Lily Elsie - Londons hellster Stern

Lily Elsie (Mrs Bullough) von James Jebusa Shannon, ca. 1916
Am achten April 1886 kommt in Armley, das heute zu Leeds in Yorkshire gehört, ein Mädchen namens Elsie Hodder zur Welt. Sie ist die uneheliche Tochter der Schneiderin Elisabeth Hodder, die gleichzeitig ein Gasthaus führt. Im Jahr 1891 bekommt Elsie einen Vater: Ihre Mutter heiratet William Cotton, der in einem Theater als "Gepäckmann" angestellt ist - also jemand, der auf die Habseligkeiten der im Theater arbeitenden Leute acht gibt und dafür sorgt, das immer alles zur richtigen Zeit am richtigen Fleck ist. 

Elsie selbst ist sehr schüchtern, tritt jedoch trotzdem bald als Kinderstar in Manchester in Music Halls auf. Anscheinend kam Elsie, die als "Little Elsie" in kurzen, meist lustigen Stücken auftrat, nicht bloß über ihren Stiefvater, sondern auch über ihre Mutter zum Theater, die ihren Beruf als Schneiderin in Elsies frühen Jahren aufgab, um Schauspielerin zu werden. Elsie machte bald durch ihre besonders klare Singstimme und ihr Talent, auch die höchsten Töne zu treffen, auf sich aufmerksam.

Little Elsie Hodder - Der Weg nach oben 

Bekanntheit erlangte "Klein Elsie" im Alter von bloß zehn Jahren, als sie das Rotkäppchen spielte. Daraufhin war sie immer öfter in Komödien und später in Musicals zu sehen, reiste mit Theatergruppen durch England und ließ sich schlussendlich nach London spülen, wo sie im Jahr 1903, im Alter von siebzehn Jahren, der Theatergruppe von George Edwardes beitrat und ein Chormädchen am Daly's Theatre wurde. Wann Elsie Hodder zu Lily Elsie wurde, ist leider nicht ganz geklärt. In den Daten zur Volkszählung von 1901, die sie und ihre Mutter als Schauspielerinnen listet, ist die Fünfzehnjährige bereits als Lily Elsie eingetragen - der Name sollte sie berühmt machen. Allerdings nicht allzu bald. Nach einigen Hauptrollen wurde sie nämlich im Jahr 1905 von George Edwardes gefeuert - wegen Aufmüpfigkeit. Lily war zu unfreundlich mit ihrem Publikum umgegangen und hatte einen schlechten Eindruck hinterlassen. Ein paar Wochen später ließ Edwardes sie allerdings wieder zur Gruppe stoßen und kleine Rollen spielen, als er davon hörte, dass Lily keine neue Anstellung finden konnte. 

Unter anderem spielte Lily im Gaiety Theatre und im Apollo Theatre, doch ihr großer Durchbruch kam unverhofft. Als der Erfolg des Theaters abnahm, brauchte George Edwardes spontan eine Schauspielerin für die Hauptrolle in der englischen Version von "Die lustige Witwe". Er nahm Lily mit nach Berlin, wo sie sich das Original ansahen und fragte Lily daraufhin, ob sie es sich zutraute die Hauptfigur Sonia so zu spielen, wie die überaus talentierte Mizzi Günther, die die Sonia in Berlin gab. Lily war ehrlich: Sie hatte nie eine richtige Gesangsausbildung bekommen und traute sich die Rolle, die anspruchsvolle Gesangseinlagen beinhaltete, nicht zu. Doch als die Produktion des Stücks auf der Kippe stand, da sich keine Schauspielerin für die Hauptrolle finden lassen wollte, sagte sie widerwillig zu. Später wurde über sie gesagt, sie wäre schön und talentiert gewesen, hätte aber nie gelernt, zu sich selbst zu stehen und etwas aus sich zu machen. Lily Elsie verkaufte sich oft unter Wert, traute sich Rollen, für die sie wie gemacht war nicht zu und war auch noch als Erwachsene sehr zurückhaltend und schüchtern.

Lily Elsie - Ein Star über Nacht

Lily mit Merry Widow Hat,
Postkarte, ca. 1907
"The Merry Widow", das als Lückenfüller geplant und hastig aufgezogen worden war, wurde zum Überraschungserfolg. Das Publikum liebte Lily, die die Rolle der Sonja neu erfand, besonders für ihre Art zu tanzen und die Anmut, die sie der Rolle verlieh. Plötzlich war Lily berühmt. Die Kostüme, die im Stück getragen wurden, waren plötzlich die neuste Mode, ganz besonders die Hüte, die als Merry Widow Hats in die Modegeschichte eingehen sollten. Lily wurde nicht nur über Nacht Englands beliebteste Schauspielerin, sondern auch ein Markenname. Wo Lily Elsie abgebildet war, kauften die Leute. Ihr Gesicht verzierte Kosmetikartikel und die Packungen von Süßigkeiten, war auf unzähligen Postkarten zu sehen. 

Die Designerin Lucile, bürgerlich Lucy, Lady Duff Gordon, die die Kostüme und Merry Widow Hats für das Stück entworfen hatte, engagierte Lily und nutzte sie als Werbung für ihre Kleider, die an den Kostümen, die Lily in ihren Stücken trug, orientiert waren. Sie war es auch, die Lily ihre unverwechselbare Frisur zauberte und von nun an für Lilys private Garderobe zuständig war. Mit dem Erfolg kamen weitere Rollen, die Lily immer berühmter machten, doch Lily selbst konnte nie verstehen, weshalb sie plötzlich so berühmt war und litt teilweise auch darunter. Sie war ein schüchterner Mensch, der gern für sich allein war und zudem als Kind oft kränklich und schwach gewesen. Die Anstrengungen des Theaterlebens sorgten bald dafür, dass sie krank wurde und Vorführungen verpasste. Lily blieb meist für sich allein und erzählte nicht gern von sich oder ihrer Vergangenheit.

Lily und Ian Bollough - Die späten Jahre 

Mit dem Ruhm kamen auch die Verehrer, die Lily regelrecht umschwärmten, ihr teure Geschenke und Anträge machten. Lily wies alle ab. "Ich war niemals dumm genug einem von ihnen mein Herz zu schenken und deshalb glauben sie, dass es etwas Wertvolles ist, das man haben muss", soll sie gesagt haben. Um das Jahr 1910 herum, Elsie war Mitte Zwanzig, traf sie auf Ian Bullough, den 26-jährigen Sohn eines englischen Millionärs, den sie im November 1911 heiratete, nachdem sie in "Der Graf von Luxemburg" die Hauptrolle gespielt hatte. Lily trug auf ihrer Hochzeit wie üblich ein Kleid von Lucile, von dem sie jedoch später sagte, sie hätte es furchtbar hässlich gefunden. Da ihre Gesundheit weiterhin unter der Anstrengung litt, ließ sie sich von Ian überreden für ein paar Jahre von der Bühne Abschied zu nehmen und spielte erst ab 1916 wieder regelmäßig. 1920 nahm sie sich jedoch eine weitere Pause. Lily musste immer öfter operiert werden, blieb von Vorstellungen fern und litt an Blutarmut, weshalb sie der Bühne neun Jahre lang fern blieb und mit ihrem Mann auf ein englisches Dorf zog, wo sie die Zeit mit Jagden und kleinen Gesellschaftsfeiern verbrachte. 

Lilys Ehe war nicht glücklich. Nachdem sie Ende der 1920er Jahre ein weiteres Mal für kurze Zeit auf die Bühne zurückgekehrt war, setzte sie sich 1930 ganz zur Ruhe und ließ sich von Ian, der ein Alkoholproblem entwickelt hatte, scheiden. Er starb bloß sechs Jahre später im Alter von bloß 51 Jahren. Lily war durch ihre Krankheit schreckhaft und noch schüchterner geworden. Bald hatten sich Freunde und Familie von ihr abgewandt und sie verbrachte einen Großteil ihrer verbleibenden Jahre in Sanatorien, nachdem bei ihr auch psychische Probleme festgestellt wurden. Später zog sie in das St. Andrew's Hospital in London, wo sie 1962 im Alter von 72 Jahren starb. In St. Andrew's soll Lily sehr glücklich gewesen sein, sie war ein Mensch, der gern für sich allein war. Das Mädchen, das in Armut als Tochter einer Schneiderin aufgewachsen war, war zum Star der Londoner Bühne geworden und zur Legende, die bis heute fasziniert. Einer ihrer größten Bewunderer war der Fotograf Cecil Beaton, der Fotografien von Lily sammelte. 

Im Gegensatz zu vielen anderen Ikonen der viktorianischen und edwardianischen Theaterära wissen wir übrigens, wie Lily Elsie klang. Hier singt sie mit Owen Nares das Duett "I'm So Very Glad I Met You" aus dem Stück "Pamela", aufgenommen 1918. Insgesamt wurden fünf Grammophonaufnahmen von den Liedern aus "Pamela" gemacht. Ich finde es immer sehr beeindruckend, wenn die Vergangenheit ein Stück näher rückt und greifbar wird, wenn wir ein Stück weit hören und nachempfinden können, wie edwardianische Musical-Comedy geklungen haben muss. Von den meisten großen Sängerinnen der Ära sind keine Aufnahmen erhalten, weshalb es etwas ganz Besonderes ist, den Star Lily Elsie noch heute singen hören zu können. Jetzt müssen wir uns nur vorstellen, das wir nicht 2015 vor unserem Computer sitzen, sondern 1918 im Palace Theatre in London.



Selbst nachlesen?:

David Slattery-Christy: Anything but Merry! The Life and Times of Lily Elsie. 2008.

Majer, Michelle (Hg.): Staging Fashion 1880 - 1920. Jane Hading, Lily Elsie, Billy Burke. 2012.

Dieses Buch konzentriert sich auf den modischen Aspekt von Lilys Karriere und wie Lily die Mode ihrer Zeit beeinflusst hat. Die Wechselwirkung zwischen dem Ruhm der Schauspielerinnen und Modedesign und wie eines Werbung für das andere war, wird sehr schön dargestellt.

Eine wunderschöne Webseite zu Lily, voller Bilder, Zeitungsausschnitte und kleiner Details. 

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