mädchenmode ist wohl die Rocklänge. Hier wird es ein klein wenig kompliziert. Röcke, die über den Knöchel reichten, wie sie junge Frauen trugen, waren für junge Mädchen immer erlaubt.

Röcke, die nur bis unter das Knie reichten, jedoch nicht. Ähnlich wie bei den Jungen wird der Rock des Mädchens mit dem Alter länger, bis er die Erwachsenenlänge - also bis zum Boden - erreicht hat, auch hier ein Symbol für das Erwachsenwerden. So dürfen vierjährige Mädchen noch recht kurze Röcke tragen, die knapp unter dem Knie enden. Mit acht ist der Rock schon ein ganzes Stück länger und mit 12 reicht er bereits bis zur unteren Wade. Es gibt in viktorianischen Frauenzeitschriften und Etikettenbüchern haufenweise Beschreibungen dazu, welche Rocklänge für welches Alter anständig ist.

Das Mädchen trug ihre Röcke natürlich nicht mit nackten Beinen, sondern mit dichten weißen oder schwarzen Strümpfen. Außerdem wurden natürlich auch von Mädchen besonders in der ersten Hälfte der Ära lange Unterhosen getragen, deren Spitzensäume ruhig unter dem Rock hervorschauen durften um zu verhindern, dass zu viel Bein sichtbar war, wenn der Wind unter die Krinoline fuhr und den Rock anhob. Mädchenmoden der viktorianischen Mode mögen ähnlich unbequem aussehen wie Frauenmoden, waren aber tatsächlich darauf ausgelegt für Kinder leicht zu tragen zu sein und Freiheiten zu erlauben. Gegen Ende des Jahrhunderts und in die edwardianische Zeit hinein kam es in Mode junge Mädchen und Frauen bis zum Alter von circa sechzehn Jahren in unschuldige weiße Mädchenkleider zu kleiden. Diese waren meist romantisch verspielt, mit viel Krause, Rüschen und flatternden Röcken.

Besonders beliebt war der Bluseneffekt, der durch eine Schärpe um die Taille erreicht wurde und den Trend der Erwachsenen imitierte, der zu einer vollen Brust tendierte. Dazu kamen ähnlich wie bei den Jungen Kleider mit Matrosenkragen in maritimen Farben. Ein weiterer Mädchentrend waren Schürzen und Kittel. Wer ein viktorianisches Mädchenkleid mit einer Schürze sieht, hat nicht zwingend die Kleidung eines armen Mädchens vor sich. Delikate weiße Schürzchen dienten dazu, die Kleidung des jungen Mädchens sauber zu halten, da es ihr durchaus erlaubt war, zu spielen und man mit Unfällen beim Essen und Trinken durchaus rechnete. Es gab sogar Schürzen für besondere Anlässe, wie Teepartys oder Besuche. Je hübscher das Mädchen aussehen sollte, umso reicher verziert waren Schürze oder Kittel. Oft waren sie aus weißer Spitze und mit Schleifen und Rüschen verziert.

Das Bild, das ich euch herausgesucht habe, zeigt ein sehr fein gearbeitetes Partykleid für junge Mädchen von 1885, an dem ihr nachempfinden könnt, wie sich der Stil, den erwachsene Damen der Epoche trugen, in Mädchenkleidern vereinfacht wiederfindet. Das Kleid verfügt über eine angedeutete Tournüre, jedoch natürlich ohne das schwere Gestell, das unter den Kleidern erwachsener Frauen in den 1880ern getragen wurde, das Kleid ist eindeutig darauf ausgelegt, dem Mädchen Raum zum Bewegen zu geben - trotzdem handelt es sich offensichtlich nicht um ein Spielkleid oder Alltagskleidung, sondern um das Äquivalent zum erwachsenen Abendkleid, das das Mädchen zu feierlichen Anlässen getragen hat und das als Prestigeobjekt für die Mutter gegolten hat. Denn genau wie die Kleidung der erwachsenen Frau sagte auch die Kleidung der Tochter einiges darüber aus, wer man war, was man sich leisten konnte und, dass man Geschmack hatte und sich und das Kind nach der neusten Mode kleidete.

Selbst nachlesen?

Setnik, Linda: Victorian Fashions for Women and Children. Society's Impact on Dress. 2012. 

1 Kommentar

  1. Gute Zusammenfassung und schöne Beispielbilder! Die Korsetts der jungen Mädchen sind übrigens sehr ähnlich den Puppenkorsetts und diese sind meist besser erhalten (klar, weil Puppen sich nicht so viel bewegen)!

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